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Prozess gegen die Roten Khmer: "Begreift, was Ihr uns angetan habt!"


Am Dienstag begann in Kambodscha der Prozess gegen die Roten Khmer. Eine der Nebenklägerinnen ist die französische Autorin Denise Affonco, die das Terrorregime nur knapp überlebt hat. Auf BRIGITTE.de spricht sie über die schlimmsten Jahre ihres Lebens und ihre Wut auf die Verantwortlichen.

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Fast zwei Millionen Menschen fielen dem kommunistischen Terrorregime der Roten Khmer zwischen 1975 und 1979 zum Opfer. Systematisch ließ Diktator Pol Pot, der aus Kambodscha einen Agrarstaat machen wollte, Politiker, Intellektuelle, Lehrer oder Ärzte verfolgen und hinrichten. Auch die französische Staatsbürgerin Denise Affonco, damals in Phnom Pen zuhause, wäre bei der Zwangsarbeit auf den Reisfeldern fast umgekommen, ihr Mann und ihre Tochter starben. Über ihre Erlebnisse hat Affonco ein Buch geschrieben ("Der Deich der Witwen", Beck, 18,90 Euro), am 27. Februar erscheint es auf Deutsch.

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BRIGITTE.de: Frau Affonco, 30 Jahre nach dem Sturz des Regimes durch vietnamesische Truppen wird den Führern der Roten Khmer der Prozess gemacht. Sie selbst sind heute 64, mussten also fast die Hälfte Ihres Lebens auf diesen Moment warten. Ist das nicht zermürbend?

Denise Affonco: Allerdings! Natürlich ist es gut, dass der Prozess überhaupt stattfindet. Er setzt ja ein Zeichen: So etwas darf nie wieder geschehen! Doch um Gerechtigkeit zu schaffen, kommt er viel zu spät. Die Hauptverantwortlichen leben nicht mehr, Pol Pot, der Anführer, starb 1998 als Greis friedlich in seinem Bett. Meine Tochter musste als Achtjährige im Arbeitslager verhungern!

BRIGITTE.de: Wieso findet das Tribunal erst jetzt statt?

Denise Affonco: Meiner Meinung nach liegt das vor allem an der Verzögerungstaktik der USA und China. Diese Länder haben nach dem Einmarsch der Vietnamesen in Kambodscha die besiegten Roten Khmer ja sogar noch weiter mit Waffen ausgerüstet, aus Angst vor einem Erstarken Vietnams. Sicher, es war Kalter Krieg, die Supermächte wollten ihren Einfluss verteidigen. Von der Mitschuld entlastet sie das aber nicht. Bis 1990 hatten die Roten Khmer sogar einen UN-Sitz! Leider ist das beim Tribunal kein Thema.

BRIGITTE.de: Die Agenda ist trotzdem gewaltig, unter anderem haben 90 Opfer Nebenklagen eingereicht, darunter auch Sie. Werden Sie nach Kambodscha reisen?

Denise Affonco: Nein, ein Anwalt vertritt mich. Ich traue der kambodschanischen Führung noch immer nicht. Die Gesellschaft ist zerrüttet, ich würde mich nicht sicher fühlen. Seit meiner Emigration nach Paris 1979 war ich nicht mehr dort. Auch, weil ich mich vor allzu detaillierten Erinnerungen an den Horror in den Lagern fürchte.

BRIGITTE.de: Was würden Sie den Angeklagten denn sagen, wenn Sie vor ihnen stünden?

Denise Affonco: Ich würde sie fragen, warum sie ihr eigenes Volk so sehr gehasst haben, dass sie es auslöschen wollten. Bis heute kann ich das nicht verstehen. Und ich würde sie auffordern, sich ihr Verbrechen vor Augen zu führen: Begreift, was Ihr uns angetan habt! Sie wollten die intellektuelle Schicht eines ganzen Volkes vernichten, eine Gesellschaft zurück in die Steinzeit stoßen. Wenn das Tribunal erreicht, dass sie diese Schuld eingestehen, wäre ich zufrieden. Ich habe da aber wenig Hoffnung.

BRIGITTE.de: Nach dem Einmarsch in Phnom Pen trieben die Roten Khmer die Menschen zur Zwangsarbeit aufs Land, auch Sie und Ihre Familie. Wieso sind Sie nicht schon vor der Invasion emigriert, Sie hatten doch einen französischen Pass?

Denise Affonco: Stimmt, Frankreich hätte mir und meinen beiden Kindern sogar den Flug bezahlt. Doch mein Mann war Kambodschaner, er hätte das Ticket selbst zahlen müssen - was wir uns nicht leisten konnten. Also entschied ich mich zu bleiben. Es ahnte ja kein Mensch, wie schlimm alles werden würde. Im Gegenteil: Wir waren froh, dass der Bürgerkrieg vorbei war, hofften auf Frieden...

BRIGITTE.de: Wann merkten Sie, dass das ein Irrtum war?

Denise Affonco: Spätestens als die Roten Khmer uns ins Gesicht sagten, dass wir alle sterben würden: "Ihr seid jetzt unsere Kriegsgefangenen", sagten sie bei einer Versammlung kurz nach dem Auszug aus Phnom Pen. "Erschießen können wir Euch nicht alle, die Munition ist zu teuer. Deshalb werdet Ihr durch Hunger und harte Arbeit sterben." Sie haben unseren Tod ganz bewusst geplant. Das macht mich noch heute fassungslos.

BRIGITTE.de: Wie ging es für Sie und Ihre Familie weiter?

Denise Affonco: Wir wurden in Dörfern untergebracht und völlig von der restlichen Welt und unserem früheren Leben isoliert. Radio, Bücher, bunte Kleider, ja sogar Weinen und Gespräche über die Vergangenheit waren verboten, das Essen bis auf zwei Teller Reissuppe am Tag reduziert - trotz zehn bis zwölf Stunden Feldarbeit. Mein zehnjähriger Sohn wurde ins Kinderlager gesteckt, mein Mann eines Tages zur "Umerziehung" abgeholt. Erst später begriff ich, dass das ein anderes Wort für Hinrichtung war. Ich habe ihn nie wieder gesehen.

BRIGITTE.de: Auch Ihre Tochter starb in dieser Zeit.

Denise Affonco: Sie ist vor meinen Augen verhungert. Noch kurz vor ihrem Tod bat sie um ein Bällchen Reis. Ich konnte ihr nichts geben. Das trifft mich noch heute. Ich fühle mich so schuldig. Wenn ich rechtzeitig aus Kambodscha geflohen wäre, würde sie noch leben.

BRIGITTE.de: Wie haben Sie es geschafft, selbst zu überleben?

Denise Affonco: Ich hatte eine ungeheure Wut. Sie gab mir die Kraft, mich immer wieder aufzurappeln, weiterzuarbeiten. Selbst mit Fieber ging ich auf die Felder. Das hat mich gerettet. Nur dort konnte man heimlich Insekten, Fische oder Würmer sammeln und so den schlimmsten Hunger stillen.

BRIGITTE.de: Im Januar 1979 marschierten die Vietnamesen in Kambodscha ein, die Roten Khmer flohen in den Untergrund. Wie haben Sie diese Tage erlebt?

Denise Affonco: Ich war damals am Ende meiner Kräfte, hatte Ödeme, Malaria, schlimme Leberprobleme. Wären die Vietnamesen ein paar Wochen später gekommen, ich wäre gestorben. Als unsere Lagerführer geflohen waren, schleppte ich mich zusammen mit meinem Sohn zurück nach Phnom Pen. Dort wurden wir von den fremden Soldaten sehr gut behandelt, kostenlos mit Medikamenten und Essen versorgt und aufgepäppelt. Dafür bin ich ihnen noch heute dankbar.

BRIGITTE.de: Trotzdem sind Sie im November 1979 nach Frankreich emigriert. Wieso?

Denise Affonco: Ich wollte meinem Sohn eine gute Ausbildung ermöglichen. Das ging in Kambodscha nicht. In Frankreich konnte er zur Schule gehen. Heute kämpft Jean-Jacques zwar immer noch mit Albträumen, doch er hat in Paris eine Familie gründet, sich ein bürgerliches Leben aufgebaut.

BRIGITTE.de: Haben Sie auch noch mal eine Familie gegründet?

Denise Affonco: Ich hätte es so gern getan! Doch wegen der Mangelernährung kam ich schon mit Mitte 30 in die Wechseljahre. Eine zweite Tochter konnte ich nie bekommen. Doch ich habe noch mal geheiratet, einen guten Job gefunden, inneren Frieden. Und ich konnte mein Buch veröffentlichen. Gewidmet habe ich es meiner Tochter.

Interview: Kristina Maroldt Foto: TANG CHHIN SOTHY/AFP/Getty Images

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