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R. Kelly Darf man eigentlich noch seine Musik hören?

R. Kelly
R. Kelly
© E. Jason Wambsgans-Pool / Getty Images
Der Strafprozess um den einstigen Megastar R. Kelly hat begonnen, die grausamen Anschuldigungen von Missbrauch bis hin zu Menschenhandel sind schwer zu ertragen. Aber: Inwieweit darf oder muss man Kunst und Künstler voneinander trennen? Ein Kommentar. +++ Triggerwarnung: Sexueller Missbrauch.

Ich war vor kurzem auf einer Hochzeit. Die Stimmung war ausgelassen, wir tanzten um drei Uhr nachts barfuß. Dann legte der DJ den R. Kelly-Partyhit "Fiesta" auf. Jubelschreie der Feiernden. Mein Magen verkrampfte, ich verließ die Tanzfläche. Ich konnte und wollte einfach nicht zu dem Song eines mutmaßlichen Täters feiern. Viele meiner Freunde sahen das anders, wollten mich wieder zum Tanzen motivieren. Grundsatzdiskussion auf der Hochzeit von Freunden? Fühlte sich irgendwie falsch an. Viele fanden mich radikal, ich fand viele ignorant. Gibt es eine Antwort auf die Frage, ob sich Kunst und die Person dahinter trennen lassen? Einfach ist sie jedenfalls nicht ...

R. Kelly: Der Prozess hat begonnen

In New York begann nun vor wenigen Tagen ein Strafprozess gegen den einstigen R'n'B-Superstar Robert "R." Kelly (54). Kelly werden derzeit in zwei laufenden Bundesverfahren sowie einem weiteren Strafprozess sexuelle Ausbeutung Minderjähriger, Menschenhandel, Behinderung der Justiz und Bestechung vorgeworfen. Der Musiker sitzt seit 2019 im Gefängnis und weist alle Vorwürfe als eine Rufmordkampagne zurück. Zweifel an Kellys Schuld gibt es trotzdem wenige, die Aussagen der Zeug:innen sind grausam und erschütternd, es gibt zudem reichlich Beweismaterial.

In den USA werden Sexualstraftäter oft als "Predators" bezeichnet, als Raubtiere: Sie wollen ihre Opfer wie Beute erlegen und gefügig machen; sie versuchen, ihre Persönlichkeit zu brechen. Schon in der Dokumentation "Surviving R. Kelly", die unzählige Betroffene zu Wort kommen lässt, waren diese Manipulationen Kellys schwer zu ertragen. Nicht wenige konnten die Schilderungen der Gräueltaten nicht mit anhören. Auch ich konnte mir die Serie nicht zu Ende anschauen, viele Fragen haben mich nachts nicht schlafen lassen: Für wie unfehlbar muss sich ein Mann halten, um zu glauben, damit durchzukommen? Warum hat diesen vielen Frauen trotz erdrückender Beweislast niemand geglaubt – etwa, weil sie nicht weiß sind? Und auch: Darf man die Musik des Künstlers noch hören? Zumindest darauf hatte ich für mich eine klare Antwort gefunden: nein.

Auch ich habe die Songs des einst legendären Sängers mit der sanften Stimme geliebt, es waren meine Club-Hymnen in der Teenie-Zeit. Aber lassen sich Titel wie "World's Greatest", "Sex me" und "Legs Shakin''" mit dem Wissen von heute noch genauso mitschmettern? Mir dreht sich, wie bei besagter Hochzeitsfeier, eher der Magen um. R. Kelly wird vorgeworfen, er soll seinen Ruhm gezielt genutzt haben, um junge Mädchen, und auch deren Eltern, von seiner reinen Weste und seinen ach so guten Absichten zu überzeugen. Hinter buchstäblich verschlossenen Türen habe er dann sein Monster-Gesicht gezeigt und Leben zerstört. Was seine Inspirationen für die Songs waren, möchte ich mir heute nicht ausmalen. Auch wenn seine Lieder populäre Hits mit eingängigen Melodien waren, darf man ihn daran nicht messen und heroisieren.

Kunst und Künstler: untrennbar verbunden?

Das gilt natürlich nicht nur im Fall von R. Kelly. Auch bei anderen Kunstschaffenden stellt sich die Frage nach künstlerischer Unantastbarkeit, auch bei schlimmstem Fehlverhalten. Was ist mit Filmen von Woody Allen? Was mit Musik von Michael Jackson? Und wie geht man mit Serien mit Kevin Spacey oder Bill Cosby um? Dürfen all diese Menschen Legenden ihrer Branche bleiben?

Fest steht: Unfaire Gerichtsverhandlungen mit Täter-Opfer-umkehrenden Plädoyers, fehlende Schuldeingeständnisse und sehr gute PR-Strategien (die sich eben auch nur Menschen mit genügend Ressourcen leisten können) sind nicht nur schlimmster Hohn für die Überlebenden, sondern sorgen auch meist dafür, dass viele Täter mit nur kleinen Kratzern im Image-Lack aus solchen Prozessen rauskommen – und nicht mit zerschepperten Karrieren.

Am Ende muss jede:r die Frage für sich selbst beantworten und eine eigene Moral-Grenze ziehen. Dennoch: Zumindest sollten wir uns Gedanken darüber machen, ob wir uns mit den Werten und Taten unserer Stars identifizieren können. Letztendlich profitieren die nämlich, auch monetär, von jedem Stream, Like oder Kinobesuch.

Dass Genie und Wahnsinn sprichwörtlich nah beieinander liegen, also gute Kunst den irren Künstler rechtfertigt, darf einfach keine Entschuldigung sein.

Brigitte

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