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Ralf, die Hebamme "Sie sagte: 'Es geht los'": RTL-Reporter über den Alltag als Hebamme – und Tränen im Kreißsaal

Ralf Herrmann über den harten Alltag als Hebamme - Ralf horcht ein Baby ab
RTL-Reporter Ralf Herrmann bei seinem Hebammen-Praktikum in einer Berliner Klinik mit jährlich 3000 Geburten.
© RTL
RTL-Reporter Ralf Herrmann hat in den Beruf der Hebamme hineingeschnuppert. Wie der harte Alltag im Kreißsaal aussieht und zu welch dramatischen Momenten es kommen kann, schildert "Ralf, die Hebamme" im stern-Interview.

Herr Herrmann, wie nennt man eigentlich Männer, die unter anderem bei Geburtsvorbereitung und Geburt helfen?

Früher hießen männliche Hebammen Entbindungspfleger, aber seit 2020 ist die offizielle Bezeichnung auch für Männer Hebamme.

Wie sind Sie auf das Thema gestoßen?

Schon seit Jahren höre ich in meinem Bekanntenkreis immer wieder, wie schwierig es sei, als schwangere Frau eine Hebamme zu finden. Irgendwann wollte ich wissen: warum ist das so?

Sie hätten als Reporter Hebammen begleiten können. Warum selbst in die Rolle schlüpfen?

Wenn ich Zuschauern all die Facetten dieses Berufes zeigen will, die Emotionen – Freude, Schmerz, Liebe, Unsicherheit – genügt es nicht, nur mit Hebammen zu sprechen, sie zu begleiten und darüber zu berichten. Ich muss alles hautnah selbst erleben.

Wie reagierten Freunde und Kollegen auf die Idee?

Viele erklärten mich für verrückt.  

Wann begannen Sie mit der Recherche?

Bereits im vergangenen Jahr. Wir waren ein kleines Team, nur meine Autorenkollegin Dagmar Vetter und ich, und der Beginn war zäh.

Was war das Problem?

Eine Geburt gehört zu den intimsten Momenten im Leben. Verständlicherweise wollen viele Frauen oder Paare keinen Reporter daran teilhaben und auch noch filmen lassen.  

Wie fanden Sie eine Frau, die damit einverstanden war?

Erstmal musste ich eine Hebamme finden, die den Mut aufbringt, dass ich, der Fernseh-Reporter, an ihrer Seite als Hebamme arbeiten darf. Über diese Hebamme lernte ich dann Kathi kennen, die eine Hausgeburt plante. Nachdem sie mich kennengelernt hatte, erlaubte sie mir, dabei zu sein, wenn ihr Kind zur Welt kommt.

Was haben Sie in dem Moment gedacht?  

Ich hatte tierisches Herzklopfen und wusste: jetzt wird es ernst. Mir blieben nur wenige Monate Zeit.

Welche Trainings haben Sie zur Vorbereitung absolviert?

Die Hochschule für Gesundheit in Bochum ließ mich am Studiengang Hebammenwissenschaft teilnehmen. Neben Theorie ging es direkt in die praktischen Übungen mit Puppen und Kunstblut, wie bei einer richtigen Geburt. So habe ich auch gelernt, wie wir Gebärende motivieren, die am Ende ihrer Kräfte sind. Anschließend Praktikum in einer Berliner Klinik mit jährlich 3000 Geburten.   

Ralf, die Hebamme: "Mir standen Tränen in den Augen"

Was hat Sie dort besonders beeindruckt?

Zunächst ist es ein Unterschied, ob man einer Schwangeren zu Hause den Bauch abtastet oder in einem Krankenhaus arbeitet, wo Frauen in sechs Kreißsälen gleichzeitig Hilfe benötigen. Am dramatischsten war ein Kaiserschnitt, bei dem ich mit Haken die Bauchdecke aufhalten durfte, während der Arzt das Kind geholt hat.

Was war das für eine Situation?

Erst schien alles normal, das Kind schrie, die Hebamme wollte der Mutter das Kind in den Arm legen. In diesem Augenblick verstummte es, war regungslos. Die Hebamme und ich sind dann ganz schnell mit dem Kind in den Notfallraum. Ich sah zu, wie die Kinderärzte und die Hebamme das Neugeborene versorgten, fühlte mich hilflos. Ich dachte: Bitte, lass alles gut gehen. Die Kleine hatte noch Fruchtwasser in der Lunge. Aber dann schrie sie wieder, zwei Tage später konnten Mutter und Kind die Klinik verlassen.

Wie verarbeiten Hebammen solche Momente?

Am diesem Tag war ich einer sehr erfahrenen Hebamme zugeteilt. Sie war in solchen Situationen routiniert. Trotzdem, sagte sie, würden sie Krisen immer wieder belasten.  

Was war Ihr schönstes Erlebnis in der Klinik?

Das war in einer Nachtschicht. Die Wehen einer Schwangeren begannen, und ich stand ohne Vorwarnung als Hebammen-Schüler neben dem Bett im Kreißsaal, hielt ein Bein der Frau nach oben und war plötzlich Teil der Geburt, das war so berührend. Am Ende bat mich die Frau, die Nabelschnur durchzuschneiden, da standen mir Tränen in den Augen. 

"Ein erfüllender Beruf, mit abschreckenden Arbeitsbedingungen"

Ein Traumberuf also?   

Ein erfüllender Beruf, gleichzeitig schrecken die Arbeitsbedingungen ab.

Was kritisieren Sie?

Wir müssen unterscheiden zwischen festangestellten Hebammen in Kliniken und selbstständigen Hebammen. Letztere müssen unglaublich hohe Beiträge für ihre berufliche Haftpflichtversicherung zahlen. Deshalb betreuen nur noch wenige Hausgeburten, sondern beschränken sich auf Vorsorge und Wochenbettbetreuung. Diese Arbeit wiederum wird nicht angemessen entlohnt.

Wie viel verdient eine freiberufliche Hebamme?

In NRW laut einer Studie durchschnittlich knapp 2200 Euro netto im Monat. Das hört sich erst mal gar nicht so schlecht an, ist aber überhaupt nicht angemessen.

Warum?

Natürliche Geburten lassen sich nicht planen. Die freiberufliche Hebamme, die ich begleitet habe, ist zum Beispiel seit vielen Monaten in 24-Stunden-Rufbereitschaft. Sie kann also privat gar nichts planen.

Was heißt das konkret? 

Das habe ich selbst erlebt. Meine Rufbereitschaft dauerte nur knapp vier Wochen, aber danach am Ende war ich fix und fertig. Ich durfte die Stadt nicht verlassen, musste ständig darauf achten, keine Nachrichten auf dem Smartphone zu verpassen, sobald ich einen Laden betrat, kontrollieren, ob es Handyempfang gab. Nachts schlief ich schlecht, es konnte ja jederzeit das Telefon klingeln. Meine Eltern hatten Goldene Hochzeit, doch die Feier fand ohne mich statt. Zu weit weg. Privatleben? Für freiberufliche Hebammen sehr schwierig.

Warum nehmen Hebammen solche Nachteile in Kauf?

Das machen nur Menschen, die ihren Beruf mit Leidenschaft und Enthusiasmus ausüben. Das wird viel zu wenig wertgeschätzt.

"Sie sagte: 'Es geht los.' Es folgte die nervenaufreibendste Autofahrt meines Lebens"

Haben es festangestellte Hebammen besser

Auch sie haben einen harten Alltag, müssen im Schichtdienst arbeiten, dazu kommt purer Stress. Für viele Klinikhebammen unbefriedigend: Eine wünschenswerte eins-zu-eins-Betreuung ist aufgrund des Personalmangels in den meisten Kreißsälen unmöglich.

Haben Sie das auch erlebt?

Ich erinnere mich an eine Situation im Kreißsaal: Vor mir lag zitternd eine Frau, kurz vor der Entbindung. Ich wollte gern bei ihr bleiben. Doch dann musste ich ganz schnell den Kreißsaal verlassen, weil nebenan eine andere Schwangere Alarm ausgelöst hatte. Ich hatte das Gefühl keiner der beiden gerecht zu werden.

Wie reagieren Frauen, wenn plötzlich eine männliche Hebamme vor ihnen steht?

Ich habe als Hebamme nur gute Erfahrungen gemacht. Eine andere männliche Hebamme hat mir aber verraten, dass er eher mit älteren Hebammen-Kolleginnen aneinander gerät, die ihn als Kollegen nicht so richtig akzeptieren wollen. Die schwangeren Frauen haben damit in der Regel kein Problem.

Sie hatten einen Kameramann dabei. Wie schafft man es, einerseits intime Momente der Geburt einzufangen, andererseits Privatsphäre und Schamgefühl zu respektieren?

Dem ganzen Film-Team war selbstverständlich schon vor den Dreharbeiten klar, dass wir mit diesem Thema während des Drehs und auch im Schnitt ganz behutsam umgehen. Und das hat ganz toll funktioniert.

Wie ging es mit Kathi weiter, die Sie als Hebamme ausgewählt hatte?

Mitten in der Nacht erreichte mich der Anruf ihrer Hebamme, mit der ich zusammengearbeitet habe. Sie sagte: "Es geht los." Es folgte die nervenaufreibendste Autofahrt meines Lebens – von meinem Wohnort Köln zu Kathi nach Dortmund. Denn das Kind hatte es sehr, sehr eilig auf unsere Welt zu kommen.

Ob es TV-Reporter Ralf Herrmann am Ende tatsächlich schafft, als Hebamme einem Kind per Hausgeburt auf die Welt zu helfen, sehen Sie am Donnerstag, den 7. Juli um 20:15 Uhr in der Sendung "Ralf, die Hebamme" bei RTL.

Dieser Artikel ist ursprünglich bei Stern.de erschienen


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