Frauen auf dem Sprung: "Schluss mit dem Konkurrenzkampf ums richtige Lebensmodell"

Unsere Studie "Frauen auf dem Sprung" hat die Debatte darüber, wo Frauen heute stehen, neu angeheizt. Wie Prominente aus Politik, Medien und Gesellschaft die Studie kommentieren.

"Frauen tragen die Hauptbürde einer Doppelbelastung"

Anke Domscheit-Berg, selbständige Unternehmerin und Autorin

Ich gebe immer wieder Workshops für Berufseinsteigerinnen, Doktorandinnen, Mentees und höre von jungen Frauen, dass es „gläserne Decken“ gar nicht mehr gebe. Sie erleben Männer ihres Alters als modern in ihren Anschauungen, sind gut ausgebildet, voller Tatendrang und rasen ungebremst auf Barrieren zu, bis sie Kinder bekommen oder in Führungsetagen vordringen wollen. Weil sie eben doch noch die Hauptbürde einer Doppelbelastung tragen müssen und gläserne Decken für Frauen mit Kindern immer noch undurchdringlich sind.

"Viele Männer wollen genau das gleiche"

Agnieszka Brugger, MdB für Bündnis 90/Die Grünen

In vielen Gesprächen mache ich die Erfahrung: Junge Frauen wollen heute beides - Karriere und Kinder. Ohne Wenn und Aber. Mein persönlicher Weg wäre mir wahrscheinlich ohne einen verständnisvollen Partner, der mir immer wieder den Rücken freihält, nicht möglich gewesen. Deshalb setze ich mich als Politikerin für Gleichberechtigung in der Partnerschaft, eine faire Aufteilung der Familien- und Fürsorgearbeit und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein, insbesondere bei den Arbeitszeiten und in Bezug auf ausreichende und gute Kita-Plätze. Viele Männer wollen übrigens genau das gleiche!

"Ich bin optimistisch"

Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Arbeit und Soziales

Die Ergebnisse zeigen ganz klar, dass wir in puncto Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch lange nicht am Ziel sind. Wir brauchen noch mehr und flexiblere Angebote bei Kitas und Ganztagsschulen. Damit Karrieren in Teilzeit normal werden, muss das Rückkehrrecht in Vollzeit kommen. Unternehmen müssen konkret Frauen in Karrieren fördern; deshalb ist eine Frauenquote in Aufsichtsräten ein Ansporn, im Unternehmen die Hürden im Arbeitsalltag beiseitezuräumen. Aber die Arbeitsteilung zu Hause können nur die Paare untereinander aufteilen. Ich bin da aber optimistisch, weil der Trend klar in die richtige Richtung geht, dass sich Männer und Frauen die Aufgaben besser teilen - im Job und zu Hause.

"Dauergestresste Mitarbeiter"

Caren Miosga, "Tagesthemen"-Moderatorin

Um Frauen ein Leben mit Kindern und Job zu ermöglichen, müssen vor allem die Unternehmen und Arbeitgeber familienfreundlicher denken: betriebseigene Kitas, flexible Arbeitszeiten und die Überzeugung, dass weniger dauergestresste Mitarbeiter auch dem Unternehmen guttun. Erst wenn es als selbstverständlich erachtet wird, dass Frauen UND Männer neben der Arbeit auch noch ein Leben als Mütter und Väter haben, werden sich mehr berufstätige Frauen für mehr Kinder entscheiden.

"Andere Länder sind uns voraus"

Reinhold Beckmann, Fernsehmoderator

Erschreckendes Ergebnis der Studie ist für mich, dass Frauen offenbar immer mehr Grund haben, Deutschland verstärkt als ein nicht kinderfreundliches Land wahrzunehmen. 200 Milliarden Euro gibt Deutschland jährlich für seine Familien aus, und doch sind uns nach Ansicht vieler Experten andere Länder in vielen Bereichen voraus - bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, der Qualität der Kinderbetreuung oder der Anerkennung von Teilzeitarbeit. Hier bleiben für die künftige Bundesregierung noch gewaltige Aufgaben zu erledigen.

"Macht und Wickeltisch"

Manuela Schwesig, Ministerin für Arbeit, Gleichstellung und Soziales in Mecklenburg-Vorpommern und stellvertretende SPD-Vorsitzende

Junge Frauen gehen heute selbstbewusst und eigenständig durchs Leben. Familie, Beruf und finanzielle Unabhängigkeit - das ist für sie selbstverständlich. Sie sind gesprungen. Doch die Rollenbilder in der Gesellschaft haben mit dem Tempo der Frauen nicht mitgehalten. Es fehlt allzu oft das Unterstützungsnetz. Es sind immer noch vor allem die Frauen, die die Doppelbelastung von Berufstätigkeit und Organisation des Familienlebens schultern. Jetzt müssen wir die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass sie beides teilen können mit den Männern. Wir brauchen eine familienfreundliche Arbeitswelt, gute Ganztagsangebote in Kitas und Schulen und Männer, die ebenfalls beides wollen: die Macht und den Wickeltisch.

"Die Partner müssen auch mal zurückstecken"

Vivian Naefe, Filmregisseurin (Ihr Film "Der Geschmack von Apfelkernen" ist ab dem 26.9. im Kino)

Meine Tochter hat mit 27 ein Studium, einen Roman und fünf Kino-Drehbücher fertiggestellt. Und sie hat eine drei Monate alte Tochter. Deshalb weiß ich ganz aus der Nähe: Es gibt immer noch viel zu wenig Kita-Plätze und Tagesmütter. Politik und Gesellschaft müssen Frauen viel mehr unterstützen. Und die Partner müssen eben auch mal zurückstecken und eine Teilzeitbeschäftigung annehmen.

"Das geht nur, wenn beide wollen"

Alexa Henning von Lange, Schriftstellerin

Ich wollte immer gern viele Kinder haben. Auch wenn mich sämtliche Frauen aus meiner Familie davor gewarnt haben. Ich sollte es geschickter anstellen, um nicht als finanziell abhängiges Opfer zu enden. Also entschied ich mich für einen Beruf, den ich von zu Hause aus ausüben konnte: Schriftstellerin. Immer mehr Frauen um mich herum machen sich selbständig, um Mutter sein und arbeiten zu können. Dieses Selbstbewusstsein schafft ein gesundes Gleichgewicht zum Partner. Miteinander in der häuslichen Fürsorge entsteht nur, wenn beide wollen. Dieses gemeinsame Wollen wird die Strukturen unserer Arbeitswelt verändern.

"Wir müssen die Männer ermutigen"

Katrin Göring-Eckardt, Spitzenpolitikerin von Bündnis 90/Die Grünen

Berufstätige Mütter sind immer noch Gegenstand hitziger Debatten, berufstätige Väter scheinbar die Normalität. Dabei heißt Gleichstellung eben nicht: Frauen sind verantwortlich für Kinder und Familienversorgung und sollen arbeiten und wenn möglich sogar Karriere machen. Echte Gleichstellung braucht eine andere Verteilung von Arbeit zwischen den Geschlechtern und gesetzliche Regelungen, die Paaren die partnerschaftliche Aufteilung erleichtern. Und wir müssen die Männer dazu ermutigen, sich auf neue Wege einzulassen.

"Beziehungen nicht im Lebenstraumballast ersticken"

Pia Ziefle, Schriftstellerin und Bloggerin(piaziefle.de)

Wir sollten uns nicht als Wirtschaftseinheit, sondern als Lebensgemeinschaft verstehen, in der jede ihren Platz hat. Dann achten wir eine Frau, die im Augenblick voll bei ihren Kindern ist, wir achten die andere, die voll in ihrem Beruf aufgeht, und achten diejenige, die einen dritten Weg geht. Wir betrachten Beziehungen neu, ersticken sie nicht mit Lebenstraumballast - vor allem entziehen wir so dem kräftezehrenden Konkurrenzkampf um das richtige Lebensmodell endlich den Nährboden.

"Vergesst nicht zu leben"

Susanne Daubner, "Tagesschau"-Sprecherin

Wir brauchen keine Frauenquote und kein Betreuungsgeld, sondern endlich die nötigen Rahmenbedingungen, damit Mütter ohne schlechtes Gewissen arbeiten gehen können. Hier sind Politik und Unternehmen in der Pflicht. Es geht nur noch um Wachstum, dabei sind die Bedürfnisse des Menschen aus dem Blick geraten. Ich wünsche der jungen Generation, dass sie trotz des enormen Druckes, der ja schon in der Schule beginnt, auf ihre Wünsche vertraut und nicht vergisst zu leben. Und, liebe Frauen - Arbeitsteilung im Haushalt ja, aber bitte jeder nach seinen Möglichkeiten. Ein Mann sollte auch noch ein "Mann" bleiben dürfen!

"Lasst euch nicht einschüchtern"

Julia Offe, Molekularbiologin und Gründerin des Science Slam

Was kann ich jungen Frauen heute raten? Sucht euch einen Job, der euch ausfüllt und glücklich macht, und setzt euch durch, wenn ihr viel arbeiten UND Kinder haben möchtet. Sucht euch einen Partner, der weiß, dass Eltern gemeinsam verantwortlich für ihre Kinder sind. Lasst euch nicht einschüchtern, wenn euch jemand weismachen möchte, dass man als Mutter besser zu Hause bleibt. Arbeitet, engagiert euch und lebt euren Kindern damit vor, dass man der Welt nicht ausgeliefert ist, sondern dass man sie verändern, voranbringen und verbessern kann. Denn was könnte man Schöneres für seine Kinder tun, als ihnen eine bessere Welt zu hinterlassen?

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