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Rebecca Niazi-Shahabi: Bündnispartner gesucht

Eine Frau auf der Suche nach dem richtigen Mann im 5-Parteien-System. Lesen Sie einen Auszug aus Rebecca Niazi-Shahabis Buch "Bündnispartner gesucht".

Am Donnerstagabend regnet und stürmt es. Ullrich und ich fahren mit der S-Bahn nach Lichtenberg. Als wir in Lichtenberg aussteigen, ist das Gewitter genau über uns. Es ist dunkel wie in der Nacht, und kein Mensch ist auf der Straße. Der Wind weht so stark, dass es uns die Schirme aus der Hand reißt und den Regen ins Gesicht schlägt. Innerhalb von einer Minute sind wir vollkommen durchnässt. Auch Ullrich hat jemanden zu der Lesung bestellt, eine Frau, er hat sie vor kurzem auf einer Party kennengelernt. Während wir uns durch den Regen kämpfen, erzählt er mir von Viola. Sie ist jünger als er und studiert Kunst und Fotografie in Zürich. Wir brauchen fast eine halbe Stunde, um in dem verlassenen Hochhausviertel das Kulturzentrum zu finden, in dem die Lesung stattfinden soll.

«Das findet Viola nie», sorgt sich Ullrich.

Darum mache ich mir bei Matthias keine Sorgen. Er hat mir geschrieben, dass er in seinem Firmenwagen den präzisesten Navigator hat, den es zurzeit auf dem Markt gibt.

Im Veranstaltungssaal hat man bereits Platz genommen - das Publikum besteht hauptsächlich aus Bewohnern des angrenzenden Altersheims. Rüdiger Warnstädt steht vor den Stuhlreihen an einem Lesepult, hat aber noch nicht angefangen zu lesen. Ich gehe zu ihm und begrüße ihn mit einer Umarmung. Die alten Damen im Publikum kommentieren das mit einem lauten «Uijuijui».

Plötzlich ist mir alles peinlich: der Ort, der Anlass, der Zustand, in dem ich mich befinde. Durchgeweicht und tropfend sitzen Ullrich und ich auf unseren Stühlen und warten auf unsere «Love interests». Ullrich schaut ununterbrochen zur Tür, ich versuche, diesen Impuls zu unterdrücken.

Viola ist zuerst da. Sie ist hübsch, ein mädchenhafter Typ. Sie steht in der Tür, und als sie uns entdeckt, wirft sie uns - so kommt es mir vor - ein bühnenreifes Lächeln zu. Sie setzt sich neben Ullrich und hört gar nicht mehr auf zu lächeln, ihr ganzes Auftreten wirkt auf mich inszeniert. Ullrichs Aufmerksamkeit gilt nur noch ihr. Er beobachtet Viola dabei, wie sie einen Block und einen Stift aus ihrer grünen Filzhandtasche packt und sogleich beginnt, die Zuschauer zu zeichnen. Endlich kommt Matthias.

Er setzt sich auf den Platz links von mir, den ich ihm freigehalten habe, nickt mir kurz zu und richtet dann den Blick nach vorne auf den Vortragenden. Ich habe das starke Bedürfnis, mich für die Umgebung zu entschuldigen. Wie dumm von mir, für das erste Treffen einen derart antierotischen Ort auszuwählen - die Hälfte der Leute sitzt im Rollstuhl! Dabei wollte ich ihn doch beeindrucken, mit der Bekanntschaft zu dem Richter und Schriftsteller Warnstädt. Und wie bin ich auf die Idee gekommen, Ullrich dazuzuladen, der die ganze Zeit verzückt auf Violas Block schaut, auf den sie nicht erkennbare Dinge kritzelt?

Ich linse vorsichtig zu Matthias rüber, hier in diesem Saal traue ich mich nicht, mit ihm zu flirten. Unangenehme Bilder drängen sich zwischen meine Phantasien von einem ersten Kuss. Ich sehe Matthias, wie er sein Gebiss rausnimmt, und dann uns beide, wie wir nebeneinander jeder mit einem Gehwagen die Straße entlanggehen. Es ist furchtbar, aber es ist die Wahrheit: Die Menschen tun sich zusammen, um im Alter nicht allein zu sein. Ich versuche mich zu trösten, das Alter kommt ja nicht von einem Tag auf den anderen, wir haben ja Zeit, uns daran zu gewöhnen. Richtig froh macht mich der Gedanke nicht.

Anschließend eröffnet er die Sitzung. Günther Nooke ist nur zehn Jahre älter als ich. Das weiß ich, weil ich einen Zeitungsartikel über ihn gelesen habe, doch er sieht mindestens zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre älter aus und verhält sich auch so. Der patriarchalische Ortsvorsitzende, der freundliche und gerechte Vater, redet ruhig, aber seine Hände sind ständig in Bewegung. Permanent rückt er das Papier gerade, das vor ihm liegt. Dann richtet er das Handy und den Stift parallel zum Block aus, und schließlich auch den Bierfilz. Doch kaum liegt alles in schönster Ordnung, wird es erneut von ihm umdekoriert. Er stellt die Tagesordnung vor und mit einem Mal ist seine Brille dran: auf und ab, auf, ab, dann wieder auf, dann ab. Dann wieder auf? Nein, er hält sie nur neben sein Gesicht, klappt die Bügel auf und wieder zu, und legt sie doch wieder hin. Zwischendurch schaut er freundlich zu mir herüber. Er ist bemüht, mich als neues Mitglied oder Gast mit einzubeziehen. Ich kann mich nur nicht auf das, was er sagt, konzentrieren. Ich versuche, meinen Blick von seinen räumenden Händen zu lösen und schaue mich unter den Anwesenden um. Mir schräg gegenüber sitzt der Exzentrische, und um ihn herum neun Männer, und zwar - unglaublich, das war mir vorher gar nicht aufgefallen - hübsche und junge Männer. Alle neun sehen aus wie Dressmen! Sie sind modisch gekleidet, und die meisten haben eine sehr gute Figur, soweit ich das von meinem Platz aus beurteilen kann. Die Gruppe wirkt wie die Gestalt gewordene Novelle Narziss und Goldmund. So schöne Männer habe ich lange nicht mehr gesehen, Typ empfindsame Studenten mit Idealen - und bestimmt nicht an Frauen interessiert. Einer von den Schönen meldet sich und sagt: «Bevor wir zum nächsten Tagesordnungspunkt kommen, sollten wir die Angelegenheit mit den neuen Mitgliedern klären.» «Was gibt es zu klären?», fragt Nooke. Seine Stimme wird lauter. Brille ab.

«Wir wollen wissen, wie es jetzt weitergeht. Es sitzen ja einige hier, die seit Monaten auf ihr Mitgliedsbuch warten.» Einige Anwesende nicken, darunter der Exzentrische. Ich bin erstaunt, ich dachte, bei schwindenden Mitgliederzahlen wird man von den Parteien geradezu umworben. Wie ist es möglich, dass man bei der CDU Monate auf sein Parteibuch wartet? Brille zugeklappt, Schreibblock ein Stück nach rechts. Was wohl der Grund ist, dass manche Leute hingehalten werden?

Ist es den Parteien überhaupt erlaubt, Interessenten die Mitgliedschaft zu verweigern? Und was muss man tun, um abgelehnt zu werden? Wenn zum Beispiel herauskommt, dass ich nicht aus politischen, sondern aus ganz anderen Gründen hier bin, bekäme ich dann bei der CDU Beitrittsverbot? «Hat noch jemand etwas dazu zu sagen?» Nooke schaut streng in die Runde.

Es meldet sich einer dieser farblosen, humorlosen und entsetzlichen Langweiler, wie es sie in jeder Partei gibt. Ob bei der SPD, den Grünen, den Linken, man erkennt sie sofort: Sie reden stets vorwurfsvoll und vor allen Dingen lange. Der Langweiler erklärt erst die Satzung zur Mitgliederaufnahme, dann erläutert er den Begriff der transparenten Kriterien. Als er damit fertig ist, sagt er: «Nun komme ich zum ersten Punkt ...» Neben mir wird der Block an der Kante ausgerichtet. «Zum Punkt zwei wollte ich sagen ...» Brille auf. «Punkt drei ...» «Punkt vier ...» Wie kann man sich selbst so ernst nehmen? Brille ab.

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Text: Rebecca Niazi-Shahabi

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