"Replace Plastic": Die App, die Plastik reduziert

Gegen die Meeresverschmutzung kann man Sammelaktionen veranstalten. Noch besser aber ist es, die Hersteller dazu zu bringen, ganz auf Plastikverpackungen zu verzichten. Jennifer Timrott hat dafür eine effektive App entwickelt.

Beschwert euch!

Der Sturm brachte die Erkenntnis. Als im Dezember 2013 die Orkane "Xaver" und "Christian" wüteten, lebte Jennifer Timrott auf Hallig Hooge im schleswig-holsteinischen Wattenmeer. Nachdem das Hochwasser zurückgegangen war, zog sie ihre Gummistiefel an und stapfte los an die Hallig-Kante.

Es war, als hätte das Meer gekotzt. Man muss es einfach so hart formulieren.

Überall Kanister, Flaschen, Tüten, Deckel, Becher, Verpackungen. Der Strand sah aus wie eine Müllkippe. Jennifer Timrott kannte die Zahlen: Etwa zehn Millionen Tonnen Müll landen jährlich in den Ozeanen, 75 Prozent der Abfälle bestehen aus Kunststoff. Allein am Grund der Nordsee vermutet der Naturschutzbund Nabu mehr als 600.000 Kubikmeter Müll. "Aber keiner, der das nicht schon mal mit eigenen Augen gesehen hat, kann sich dieses Ausmaß vorstellen", sagt sie. Die heute 50-Jährige nennt diese Erfahrung ihren "Point of no Return".

Jennifer Timrott versuchte damals ohnehin, ihren eigenen Kunststoff-Konsum zu verringern. 2011 war sie mit ihrem Mann von Hannover auf die Hallig gezogen, wegen ihrer großen Liebe zur See und zur Küstenlandschaft. 2013 hatte das Paar dann den Verein "Küste gegen Plastik" initiiert: Sie organisierten Müll-Sammelaktionen und motivierten Feriengäste, plastikfreien Urlaub auszuprobieren. "Aber das reicht einfach nicht", sagt sie. "Der Plastikmüll darf gar nicht erst produziert werden."

Mit der Replace-Plastic-App gehen die Informationen direkt an den Hersteller

Vor zwei Jahren haben die Timrotts deshalb eine App entwickelt, die dabei hilft, die Masse an unnötigen Plastikverpackungen zu reduzieren. Ob Himbeeren, Müsli oder Taschentücher:

Mit "Replace Plastic" können Verbraucher*innen den Herstellern mitteilen, dass sie sich eine Verpackung ohne oder mit weniger Plastik für das Produkt wünschen.

Das Prozedere ist einfach: Mit der App scannt man den Barcode und sendet dadurch automatisch eine Meldung an Küste gegen Plastik. Knapp 150 000 Produkte befinden sich inzwischen in der Datenbank der App. Handelt es sich um einen Artikel, der noch nicht gelistet wurde, können die Nutzer*innen die Ware selbst erfassen. Die Timrotts sammeln alle diese Meldungen, und sobald ein Produkt 20 Mal angezeigt wurde, leiten sie die Beschwerde an die verantwortlichen Firmen weiter.

Die Entwicklung von Replace Plastic fiel Jennifer Timrott nicht schwer: Sie hat Multimediale Kommunikation in Hannover studiert und bis zu ihrem Umzug an die Küste in einer Internetagentur gearbeitet. "Ich hatte auch bei der technischen Umsetzung die richtigen Kontakte." 

Ende 2017 kam die App auf den Markt, bislang wurde sie 580.000 Mal genutzt. Anfangs gab es etwa 200 Einsendungen pro Tag, Inzwischen sind es etwa 3000. Ihren Agenturjob hat Timrott längst aufgegeben, mit ihrem Mann betreibt sie seit einigen Jahren einen kleinen Laden für Naturkunst-Objekte. "Aber eigentlich ist unser Umweltprojekt unser Vollzeitjob", sagt sie. "Nur eben ohne feste Bezahlung." Ab und an bekommt der Verein Fördergelder. "Dann ist immerhin klar, wie wir die Miete zahlen."

Die App verändert das Bewusstsein der Menschen

Ihr Lohn seien die kleinen Etappensiege, sagt Jennifer Timrott. Viele Nutzer*innen der App bedanken sich dafür, dass sie ihr Bewusstsein verändert habe.

Immer mehr Unternehmen nehmen die Wünsche ernst. Der Hersteller von "Kleiner Feigling" etwa hat als Reaktion auf die Kritik die Plastikhülle um die Karton-Verpackung weggelassen und spart dadurch jährlich 2000 Kilogramm Kunststofffolie ein. Ein Teeproduzent aus Hamburg verwendet seit Kurzem eine gartenkompostierbare Folie. Das Team hatte vorher an einer Müllsammel-Aktion teilgenommen. "Danach waren wir nachhaltig beeindruckt – und haben gehandelt", schrieben die Firmenchefs in einer Mail an Replace Plastic. Jennifer Timrott kennt dieses Gefühl aus eigener Erfahrung. "Wer einmal in so einem Müllberg gestanden und mit angepackt hat, der entwickelt ein anderes Bewusstsein."

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BRIGITTE 19/2019

Wer hier schreibt:

Julia Meyer-Hermann
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