Frauen in Ghana: Im Dorf der Hexen

Der Glaube an Hexerei ist in Afrika weit verbreitet, sogar in wirtschaftlichen Boomländern wie Ghana. Die Opfer sind Frauen: Sie werden bedroht und verjagt. Zuflucht finden sie in den "Hexen-Dörfern" im Norden Ghanas.

Als das Dorf zu dem Schluss kam, dass Nlogi mit Hexenkräften ihren Neffen getötet habe, bewaffneten sich ihre Verwandten und Nachbarn mit Stöcken und Gummischläuchen. Sie umzingelten die alte Frau, schlugen hemmungslos auf sie ein; drohten ihr mit dem Tod, sollte sie nicht sofort verschwinden. Eine Hexe habe in ihrem Dorf nichts zu suchen. Und so verließ Nlogi ihr Zuhause, ihre sechs Kinder, ihren Mann, ihr ganzes altes Leben.

Zehn Jahre ist das her. Noch immer füllen sich ihre Augen mit Tränen, wenn sie über die Ereignisse spricht, die sie zu einer Verbannten, einer Aussätzigen gemacht haben. Sie sagt: "Ich wollte mich damals einfach nur umbringen."

Nlogi, 70, sitzt im Schatten einer mit Stroh bedeckten Rundhütte in einem Dorf, in dem rund 100 Frauen leben, die wie sie als vermeintliche Hexen denunziert wurden. Es liegt außerhalb von Gushiegu, einer kleinen Stadt im abgelegenen Norden Ghanas; sechs solcher Flüchtlingsdörfer gibt es in ganz Ghana, sie bieten etwa 1300 Frauen, Kindern und vereinzelt auch Männern Zuflucht. Viele wurden aus ihren Gemeinschaften vertrieben, einige kamen aus Angst, getötet zu werden. Oft hatten sie tagelange Fußmärsche hinter sich.

Endlich sauberes Wasser

Endlich sauberes Wasser Seit einiger Zeit haben die Frauen einen Brunnen in ihrem Dorf. Zuvor mussten sie weit gehen, um aus einem Loch brackiges Wasser zu schöpfen, aus dem auch die Tiere tranken

Seit fast 20 Jahren werden die "Hexen" in Gushiegu geduldet. Anfangs wohnten sie noch in verlassenen Hütten in der Stadt. Dann wurden eine Kanadierin und eine ghanaische Nicht-Regierungsorganisation auf dasSchicksal derFrauen aufmerksam, und mit Hilfe von Spendengeldern konnte das Dorf außerhalb von Gushiegu gebaut werden. Sogar einen eigenen Brunnen haben die Frauen mittlerweile. "Früher mussten wir weit gehen, um unsere Eimer an einem brackigen Wasserloch zu füllen, aus dem auch die Tiere getrunken haben", sagt Nlogi.

Der Glaube an die Hexerei ist in Afrika weit verbreitet, er findet sich in allen gesellschaftlichen Schichten, Religionen und Ethnien wieder. Laut einer Umfrage glauben in Schwarzafrika 55 Prozent der Menschen an Hexen. In Ghana sind es sogar fast 80 Prozent. Dabei ist das westafrikanische Land mit seinen 25 Millionen Einwohnern eines der fortschrittlichsten des Kontinents. Die politische Lage ist stabil, die Alphabetisierungsrate mit mehr als 70 Prozent vergleichsweise hoch. Mit einem jährlichen Wachstum von mehr als acht Prozent ist Ghana auch wirtschaftlicher Hoffnungsträger der Region.

Und dennoch bedarf es nicht viel, um als Hexe gebrandmarkt zu werden. Meist treffen die Anschuldigungen Frauen und Kinder. Auch jene, die in der Gesellschaft keine Funktion mehr haben, deren Kinder erwachsen sind, psychisch Kranke und Außenseiter, werden als Sündenböcke für Schlangenbisse, Krankheiten, Trunksucht, Albträume und anderes Unheil herangezogen. Vor allem in Zeiten von Krisen, ethnischen Unruhen und Epidemien steigt die Anzahl der Anschuldigungen: Als Ende des vorigen Jahrhunderts eine Meningitis in Ghana 500 Menschen das Leben kostete, wurden drei Frauen wegen angeblicher Hexerei totgeschlagen.

Sie sammeln Körner aus dem Abfall, die sie dann verkaufen

Der Glaube dient nicht nur dazu, die Welt zu erklären, sondern auch, um Konkurrenten aus Neid und Eifersucht auszuschalten. Frauen, deren Männer polygam leben, versuchen so, ihren Rivalinnen zu schaden. Es trifft aber auch diejenigen, die es zu etwas gebracht haben, Frauen wie Nlogi. Durch den Handel mit Getreide und Gemüse hatte sie gut verdient, sie konnte sogar etwas Geld verleihen. Als ihr Neffe an den Folgen eines Schlangenbisses starb, nahm dies ein säumiger Schuldner wohl zum Anlass, Nlogi loszuwerden. "Ich habe mit Hexerei nie etwas zu tun gehabt", sagt sie, und so sagen es alle Frauen im Lager. Doch sie alle nehmen ihr Schicksal hin, sie akzeptieren es. Sie sind zu schwach, gegen den fest verankerten Glauben, gegen die Wut der Gemeinschaft zu kämpfen. Ihre Vertreibung, die Prügel, die Trennung von ihren Familien lassen die Frauen resignieren.

Ihr Lager nennen sie liebevoll ihre Farm. Abends sitzen sie an ihren Feuerstellen, rühren in ihren Töpfen und bereiten ihr Abendessen zu. Sie unterhalten sich, kichern, einige summen vor sich hin. Sie fühlen sich in ihrem Dorf vor Übergriffen sicher, aber ihr Alltag ist hart. In der Regenzeit bewirtschaften sie ein kleines Feld, doch der sandige Boden des Buschlands bringt keine üppige Ernte hervor.

"Die Vorräte reichen längst nicht, um uns alle durch die Trockenzeit zu bringen", sagt Salamatu. Seit etwas mehr als einem Jahr lebt die 30-Jährige, die mit ihren "Hexenkräften" eine Verwandte in den Wahnsinn getrieben haben soll, mit ihrer fast zweijährigen Tochter im Lager. "Lydia durfte ich nur mitnehmen, weil ich sie noch gestillt habe. Meine anderen fünf Kinder hat mein Mann behalten", sagt sie.

Gebückt steht die schlanke, groß gewachsene Salamatu in ihrem Zimmer. Ein kleiner Haufen Kleidungsstücke, eine Strohmatte zum Schlafen, ein paar Kochutensilien sind ihr ganzer Besitz. Und ein kleines gerahmtes Foto, das hinter ihr an der rußgeschwärzten Wand hängt. Wasserflecken haben die Menschen auf dem Bild unkenntlich gemacht. Dennoch streicht sie liebevoll über das Glas. "Meine Kinder dürfen mich hier nicht besuchen. Wenn ich an sie denke, krampft sich mein Herz zusammen. Irgendwann wird mein Mann kommen und mir auch Lydia wegnehmen. Dann bin ich allein", sagt sie. Wenn der Regen versiegt ist, müssen die Frauen andere Wege finden, um zu überleben. Und so macht sich Salamatu morgens auf, bevor die Sonne unerträglich wird. Sie bindet sich ihre kleine Tochter mit einem Tuch auf den Rücken. Auf schmalen Pfaden, die sich durch das trockene Gras schlängeln, legen sie und ein paar andere Frauen aus dem Lager den halbstündigen Fußmarsch nach Gushiegu zurück. In der kleinen Stadt mit ihren etwa 8000 Einwohnern sind die Bewohnerinnen des Hexen-Lagers sofort zu erkennen. Ihre Körper sind ausgemergelt, ihre Kleider armselig. Auf ihren Köpfen tragen sie eine Blechschüssel, aus der ein Reisigbesen lugt. Ihr Werkzeug, um ihr Überleben zu sichern.

Mit dem Besen kehren sie am Marktplatz die Sojabohnen, Mais- und Weizenkörner vom Boden auf, die aus den Jutesäcken der Marktfrauen gefallen sind. Keiner beachtet sie bei ihrer Arbeit. Zurück im Lager picken sie jedes einzelne Korn aus dem zusammengekehrten Dreck. Was sie von ihrer Ausbeute nicht selber essen, verkaufen sie wieder an die Marktfrauen. Manchmal arbeiten die Verstoßenen auch auf den Feldern anderer, verputzen Hauswände und bekommen dafür etwas zu essen oder ein, zwei Euro bezahlt.

Harte Arbeit Die Frauen fühlen sich in ihrem Dorf sicher, aber sie müssen hart für ihren täglichen Lebensunterhalt arbeiten. Salamatu sammelt Reisig, um es zu verkaufen

"Die Hexen haben keine Scheu vor harter Arbeit. Im Gegensatz dazu werden die Bewohner Gushiegus immer städtischer. Oft sind sie sich zu schade für körperliche Arbeit. Deswegen hat hier auch keiner ein Problem mit den Frauen", sagt Abu Bawa. Der traditionelle Dorf-Chef von Gushiegu, der seine Gäste auf einem Thron vor seinem Palast empfängt, glaubt selber an Hexerei. Dennoch verurteilt er die Misshandlung und Vertreibung angeblicher Hexen. "Wenn die Frauen hier bei uns ankommen, dann nehmen wir sie auf wie unsere eigenen Großmütter. Aber nur unter der Bedingung, dass sie ihre Hexenkräfte aufgeben und niemandem schaden", sagt er.

Fast 80 Prozent der Menschen in Ghana glauben an Hexen

Die Auslese Morgens geht Salamatu mit ihrer Tochter in die Stadt.

Nicht alle in ihrer Familie haben sich gegen Nlogi gestellt, sie bekommt auch Unterstützung. Ihre Enkelin Nasifa teilt mit ihr die Hütte, die Siebenjährige wurde von ihren Eltern in das Lager geschickt, um ihrer immer gebrechlicheren Großmutter zu helfen. Sie fegt nicht nur den Boden des großen Hofes, holt Wasser am Brunnen und Reisig im Busch. Wenn sie unbekümmert durchs Lager springt, schenkt sie den Frauen einen Moment der Normalität, ein Gefühl von einem Zuhause. Für Nasifa sind sie alle ihre Großmütter. Sie würde nicht auf die Idee kommen, dass eine von ihnen ihr je etwas antun könnte.

Auch andere Lagerbewohnerinnen werden nicht ganz von ihren Familien vergessen. So besuchen Männer ihre Ehefrauen und Kinder ihre Mütter, bringen ein paar Vorräte mit, helfen dabei, ein Dach mit Stroh zu decken. "Es ist nicht gut, dass meine Mutter hier ist. Aber was hätte ich tun können. Wenn der Dorfälteste sagt, jemand ist eine Hexe, dann kann ich nichts dagegen unternehmen. Sonst würden sie auch mich verjagen. Der Glaube ist eben Teil unserer Kultur", sagt Abdulai. Der Student hilft seiner Mutter Mabi beim Bau ihrer Hütte. Erst vor ein paar Wochen ist diese im Lager angekommen. Der Sohn der zweiten Ehefrau des Mannes war schwer krank geworden. Mabi wurde dafür verantwortlich gemacht.

Zurück im Lager sortiert sie die gute Saat aus, um sie später an die Händlerinnen aus der Stadt zu verkaufen

Es gibt sogar jene, die sich trauen, in ihr Heimatdorf zurückzukehren; auch wenn es nur für einen kurzen Besuch ist, meist in der Trockenzeit, wenn Begräbnisse oder andere Feierlichkeiten stattfinden. Ginge es nach der Regierung Ghanas, sollten alle Frauen wieder in ihre Gemeinschaft eingegliedert und die "Hexen-Lager" geschlossen werden. Doch die Erfahrung zeigt, dass die Reintegration oft nicht gut funktioniert.

Laut einem Bericht der Hilfsorganisation "ActionAid" kehren 40 Prozent von jenen, die längerfristig nach Hause geschickt wurden, wieder zurück in die Lager. Sie wurden erneuten Anschuldigungen und Prügeln ausgesetzt.

Nlogi ist seit ein paar Jahren die Anführerin des Lagers, die so genannte Magazia. Zu ihren Aufgaben gehört es, Neuankömmlinge einzuweisen, ihnen zu helfen und Konflikte und Streitereien zu lösen. "Wenn schon die anderen sagen, dass wir zu nichts taugen, dann müssen zumindest wir zusammenhalten und uns gegenseitig helfen", sagt sie.

Text: Laura Salm-Reifferscheidt Fotos: Ann-Christine Woehrl /Echo photo agency
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