VG-Wort Pixel

#ZeitfürVeränderung Ricarda Lang: "Wir alle sind komplexer und vielseitiger als ein Rollenbild"

Ricarda Lang
Ricarda Lang
© Elias Keilhauer
Mit 28 Jahren wurde die gebürtige Filderstädterin Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. Sie macht sich stark für Frauen, Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit – und wird dabei selbst häufig Ziel von Beleidigungen und Hass im Netz.

Immer wieder stand Ricarda Lang aufgrund ihres Äußeren im Mittelpunkt der Berichterstattung. Während sie zunächst wieder und wieder die gleichen Kämpfe gegen Trolle und Hater im Netz ausfocht, hat sie heute entschieden, der Thematik und den Anfeindungen keinen Raum mehr zu geben. Die Energie verwendet sie lieber auf ihre neuen Aufgaben als Bundesvorsitzende der Grünen.

Kurz nach ihrem 28. Geburtstag im Januar wurde Ricarda Lang zusammen mit Omid Nouripour zur neuen Bundesvorsitzenden der Grünen gewählt. Schon zuvor war sie Vize-Vorsitzende und frauenpolitische Sprecherin.

BRIGITTE: Glauben Sie, wir haben in 16 Jahren Unionsführung etwas verpasst?

Ricarda Lang:Angela Merkel als Person war für viele Frauen ein Vorbild. Und sie war als erste deutsche Kanzlerin eine Wegbereiterin. Für eine ganze Generation von jungen Frauen und Mädchen war es eine Selbstverständlichkeit, eine Kanzlerin zu haben, und dafür bin ich dankbar. Wenn man sich aber anschaut, was in den letzten 16 Jahren konkret politisch vorangebracht wurde, dann ist das viel zu wenig. Frauen verdienen im Schnitt noch immer weniger, bei der Steuererklärung profitieren vor allem besserverdienende Männer, und Eltern haben an vielen Orten nach wie vor Probleme, Betreuungsplätze für ihre Kinder zu finden.

Man sagt ja immer: Realität schafft Normalität. Müssten wir nicht bei den Kleinsten ansetzen, um mehr Diversität und Gleichberechtigung in unsere Gesellschaft zu bringen?

Ich glaube, es ist wichtig, Diversität und Gleichberechtigung vorzuleben. Jungen und Mädchen brauchen Vorbilder, die ihnen zeigen, dass Frauen selbstbewusst und genauso erfolgreich im Job sind wie Männer und umgekehrt, dass Männer auch Gefühle zeigen dürfen und sich um die Familie kümmern, dann wird das irgendwann selbstverständlich. Kinder sollten von klein auf lernen: Ich kann alles sein, was ich will. Es geht darum, Kinder nicht schon in Rollenmuster zu stecken, die am Ende alle einschränken. Denn wir alle sind komplexer und vielseitiger, als ein Rollenbild uns weismachen will.

Häufig wird das Rollenbild der fürsorgenden Mutter, die zu Hause ist und sich um ihre Kinder und den Haushalt kümmert, nicht als feministisch bezeichnet – als würde es sich grundsätzlich immer um eine aufgedrängte Rolle handeln. Ist es feministisch, wenn man sich für genau dieses Leben entscheidet?

Feminismus heißt für mich Selbstbestimmung. Frauen sollen selbst entscheiden, wie sie leben möchten. Und genau da kommt eben die Politik ins Spiel. Denn wenn die Kita im Dorf nur bis 12 oder 13 Uhr geöffnet ist, wird es recht schwierig, sich für Kind und Beruf zu entscheiden. Wir sind nicht dafür verantwortlich, den Leuten zu sagen, wie sie zu leben haben, ganz im Gegenteil, wir in der Politik müssen die Grundlagen schaffen, damit jede und jeder frei entscheiden kann.

Eine Studie hat jetzt gezeigt, dass Frauen, die den Großteil der Care-Arbeit übernehmen, meist an Vermögen einbüßen. Wie kommen wir da raus?

Die Unterschiede bei den Einkommen führen zu einer Abhängigkeit der Frauen, die oft übersehen wird. Und wenn wir wollen, dass Frauen auch finanziell unabhängiger werden, müssen wir drei Dinge hinbekommen. Erstens: gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Zweitens: Wir müssen auf die Berufe schauen, die häufiger von Frauen ausgeübt werden. In Deutschland ist es leider noch immer so, dass die Arbeit am Computer finanziell mehr wertgeschätzt wird als die Arbeit mit Kindern oder kranken Patienten. Drittens: Wir brauchen flexiblere Arbeitszeiten. Auch viele Väter wollen aktiv das Familienleben mitgestalten. Arbeitszeiten, die man mitbestimmen kann, machen das leichter.

Der Gender-Pay-Gap ist in vielen Unternehmen noch immer ein massives Problem. Und durch den schönen Satz "Über Geld redet man nicht" weiß man meist auch nicht genau, was denn der Kollege auf der gleichen Position so verdient. Müsste man das nicht mal offenlegen?

Auf jeden Fall. Denn genau dieses "Darüber spricht man nicht" führt dazu, dass Ungleichheiten unsichtbar sind. Und so kann man nicht dagegen vorgehen, sie nicht bekämpfen und für mehr Gleichberechtigung sorgen. Da brauchen wir mehr Transparenz. Und das wollen wir auch gesetzlich weiter stärken.

Wir waren ja schon mal ein bisschen weiter in Sachen Gleichberechtigung. Doch dieses Gerüst, das wir uns aufgebaut hatten, wurde in der Pandemie merklich bröckeliger. Warum sind wir in Sachen Gleichberechtigung wieder so zurückgefallen?

Ich glaube, dass hier etwas sichtbar wurde, was schon vorher bestand, also nicht erst durch die Pandemie verursacht wurde. Wer tritt im Beruf kürzer? Derjenige, der vorher schon halbtags arbeitet. Wer gibt seinen Job im Zweifel auf? Die Person, die weniger verdient. Und dass das häufig die Frauen sind, das ist das Problem, das wir angehen müssen.

Doch nicht nur das Geschlecht ist häufig eine Hürde. Erst vor Kurzem gab es den Eklat im Bundestag, als die AfD-Politikerin Beatrix von Storch ihre Kollegin Tessa Ganserer, die sich dazu entschieden hat, als Frau in dieser Gesellschaft zu leben, in ihrer Ansprache als "biologischen und juristischen Mann" bezeichnete und sie durchgehend mit ihrem männlichen Namen ansprach. Warum ist es genau jetzt so wichtig, mehr Diversität im Bundestag zu schaffen?

Weil es wichtig ist, dass das, was in unserer Gesellschaft längst normal ist, auch im politischen Betrieb und im Parlament Realität wird. Menschen sollen selbstverständlich in Regenbogenfamilien leben können, und Transfrauen sollen als Frauen ihrem Alltag nachgehen können. Diese Normalität, diese Vielfalt muss auch im Bundestag abgebildet sein, um zu zeigen, dass für alle Menschen Politik gemacht wird und dass jede und jeder Teil dieser Gesellschaft ist. Das, was über Tessa Ganserer gesagt wurde, ist einfach nur ehrverletzend und menschenfeindlich.

Bei Ihnen scheint es manchmal so, als würde man Ihnen ein wenig den Stempel zu dem Themen Body Positiviy und auch der Thematik der sexuellen Freiheit aufgedrückt haben, obwohl ihre Agenda sehr sozialpolitisch geprägt ist. Wann glauben Sie, kann eine Frau Politik machen, ohne auf ihr Äußeres reduziert zu werden? Helmut Kohl hat ja damals auch niemand gefragt, was für eine Kleidergröße er eigentlich trägt.

Ich bin zuversichtlich, dass ich den Zeitpunkt noch erlebe.

Das klingt jetzt nicht so motivierend.

Ach doch. Ich bin in die Politik gegangen, weil es ein Ort ist, an dem man etwas verändern und voranbringen kann, nicht um mich mit Angriffen auf mein Äußeres zu beschäftigen. Meine Energie und mein Engagement setze ich lieber für Dinge wie bessere Arbeitsbedingungen, gute Bildung und Klimaschutz ein.

Jetzt sind die Grünen ja auch dafür verschrien, Politik eher für die gehobene Gesellschaft zu machen. Feminismus ist jedoch, wenn man ihn in seiner Reinform betrachtet, etwas, das alle Menschen betrifft. Wo sind konkrete Ansätze Ihrerseits, die sich auch mit Frauen beschäftigen, die um jeden Euro kämpfen müssen?

Ich bin selbst bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, die als Sozialarbeiterin in einem Frauenhaus gearbeitet hat. Das heißt, ich kenne die Situation, wenn man sich die Frage stellen muss, wie man über die Runden kommt und die zentrale Frage nicht ist: Verdiene ich gleich viel wie mein Kollege, sondern: Verdiene ich genug, um bis zum Monatsende durchzukommen? Deswegen ist der Mindestlohn so wichtig. Das ist auch ein frauenpolitisches Thema, denn gerade Frauen, die oft zu niedrigen Löhnen arbeiten, profitieren davon. Dazu kommt, dass wir eine Kindergrundsicherung einführen wollen. Kinder sollen nicht mehr in Armut aufwachsen oder der Grund für Armut sein. Durch die Kindergrundsicherung erlangen Eltern und vor allem auch Alleinerziehende ein Stück mehr Sorglosigkeit in ihrem Leben.

Jetzt sind Frauen aber häufig nicht nur benachteiligt, sondern auch deutlich häufiger Opfer häuslicher oder partnerschaftlicher Gewalt. Erst in der vergangenen Woche startete der Prozess um den Femizid an Maryam. Vor Gericht stehen ihre beiden Brüder. Wie können wir Frauen in Zukunft besser schützen?

In diesem Zusammenhang darf es einfach nicht mehr vorkommen, dass ein Frauenhaus, wo Betroffene und ihre Kinder Schutz finden sollen, schließen muss, weil das Geld fehlt. Deswegen brauchen wir eine gute Finanzierung von Frauenhäusern. Aber auch die wirtschaftliche Unabhängigkeit hat einen Einfluss, ob sich Frauen gewaltvollen Beziehungen entziehen können: Kann ich mich selbst finanzieren? Habe ich eine gute Rente? Immer da, wo Frauen abhängig sind von ihrem Partner, wird es schwierig, ihn zu verlassen. Wir brauchen Prävention, Gewaltschutz und wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frauen. Gleichberechtigung ist der beste Schutz vor Gewalt.

Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?

Zum einen, ganz konkret, dass die Kindergrundsicherung so schnell wie möglich kommt. Zum anderen, dass noch mehr Frauen in die Politik gehen. Wir können alle zusammen unsere Zukunft in die Hand nehmen, und ich kann nur alle Frauen dazu einladen, sich einzubringen und ihre Stimme zu erheben.

Brigitte


Mehr zum Thema