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Risikofaktor Mann Warum Covid-19 für Frauen weniger tödlich ist als für Männer

Eine Frau hält sich eine Maske vors Gesicht
© r.classen / Shutterstock
Dass Symptome bei Erkrankungen oder Nebenwirkungen bei Medikamenten bei Männern und Frauen unterschiedlich sind, ist zwar mittlerweile bekannt – im Fokus der Untersuchungen steht es dennoch nur selten. Doch auch bei Covid-19 gibt es jetzt deutliche Unterschiede: Risikofaktor Mann.

Das belegen auch die Zahlen eindeutig. In der Altersgruppe von 35 bis 59 Jahren wurde zwar bei Frauen deutlich häufiger eine Infektion gemeldet, die Todesfälle sind jedoch bei den Männern höher. Insgesamt wurden 1,67 Millionen Fälle bei Frauen gemeldet, davon starben 1808. Bei Männern waren es 1,53 Millionen Fälle und 4293 Verstorbene, so der "Spiegel". In der Altersgruppe der 60- bis 79-Jährigen standen 23.430 Todesfälle bei den Männern 12.466 Todesfällen bei den Frauen gegenüber.

Corona: Frauen infizieren sich häufiger – sie gehen mehr systemrelevanten Jobs nach

Die höheren Infektionszahlen der Frauen sind laut Forscher:innen höchstwahrscheinlich auf soziale Gründe zurückzuführen – sie arbeiten vermehrt in systemrelevanten Jobs und haben dadurch ein höheres Risiko sich zu infizieren.

Und wie kommt es jetzt zu einer höheren Sterblichkeit von Männern? "Es war schon vor der Corona-Pandemie bekannt, dass Frauen eine schnellere Immunantwort gegen RNA-Viren aufbauen, zu denen Sars-CoV-2 gehört", erklärt Marcus Altfeld vom Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie in Hamburg dem "Spiegel". Er spricht von "ganz ursprünglichen Geschlechtsunterschieden". Es gehe darum, ein ungeborenes Baby in der Schwangerschaft und Stillzeit vor Infektionen zu bewahren.

Corona-Infektion: Frauen weisen eine deutlich höhere Immunabwehr auf als Männer

Wo genau ist da jetzt der Unterschied? Zunächst haben Frauen eine sehr schnelle Immunantwort aufgrund der sogenannten Typ1-Interferonen. Sie können unter anderem die Vermehrung von Viren im Körper hemmen. Zusätzlich bilden Frauen im Schnitt auch schneller Antikörper bei einer Infektion mit RNA-Viren, so Altfeld. Diese Antikörper würden tendenziell auch länger bestehen bleiben – das gelte auch nach einer Impfung. Im August 2020 wurde eine Studie veröffentlicht, die zeigte, dass Frauen bei einer Covid-19-Infektion eine robustere T-Zell-Antwort auf das Virus entwickeln als Männer. Bis ins letzte Detail sind die Ergebnisse jedoch noch nicht ausgewertet und geklärt.

Eher beiläufig machten die Forschungsgruppe rund um Ute Seeland die Entdeckung, dass Sexualhormone die Körperabwehr ebenfalls beeinflussen. Eigentlich testeten sie eine Hormontherapie gegen die Wechseljahre. Den Frauen wurde das ihnen fehlende Hormon Estradiol verabreicht. Es zeigte sich, dass Frauen über 50 mit einer Corona-Infektion und einer Estradiol-Therapie ein geringeres Risiko hatten, an den Folgen der Covid-19-Erkrankung zu sterben als gleichaltrige ohne Hormontherapie.

Die Chromosomen haben Anteil an der schnellen Immunantwort der Frauen auf RNA-Viren

Ein weiterer Grund für die Unterschiede im Immunsystem zeigt sich in den Chromosomen. Frauen haben in der Regel zwei X-Chromosomen, Männer, ein X- und ein Y-Chromosomen (von dieser Konstellation gibt es natürlich Abweichungen, zum einen wird hier das soziale Geschlecht außer Acht gelassen, zum anderen gibt es ebenso die Möglichkeit von anderen Chromosomen-Kombinationen).

Es gibt wichtige Gene, die nur auf den X-Chromosomen zu finden sind. Wer zwei X-Chromosomen in sich trägt, kann deshalb manche schädliche Erbgutfehler ausgleichen, weil das andere X-Chromosomen "einspringt". Diverse Gene werden in einigen Zellen von beiden X-Chromosomen abgelesen. Dazu zählen auch für das Immunsystem wichtige Gene, was wiederum dazu führt, dass die jeweiligen Proteine, die auf Basis dieser Gene von der Zelle produziert werden, in größerer Menge vorhanden sind. "Diese Zellen haben dann auch eine schnellere Antwort auf RNA-Viren". So Altfeld.

Schnelle Immunantwort aber anfälliger für Autoimmunerkrankungen 

Die Stärke des weiblichen Immunsystems hat allerdings auch eine Kehrseite – Frauen erkranken häufiger als Männer an Autoimmunerkrankungen. Hier richtet sich die Abwehr gegen den eigenen Körper (beispielsweise bei Lupus erythematodes oder Multiple Sklerose).

Bei den hier aufgezeigten Ergebnissen handelt es sich jedoch noch lange nicht um alle Details, die erklären, warum Frauen an oder mit einer Covid-19-Erkrankung deutlich weniger sterben als Männer. Ebenso sind noch nicht alle Informationen bekannt, in welchen Punkten sich die Immunantwort von Männern und Frauen generell unterscheidet.

Verwendete Quellen: spiegel.de, rki.de
Studie: "Das männliche Geschlecht ist ein Prädiktor für eine höhere Mortalität bei hospitalisierten Erwachsenen mit COVID-19",
Studie: "Autoantikörper gegen Typ-I-IFNs bei Patienten mit lebensbedrohlichem COVID-19",
Studie: "Geschlechtsspezifische Unterschiede bei den Immunantworten, die den Folgen der COVID-19-Krankheit zugrunde liegen",
Studie: "Evidenz zur Behandlung mit Östradiol bei Frauen mit SARS-CoV-2-Infektion"

slr

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