Riskante Geschäfte? Nein danke!

Als Hurrikan Sandy 2012 die amerikanische Ostküste verwüstete, hatten mehr als 8 Millionen Unternehmen und Haushalte keinen Strom. Damals arbeitete Shruthi Rao als Beraterin für nachhaltige Entwicklung in New York.

Als Shruthi Rao ihre Empfehlungen für nachhaltige Entwicklung nach dem Hurrikan verschiedenen Führungskräften vorlegte, zeigten diese auf einmal viel mehr Interesse daran, wie extreme Wetterereignisse die Gewinne ihrer Firmen beeinflussen könnten und wie sie damit umgehen sollten.

Die Dringlichkeit des Problems war nun allen bewusst. Bisher hatte Rao eher die Erfahrung gemacht, dass viele Unternehmen Berater für nachhaltige Entwicklung nur wegen der guten PR beschäftigten, ohne ihre Empfehlungen wirklich in die Tat umzusetzen. Doch nun erkannte sie: "Wenn man anfängt, einen Zusammenhang herzustellen und zu erklären, wie sich extreme Ereignisse speziell auf diese eine Person oder Firma auswirken könnten, werden die Dinge konkreter und wirklich angegangen."

Geschäftskrisen durch Naturkatastrophen

Das Allianz Risk Barometer 2017 stuft Naturkatastrophen als eine der zehn größten Geschäftsrisiken weltweit ein. 2016 entstanden dadurch wirtschaftliche Verluste in Höhe von 175 Milliarden US-Dollar. Viele Unternehmen haben Zulieferer in Regionen, in denen es zu extremen Wetterphänomenen oder Naturkatastrophen kommen könnte. Trotzdem sind sie nicht darauf vorbereitet, wenn es am anderen Ende der Welt zu einer Produktionsunterbrechung kommt, die sich auf sie auswirkt.

2012 waren die wichtigen Themen der Softwareentwicklung Big Data und maschinelles Lernen, bei dem ein Computer enorme Datenmengen verarbeitet und die Entscheidungsfindungen kontinuierlich verbessert (oder "lernt"). "All diese neuen Spitzentechnologien wurden nur dafür genutzt, um Produkte zu entwickeln und an die Verbraucher zu verkaufen", sagte Rao. "Sehr wenig dieses Wissens - wenn überhaupt etwas - wurde dafür verwendet, einige der größten Herausforderungen der Menschheit oder auch nur geschäftliche Probleme anzugehen."

Adapt Ready - Was ist das?

Rao gründete Adapt Ready 2013 gemeinsam mit dem Softwareentwickler Sandeep Chandur. Heute ist es ein sechsköpfiges Startup mit Niederlassungen in London und New York. Das Unternehmen hat eine Risk-Intelligence-Plattform entwickelt, die auf Big-Data-Analysen und künstlicher Intelligenz aufgebaut ist. Sie berechnet, wie sich kritische Risikofaktoren auf der ganzen Welt - wie zum Beispiel extreme Wetterbedingungen oder politische Ereignisse - auf ein Geschäft auswirken können und dies mit rein externen Daten. Während die Adapt Ready-Plattform viele potenzielle Anwendungen bietet, bedient sie derzeit ausschließlich die Bedürfnisse von Versicherungen, die die Risikoexposition ihrer Kunden besser verstehen wollen und aufbauend auf diesen neuen Erkenntnissen neue Marktchancen nutzen wollen.

Ein Pilotprojekt für die Plattform

Adapt Ready konnte im vergangenen September seine Methoden an einem konkreten Fall unter Beweis stellen: als Hurrikan Harvey Texas getroffen hat. In einer überschwemmten Chemiefabrik hatte sich ein Vorrat an organischen Peroxiden entzündet und ist explodiert, wodurch giftige Abgase in die Luft gelangten. Innerhalb von 48 Stunden war Adapt Ready in der Lage, eine Übersicht aller chemischen Fabriken in der Region zu liefern und die Suche nach den von ihnen benutzten Chemikalien und ihren Umweltverstößen zu klassifizieren. Sie schickten diese Informationen an deren Versicherungsgesellschaften, die - hätten sie vor dem Verkauf ihrer Policen diese Details gekannt - ihre Versicherungen dementsprechend höher ansetzen hätten können oder von den Anlagenbesitzer die Ausarbeitung besserer Notfallpläne gefordert hätten.

Durch dieses Pilotprojekt gewann Adapt Ready weitere Kunden für sich, einschließlich der Ausarbeitung eines Risikoprofils für einen Versicherer, dessen Kunden Lieferanten in Chinas überschwemmungsgefährdetem Pearl River Delta sitzen haben. "Adapt Ready konzentriert sich wirklich auf die Faktoren Belastbarkeit und Anpassungsfähigkeit, ein guter Bereich für eine geschäftliche Tätigkeit", sagte Judith Curry, Präsidentin des Climate Forecast Applications Network und emeritierte Professorin des Georgia Institute of Technology. "Angesichts der Möglichkeit sich verschlechternder Wetter- und Klimabedingungen wird eine gute Anpassungsfähigkeit an die aktuellen Wetter- und Klimaherausforderungen die Unternehmen besser auf das vorbereiten, was das zukünftige Klima für sie bereithält."

Hilfe für die Versicherungslücke in Entwicklungsländern 

Adapt Ready kann auch dazu beitragen, die Lücke im Versicherungsschutz in Entwicklungsländern zu schließen und gefährdete Industriebranchen zu identifizieren, die keine Versicherungen haben und lange Produktionsunterbrechungen nicht überleben könnten. "Es ist gut für die Wirtschaft, diese Versicherungslücken ausfindig zu machen. Aber es ist auch wichtig für diese gefährdeten Regionen, dabei zu helfen, sie vor solchen Ereignissen zu schützen", sagt Rao.

Über Shruthi Rao

Rao ist selbst ein Produkt der globalen Wirtschaft: nachdem sie in ihrer Heimatstadt Bangalore in Indien als Softwareentwicklerin gearbeitet hat, ist sie in die USA gegangen, um dort zu arbeiten und einen MBA zu machen.

Im Jahr 2010 wurde sie Akademiemitglied des Environmental Defense Fund und arbeitete an der Entwicklung eines Energieeffizienzplans für Akamai Technologies. Sie sollte eigentlich nur die Rechenzentren und den Stromverbrauch von Akamai analysieren. Doch sie entwarf eine innovative Preisstrategie, die bei den Uptime Institute Awards 2011 ausgezeichnet wurde und ihr gute Presse im The Boston Globe einbrachte.

Neugierig auf die nachhaltige Entwicklung des Boston Globes, bat sie um eine Führung durch die Redaktion und schickte dem Finanzchef anschließend ihre Empfehlungen per E-Mail. Zu dem Zeitpunkt waren die Zeiten für Zeitungen hart und die finanzielle Absicherung schwierig. "Damals dachte jeder, Nachhaltigkeit sei eine weitere Kostenstelle", so Rao. Aber sie war so überzeugend, dass der Finanzchef sie als Beraterin für nachhaltige Entwicklung einstellte. Später zog sie nach New York um, um weiter Unternehmen zu beraten, bevor sie dann Adapt Ready mitbegründete.

Auf der Suche nach Finanzierung

Im vergangenen Jahr konnte Adapt Ready andere Start-ups und gestandene Unternehmen aus dem Rennen um zwei wichtige Auszeichnungen werfen: die Risk-Modelling Technology of the Year bei der Insurance Times Tech & Innovation Awards und die Excellence in Technology - Service Provider Insurance Times Awards.

Adapt Ready sucht derzeit nach einer Finanzierung, um eine stabilere Version der Software zu entwickeln, doch Rao sieht sich zwei Herausforderungen gegenüber stehen. Da ist zunächst die Vorliebe der Startup-Industrie für die sogenannten "Elevator Pitchs": "Immer wenn du an einem echten Problem arbeitest, etwas sehr Komplexem, dessen Entwicklung einen großen Nutzen bringen könnte, ist es sehr schwierig, innerhalb von 30 Sekunden zu erklären, an was genau du arbeitest", erklärt sie. "Die Welt der Startups verlangt nach simplen Botschaften."
Außerdem musste sie die allseits bekannten Vorurteile der Startup-Welt gegenüber Frauen am eigenen Leib erleben. Bei einem Treffen mit Investoren unterbrach einer von ihnen Rao mindestens acht Mal und äußerte dann Zweifel daran, ob ihr Firmengründer-Kollege in der Lage sein würde, sowohl die technologische Entwicklung als auch den Vertrieb alleine zu bewältigen. Er kam gar nicht darauf, dass Rao sich um den Vertrieb kümmern könnte.



Rao hat die Erfahrung gemacht, dass viele Investoren Firmenchefs mit aggressivem Auftreten suchen. "Es ist genau diese Denkweise, weswegen Investitionen fast immer zu Gunsten männlicher Firmengründer getätigt werden“, so Rao. "Aber wenn es etwas gibt, das sich gut verkauft, dann ist es nicht Aggressivität, sondern Authentizität."

Shruthis Geschichte recherchierte und erzählte Alden Wicker von "Sparknews

". Vielen Dank für diesen Beitrag!



Wer hier schreibt:

Alden Wicker

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