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Rollenbilder in Corona-Zeit: Zurück zur alten Tradition?

Rollenbilder in Corona-Zeit: Familie im Wohnzimmer
© Rawpixel.com / Shutterstock
"Wir sind doch längst Gleichberechtigt". Wenn Alexandra Zykunov diesen Satz hört, weiß sie nicht, ob sie weinen oder lachen soll. Immerhin hat Corona es geschafft, alte Rollenbilder endlich zu entlarven. Oder etwa doch nicht?
Frauen können doch schon alles – arbeiten, Karriere machen, regieren. Männer helfen im Haushalt, nehmen Elternzeit, wickeln Babys. Wir sind doch längst gleichberechtigt! Worüber regst du dich auf?

Über Sätze wie diese! Schon vor Corona. Und jetzt erst recht. Seit Jahren schreibe ich über Feminismus und Mutterschaft und rege mich auf, wie stark das eine verloren geht, wenn das andere passiert – also wie schnell Eltern in alte Rollenbilder rutschen: Sie geht in Elternzeit – er ins Büro; sie arbeitet Jahre in Teilzeit – er in Vollzeit; sie wickelt, saugt, kocht – und freut sich, dass er im Haushalt "hilft", als ob er dort zu Gast wäre.

Viele Frauen suchen sich das freiwillig aus", höre ich dann und frage mich, wie freiwillig eine Entscheidung sein kann, wenn uns seit Generationen eingetrichtert wird, dass ein gegensätzliches Lebensmodell "unnatürlich" sei. Zu gern wird an dieser Stelle der Bazooka-Satz "Wozu hast du überhaupt Kinder bekommen?" ausgepackt (jetzt stellen wir uns alle einen Mittelfinger vor), ein Vorwurf übrigens, den Väter nie hören. Aber egal, wir sind ja längst gleichberechtigt.

Nur ist irgendwann Schluss. In einer Krise nämlich, wenn die antifeministischen Strukturen so deutlich werden, dass sie zu ignorieren einer Mitschuld nahekommt: Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung zeigt, dass Mütter seit Corona häufiger ihre Stunden reduzieren als Väter. Dass Mütter häufiger gänzlich ihre Arbeit niederlegen. Und sich so finanziell abhängig(er) von ihren Partnern machen – allein schon, weil vor Corona 90 Prozent aller Kleinkindmütter in Teilzeitjobs waren. Zu Hause dafür aber täglich 4,5 Stunden mehr Care-Arbeit leisteten – unbezahlt, versteht sich.

Gleichberechtigt? Ah, ja.

Als Mitte April die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina dafür plädierte, die Kitas und Grundschulen größtenteils erst mal geschlossen zu halten, gab es dann doch Proteste. Haben sie denn kein Verständnis für die Doppelbelastung, die vorwiegend Mütter an den Rand des finanziellen, physischen wie psychischen Zusammenbruchs führt? Nun ja: Die Leopoldina-Arbeitsgruppe bestand aus 24 älteren Herren und zwei Damen. Dass in solch homogenen Gruppen Mütterbelange (geschweige denn die anderer Randgruppen) durchs Raster fallen, hätte man sich fast denken können. Kann ja mal passieren – in einem Gremium, das Empfehlungen für 82 Millionen Menschen ausspricht. Ja, genau.

Was jammern wir so rum, hieß es dann in den Zeitungen (oder von mancher Behörde) – genau dafür gebe es doch Homeoffice. Ich wusste gar nicht, dass Homeoffice ein Synonym für Kinderbetreuung ist. Dann können Erzieherinnen ja demnächst neben Windelwechseln und Spielen E-Mails schreiben und Calls beantworten. Alles easy, gar kein Problem.

Da ist es fast schon witzig, dass sich jetzt Kita-Mitarbeiterinnen mit Müttern streiten, weil sich die einen unter Druck gesetzt fühlen und die anderen nicht gehört. Und nun auch Pflegerinnen jammernde Mütter als unsolidarisch beschimpfen. Wer recht und unrecht hat, ist dabei auch völlig wurscht, denn es ist super praktisch, dass es jetzt wieder Frauen sind, die sich so schön in die Haare kriegen, statt sich gegen das noch nie so männlich-dominierte Politsystem aufzulehnen. Könnten sie auch gar nicht, weil sie nach Schlafentzug, Telefonkonferenzen, Spielen, Kochen, Putzen und Trösten keine Kraft mehr haben.

Alles ein komischer Zufall? Nein – ein altbewährtes Werkzeug konservativer Politik: Müttern ein schlechtes Gewissen zu machen, um sie kleinzuhalten.

Übertrieben? Klingt wie eine Verschwörung gegen Frauen? Ist es auch. Nennt sich Patriarchat. Und lässt sich offenbar ähnlich schwer ausrotten wie Covid-19.

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BRIGITTE 12/2020

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