Ruby Wax: Komikerin eröffnet Cafés für Menschen mit Depressionen

Die Britin Ruby Wax ist eine gefeierte Komikerin, leidet seit Jahren unter Depressionen und will psychische Probleme aus der Tabuzone holen - zum Beispiel mit Cafés, in denen sich Menschen aussprechen können.

Als Ruby Wax vor zehn Jahren in der Londoner U-Bahn ihr eigenes Gesicht von riesigen Plakaten entgegenlächelte, war sie entsetzt. Die Überschrift der Poster lautete: "Jeder Vierte hat ein psychisches Problem. Jeder Fünfte Schuppen. Ich habe beides."

Die 65-jährige Ruby Wax gehört zu den bekanntesten Comedians Englands. Die Poster waren eine Kampagne der Wohltätigkeitsorganisation "Comic Relief" gegen die Diskriminierung psychisch Kranker.

Ruby Wax, die seit Jahren unter Depressionen leidet, arbeitete schon eine Weile mit "Comic Relief" zusammen, hatte aber kein großformatiges, über ganz London verteiltes Bekenntnis erwartet - "eher eines in Briefmarken-Format". Schließlich hatte sie ihre Krankheit zuvor nicht öffentlich gemacht, weil sie sich schämte, nicht als wehleidig gelten wollte und Angst um ihre Karriere hatte.

Ruby Wax gibt Betroffenen einen sicheren Ort zum Reden

Allein in Großbritannien nehmen derzeit vier Millionen Menschen Antidepressiva über einen längeren Zeitraum, doppelt so viele wie vor zehn Jahren; an psychischen Krankheiten oder mentaler Überforderung leiden mehr als an allen körperlichen Erkrankungen zusammen. Aber die wenigsten trauen sich, darüber zu reden. Aus Angst davor, lächerlich gemacht, nicht ernst genommen und/oder stigmatisiert zu werden. Nicht anders ist es in Deutschland, wo die Zahl der Verschreibungen bei 14,1 Millionen Tagesdosen liegt, 2007 waren es noch halb so viele. 

Ruby Wax packte den Stier bei den Hörnern: Sie schrieb aus dem Stegreif eine Comedyshow über ihren depressiven Alltag - und tat so, als seien die Poster ihre Werbekampagne. Zwei Jahre lang zog sie mit ihrem Programm durch psychiatrische Kliniken und im Anschluss daran durch die Londoner Theater. Im ersten Teil der Show erzählte sie mit gnadenloser Offenheit, mit Witz und Selbstironie davon, "frazzled" - fix und fertig - zu sein; danach war das Publikum eingeladen, über die eigenen Stresslevel, Panikattacken und Burnouts zu sprechen. "Oft musste ich das Licht ausmachen, damit die Leute endlich nach Hause gingen", erinnert sich Ruby Wax. "Es gab enormen Redebedarf, aber anscheinend keinen Ort dafür."

Ruby Wax spricht offen über ihre Depressionen - die "Frazzled Cafes" sollen auch andere zum Reden motivieren

Sie nahm sich vor, das zu ändern. In den folgenden Jahren tourte sie mit ähnlichen Psycho-Programmen durch Großbritannien, schrieb ein Buch zum Thema "Frazzled", machte in Oxford ihren Master in Achtsamkeitsbasierter Kognitiver Therapie, wurde von der Queen für ihren Einsatz ausgezeichnet und eröffnete 2017 das erste "Frazzled Cafe", in dem sich psychisch kranke, aber auch einfach "nur" geräderte und gestresste Menschen anonym und vorbehaltlos austauschen können. Wo niemand sie schräg anschaut oder ihnen rät, sich gefälligst zusammenzureißen.

"Sich gehalten und verstanden zu fühlen, ist die halbe Heilung."

Mittlerweile gibt es elf "Frazzled Cafes" von Brighton über London bis nach Newcastle. Das Konzept ist dem der Anonymen Alkoholiker entliehen: Die Gruppen treffen sich alle 14 Tage in den Cafés der Kaufhauskette "Marks & Spencer"; kommen können alle, die ihren Namen auf eine Mailingliste setzen und dann eine Einladung zum nächsten Treffen erhalten.

Das Interesse ist so groß, dass die meisten Cafés mittlerweile lange Wartelisten haben und Wax mit "Marks & Spencer" Neueröffnungen plant. Auch um die Treffen mit maximal 18 Gästen und einem Gesprächsleiter bewusst klein zu halten. Denn alle sollen hier innerhalb von 90 Minuten zu Wort kommen können. Eine Meditation zu Beginn und zum Schluss helfen beim An- und Runterkommen, Kaffee und Kekse sind kostenlos.

Nicht nur Menschen mit Depressionen sind willkommen - auch vom Alltag Gestresste können sich austauschen

Ihr "Frazzled Cafe" sei nicht nur Anlaufstation für den einen von vier Briten, bei dem im Laufe des Lebens eine psychische Krankheit diagnostiziert werde wie bei ihr, sagt Ruby Wax. Sondern auch für die vier von vier Briten, die vom Stress des modernen Lebens immer mal wieder überfordert sind. Für jede und jeden von ihnen würde sie am liebsten einen sicheren Gesprächsort schaffen, sagt sie. Das sei jetzt ihre Mission.

Ruby Wax studierte Psycho­logie in Berkeley/Kalifornien, in England wurde sie anschließend Schau­spielerin und Come­dian, ihr Markenzei­chen: schonungslos offene Interviews mit Persönlichkeiten wie Madonna. 2009 wurde bei ihr nach einem Nervenzu­sammenbruch eine Depression diagnos­tiziert, bis heute leidet die dreifache Mutter phasenweise darunter. Über die Idee hinter den "Frazzled Cafes" schrieb sie das Buch "Fix & Fertig" (304 S., 12,99 Euro, Droemer Knaur).

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BRIGITTE 03/2019

Wer hier schreibt:

Nadja Bossmann
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