Pussy Riot: Eine Sängerin wird freigelassen

Zwei Jahre Gefängnis für musikalischen Protest? Zu viel, meinen die Musikerinnen von Pussy Riot und ihre Anwälte. Doch im Berufungsprozess wurde heute nur eine der drei Sängerinnen zu einer Haft auf Bewährung verurteilt, die beiden anderen trifft die volle Strafe.

Mit einem überraschenden Urteil hat das Moskauer Berufungsgericht über das Schicksal der drei inhaftierten Pussy-Riot-Mitglieder entschieden: Eine der Sängerinnen, die 30-jährige Jekaterina Samuzewitsch, wurde unter Applaus der Zuschauer auf Bewährung freigelassen. Nadeschda Tolokonnikowa, 22, und Maria Aljochina, 24, jedoch müssen ihre zweijährige Haftstrafe in einem Straflager voll absitzen. Beide sind Mütter von Kleinkindern.

Samuzewitschs neue Anwältin hatte den Fall erst letzte Woche übernommen. Sie argumentierte vor Gericht, dass ihre Mandantin bei der umstrittenen Protestaktion von Pussy Riot gar nicht dabei gewesen sei. Wachleute hätten Samuzewitsch schon aus der Moskauer Kathedrale geworfen, bevor die Musikerinnen für ihr "Punk-Gebet" den Altarraum stürmten. Dafür gab es einen Zeugen.

Zuvor hatten sich die drei Frauen laut Spiegel Online vor Gericht bei den Gläubigen in Russland entschuldigt. "Wir wollten niemanden beleidigen. Wir sind in die Kathedrale gegangen, um dagegen zu protestieren, dass sich die politischen und spirituellen Eliten vereinen", so Aljochina. Sie bekräftigten allerdings auch ihre politische Überzeugung: "Wir sind alle unschuldig. Wir sind bisher gegen Putin aufgetreten und tun dies jetzt." Die russisch-orthodoxe Kirche hatte sich vor dem Berufungsprozess für eine Begnadigung der Pussy-Riot-Mitglieder ausgesprochen, vorausgesetzt, sie zeigten Reue für ihre Aktion. Auch der russische Ministerpräsident Medwedew befürwortete eine "milde Strafe". Doch die Hoffnung auf Milde hat Richterin Larissa Poljakowa mit ihrem Urteil zunichte gemacht.

Sie wollen gegen das Urteil protestieren? Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat eine Online-Petition für die Freilassung von Pussy Riot gestartet. Hier können Sie mitmachen.

Pussy Riot: Vom "Punk-Gebet" zum internationalen Protest

Die Musikerinnen beim "Punk-Gebet" in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale

Sie trugen bunte Strumpfmasken, enterten den Altarraum der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau und kreischten zu harten Gitarrenriffs: "Mutter Gottes, du Jungfrau, vertreibe Putin!" Das "Punk-Gebet" der russischen Musikerinnen von Pussy Riot war schrill und provokativ, gewiss. Aber das gehört bei einer feministischen Punkband schließlich zum Konzept. Eine gute Demokratie kann das aushalten. In Russland ist das anders. Seit März saßen Nadeschda Tolokonnikowa, Marija Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch in Untersuchungshaft, sie sind zwischen 22 und 29 Jahre alt, zwei von ihnen haben kleine Kinder. Am 30. Juli begann der Prozess gegen die drei Frauen. Die Anklage warf ihnen Hooliganismus und Schüren von anti-religiösem Hass vor. Dass die Frauen mit Strickmasken vermummt gewesen waren, sei ein Beweis ihrer Gefährlichkeit. Am 17. August wurden sie vom Gericht schuldig gesprochen und zu zwei Jahren Haft verurteilt. Im Berufungsprozess am 10. Oktober bestätigten die Richter das Urteil für zwei der Frauen, Jekaterina Samuzewitsch hingegen wurde auf Bewährung freigelassen.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International bezeichnete die drei Punkerinnen als "politische Gefangene" und ruft zu Protesten gegen den Prozess auf. Tatsächlich solidarisierten sich weltweit Menschen mit Pussy Riot, darunter viele Prominente. Seit der Urteilsverkündung verging kaum ein Tag, an dem nicht über die Drei berichtet wurde. Über ihre Anwälte gaben sie internationalen Medien Interviews und machen klar, dass sie ihren Widerstand gegen die Regierung Putins noch lange nicht aufgegeben haben. "Ich kämpfe dafür, dass meine Tochter in einem freien Land aufwächst", sagte die 22-jährige Nadeschda Tolokonnikowa etwa dem Spiegel. Sie und ihre Unterstützer wollten nichts weniger als "eine Revolution".

Die Pussy-Riot-Anführerinnen haben erkannt, dass sie dafür Aufmerksamkeit brauchen, wenn es ihnen nicht so gehen soll wie all den anderen Oppositionellen in Russland, die durch Haftstrafen mundtot gemacht wurden. Auf diese Weise sind die bunten Strumpfmasken, mit denen die Band in der Moskauer Kathedrale auftrat, international zum Symbol für politischen Widerstand geworden. Selbst auf der russischen Ikea-Seite waren sie zu sehen: Auf einem Bild, das kürzlich bei einem Fotowettbewerb eingereicht wurde, saßen vier Leute mit Strumpfmasken auf einem Ikea-Sofa. Zwar löschte Ikea das Bild wieder, doch da war es schon in der Welt und prangte auf zahllosen Facebook-Profilen. Pussy Riot haben es sogar geschafft, für den Luther-Preis "Das unerschrockene Wort" nominiert zu werden - was unter den Kirchenanhängern für aufgeregte Diskussionen sorgt. Immerhin hatte die Band unerlaubt eine Kirche gestürmt.

Klar ist: Pussy Riot haben eine Bewegung ins Rollen gebracht, die sich auch von dem neuesten Urteil nicht stoppen lassen wird.

miro
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