"UN/SICHTBAR" - Leben mit entstelltem Gesicht

Säureanschläge auf Frauen zerstören nicht nur das Gesicht, die Opfer werden auch verstoßen. Die Fotografin Ann-Christine Woehrl erzählt ihre Geschichten.

Säureanschläge auf Frauen: Die schlimmsten Wunden sind unsichtbar

Es gibt wenige Dinge, die einen so wütend und traurig machen, wie die Säureanschläge auf Frauen, die von hasserfüllten Männern aber auch von anderen Frauen begangen werden. Verschmähte Liebe, zu viel Freizügigkeit - die Motive haben fast immer kulturelle und religiöse Wurzeln. Die Frauen selbst sind den Rest ihres Lebens entstellt, die Täter gehen oft straffrei aus (der Fall einer Iranerin, die ihrerseits ihren Angreifer mit Säure verätzen durfte, ist eine Ausnahme - und sie machte letztlich nicht von ihrem Recht Gebrauch).

Säureanschläge auf Frauen: "UN/SICHTBAR" - Leben mit entstelltem Gesicht

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"Unsichtbar" - die Fotos

Mindestens ebenso schlimm wie das verbrannte Gesicht, ist die damit einhergehende Ächtung. Egal ob in Pakistan, Bangladesch, Nepal oder Uganda: Den Frauen haftet nun ein Stigma an, dass sie zu Aussätzigen macht. Trotz ihrer Verletzungen werden die Opfer fallengelassen und sind von nun an praktisch unsichtbar.

"UN/SICHTBAR" ist auch der Titel des Projektes der Fotografin Ann-Christine Woehrl: Sie besuchte 48 Opfer von Säureanschlägen, Brandattentaten oder verzweifelten Selbstmordversuchen, und ließ sich ihre Geschichten erzählen. Der Titel bezieht sich dabei nicht nur darauf, dass die Frauen "unsichtbar" in ihrer Gesellschaft geworden sind, er thematisiert auch die unsichtbaren seelischen Wunden, die mindestens so schlimm sind wie die sichtbaren Verbrennungen.

Ann-Christine Woehrl war es wichtig, diese Frauen nicht auf ihre Narben zu reduzieren, sondern Menschen zu zeigen, die schlagartig aus der Gesellschaft verstoßen wurden. Viele ihrer Gesprächspartnerinnen schämten sich für ihr Aussehen - waren aber oft auch entschlossen, gegen ihre Ausgrenzung anzukämpfen und ihr Leben selbstbewusst und frei zu führen. "Heute ist mein persönlicher Unabhängigkeitstag, mein 'Independence Day'. Von jetzt an will ich mich nicht mehr verstecken", sagt etwa Neehaari aus dem Dorf Puligadda im südindischen Staat Andhra Pradesh.

Die Bilder sollen den Frauen helfen, sich trotz ihres Stigmas als wertvolles Individuum zu erleben. Nicht nur "Opfer" zu sein, sondern Mensch - und sie auch für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen.

"UN/SICHTBAR" - die Ausstellung

Noch bis zum 11. Januar 2015 sind die Fotos im Museum für Völkerkunde in München zu sehen. Mehr Informationen gibt es auf der Website des Völkerkundemuseum München. Die Porträts sind auch als Bildband IN/VISIBLE: UN/SICHTBAR (Buch bestellen) erhältlich (49,90€, Edition Lammerhuber).

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