Schluss mit dem Abnehm-Wahn!

Kolumnistin Thordis Rüggeberg über die Schönheit von Litfass-Säulen - und Menschen, die zu ihrer Figur stehen.

Neulich rief mich Tsilla an und hatte schlechte Laune. "Ich denke, ich werde wohl mal wieder zu den Weight Watchers gehen müssen", verkündete sie mit Grabesstimme. Ich weiß inzwischen nicht mehr, was ich auf solche Ansagen antworten soll. Tsilla ist seit 20 Jahren meine beste Freundin, und seit wir uns kennen, strampelt sie sich auf Trimmrädern ab, heuert Personal Trainer an, trinkt Proteinshakes und liest die Bücher von Frau Klums Berater David Kirsch, ohne der Heidi auch nur ansatzweise ähnlich zu werden.

Keine Ahnung, was Tsilla sieht, wenn sie in den Spiegel schaut. Ich sehe eine ausgehfreudige Blondine in den angesagtesten Klamotten des Kontinents, in deren appetitlich-dralles Dekolleté Mann dank ihrer 1,60 m Körpergröße beschwerdefrei und begeistert hineinschauen kann. Dass reihenweise Kerle allen Alters halbohnmächtig aufs Trottoir sinken, weil Tsilla in Miu Miu vorüberstöckelt, scheint ihr selbst zu entgehen. Dagegen hilft auch kein Reden mit Engelszungen.

Ich weiß nicht nur nicht, was Tsilla im Spiegel sieht, ich frage mich außerdem, was Tsilla eigentlich isst. Öffnet man ihren rosafarbenen Design-Kühlschrank, so entdeckt man irgendwo inmitten gähnender Leere eine Flasche französischen Champagner, eine halbleere Flasche finnischen Wodka und einen kleinen Eimer mit 0,1-Prozent-Fett- Naturjoghurt, überzogen von pelzig-blauen Schimmelpilzen. Es gibt eine Reihe von Dingen, von denen ich unumstößlich überzeugt bin. Dazu gehört, daß es sich lohnt, Gutes zu tun, dass man sonntags nicht unbedingt die Wohnung verlassen muß, nur weil die Sonne scheint - und dass Menschen mit leeren Kühlschränken ein Gewichtsproblem haben.

Ich behaupte nicht, daß alle Leute mit vollen Kühlschränken aussehen wie Supermodels. Ich sage nur: Sie haben keine Probleme mit ihrem Körpergewicht. Weil sie entweder schlank sind oder in freundschaftlicher Eintracht mit ihrem Hüftspeck leben. Menschen, die regelmäßig normale Dinge in normalen Mengen essen, haben aller Wahrscheinlichkeit nach (normal plus normal gleich normal) eine völlig normale Figur. Aber ebenso, wie "normal" an den Tankstellen verschwindet, schleicht es sich auch sonst aus unserem Leben. Wir wollen eben nur super.

Litfasssäule im Abnehm-Wahn: die Werbekampagne der Weight Watchers

Die Weight Watchers plakatierten unlängst Litfasssäulen mit dem Spruch "Ich wäre gerne ein Laternenpfahl" und dem Verweis auf eine Telefonnummer. Litfasssäulen, das wissen wir, sind umfangreich in jeder Beziehung: ihre Fläche bietet ausreichend Platz für ein Sammelsurium an bunten Plakaten, die auffallend häufig kulturelle Ereignisse ankündigen: Konzerte von Depeche Mode und den Wildecker Herzbuben, Königsgräber der Skythen und Damien Hirst, Emilia Galotti, Endstation Sehnsucht, Helge Schneider und Streichholzschachtel-Tauschbörsen.

Für soviel Inspiration ist auf dürren Laternenpfählen kein Platz. Hier sucht man allenfalls auf unbeholfen kopierten Zetteln nach vermissten Haustieren, bietet Putzdienste und Gitarrenstunden oder einen Platz in der Feldenkrais-Gruppe an, und garantiert seriöse Unternehmen werben dafür, mit drei Stunden Arbeit in der Woche bis zu 4.000 Euro im Monat dazuzuverdienen. Pfahl reimt sich auf Qual und erinnert an Marter. Säule hingegen - das klingt prachtvoll, nach Stütze und Stabilität. In wessen Gesellschaft wartet es sich abwechslungsreicher auf eine verspätete Verabredung: neben der Litfasssäule oder dem Laternenpfahl? Na also. Warum sollte eine facettenreiche Litfasssäule allen Ernstes mit einem niveaulosen Laternenpfahl tauschen wollen? Na also.

Sie kennen doch diesen Kinderreim von der kleinen Dickmadam und der Eisenbahn aus der Zeit, als Zwölfjährige noch nicht das Wort Bulimie buchstabieren konnten: "Eisenbahn, die krachte, Dickmadam, die lachte". Über die eigenen Unzulänglichkeiten schmunzeln und nicht ständig darüber nachdenken, wie man gerade aussieht. Das macht wirklich sexy.

Text: Thordis Rüggeberg Foto: Thomas Schewe/thosch66/flickr.com
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