Warum Inklusion wichtig und richtig ist

BRIGITTE-Redakteurin Antje Kunstmann hat eine behinderte Tochter - und ist überzeugt, dass Inklusion der richtige Weg für alle Kinder ist.

Unsere Tochter ist behindert. Manchmal werde ich dann gefragt: "Behindert - darf man das eigentlich noch sagen?" Ehrlich gesagt ist mir das egal. Inklusion bedeutet ja nicht, Unterschiede wegzureden. Inklusion bedeutet auch nicht, dass unsere Tochter Abitur macht, sondern dass sie, so wie sie ist, dazugehört und die Chance hat, ihren Weg zu gehen, und nicht den, den andere für sie festlegen, nur weil sie behindert ist.

Und so marschiert sie jeden Morgen ganz selbstverständlich in die Schule, in die man halt geht, wenn man in unserer Straße wohnt. Dort sitzt sie in einer Klasse voller Unterschiede: Es gibt Begabtere und Schwächere, Temperamentvolle und Schüchterne, es gibt Kinder, die erst vor Kurzem Deutsch gelernt haben, und dann eben noch solche wie unsere Tochter, die in manchen Dingen noch ein bisschen mehr oder andere Förderung und Unterstützung brauchen.

Ja, aber, werden jetzt die ersten sagen, so viel Vielfalt kann man doch nicht gemeinsam unterrichten? Man kann, wenn man will und genügend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen: Die Klasse unserer Tochter ist zum Beispiel immer doppelt besetzt. Natürlich sind die Pädagogen trotzdem jeden Tag gefordert - allerdings ist der Lehrerberuf auch nicht erst seit Einführung der Inklusion eine Herausforderung.

Ja, aber ist Inklusion dann nicht ziemlich teuer?, fragen die nächsten. Ist sie, aber nicht unbedingt teurer als das im doppelten Sinne exklusive Sonderschulwesen, das traditionell auf eine frühe und umfassende Trennung der Kinder setzt. Vor allem ist sie nicht zu teuer: Erst kürzlich zeigten Studien, dass Kinder, die inklusiv beschult werden, schneller lernen als Kinder an Sonderschulen. Fast Dreiviertel der Sonderschüler bleiben ohne Abschluss. Die Hoffnung ist berechtigt, dass Inklusion diesen Anteil verringert und damit Perspektiven auch über die Schule hinaus eröffnet.

Ja, aber wohler fühlen sich Behinderte doch schon unter ihresgleichen? Unsere Tochter fühlt sich da wohl, wo sie ist. Wir können doch nicht Menschen, weil sie vielleicht von Mitschülerinnen und Mitschülern ausgegrenzt werden könnten - wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihrer Behinderung oder was auch immer -, einfach schon mal institutionell ausgrenzen, indem wir sie auf eine andere Schule schicken. Untersuchungen sprechen übrigens dafür, dass gemeinsames Lernen die soziale Kompetenz aller Kinder fördert.

Wer Inklusion will, sucht Wege - wer sie nicht will, sucht Begründungen, hat Hubert Hüppe, der Behinderten-Beauftragte der Bundesregierung, einmal gesagt. Es gibt so viele Einwände. Sie sind bequem, vielleicht sogar verständlich - vor allem aber sind sie ein Privileg, wenn man eh schon immer dazugehört hat. Für mich gibt es kein "ja, aber". Wie gesagt: Unsere Tochter ist behindert.

Antje Kunstmann

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