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Schulsystem: Hauptschüler schlau wie Gymnasiasten?


30 Prozent der deutschen Jugendlichen sind auf ihrer Schule entweder über- oder unterfordert. Das ergab eine neue Studie. BRIGITTE.de sprach mit Bildungsforscher Jürgen Schupp über die Probleme unseres Schulsystems und die Vorteile der sechsjährigen Grundschule.

Viele Kinder wechseln in diesen Wochen von der Grundschule auf eine weiterführende Schule. Doch das heißt noch lange nicht, dass sie dort auch richtig aufgehoben sind. Wie eine neue Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ergab, besuchen 30 Prozent der deutschen Schüler eine Schule, die nicht ihrer Leistungsform entspricht. 17 Prozent der rund 900 untersuchten Jugendlichen schöpfen demnach ihr Potenzial nicht voll aus, während 13 Prozent überfordert sind von den Ansprüchen ihrer Schule. Auffallend ist an den Ergebnissen, dass das Risiko für Kinder aus Nichtakademiker-Haushalten viel höher ist, auf einer Schule unterhalb ihres Niveaus zu landen. Dreiviertel der Akademiker-Kinder gehen aufs Gymnasium, aber nur 29 Prozent der Kinder von nicht studierten Eltern. Dabei ergaben Intelligenztests, dass die soziale Herkunft kaum eine Rolle spielt für die Leistungsfähigkeit der Schüler. BRIGITTE.de sprach mit Jürgen Schupp vom DIW, einem der Autoren der Studie, über die Gründe für diese Ungerechtigkeit.

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BRIGTTE.de: Ihre Studie ergab, dass Akademiker-Kinder kaum besser in Intelligenztests abschneiden als Kinder von nicht studierten Eltern. Ist es also von den Grundvoraussetzungen her völlig egal, ob mein Papa Professor oder Parkwächter ist?

Jürgen Schupp: Wenn man die allgemeinen Denkfähigkeiten der Schüler anschaut, sind die Unterschiede nicht gravierend. Das haben unsere Tests ergeben, in denen wir die kognitiven und mathematischen Lernpotenziale unabhängig von Schulnoten geprüft haben.

BRIGITTE.de: Aber offenbar haben die Lehrer oft Schwierigkeiten, diese Leistungsfähigkeiten richtig einzuschätzen. Wie Sie herausgefunden haben, besuchen 30 Prozent der Schüler eine Schule, die nicht ihrer Leistungsform entspricht. Was läuft falsch?

Jürgen Schupp: Die Empfehlungen der Lehrer haben wir nicht direkt untersucht, das müssen wir in einer weiteren Analyse der Daten erst noch erforschen. Aber man kann sicher sagen, dass hier viele Gründe eine Rolle spielen. Oft sind zum Beispiel die Wege zu einer passenden Schule einfach zu weit, die Schulversorgung ist in Deutschland lange nicht so gut, wie man sich das wünschen würde. Aber was uns als Forscher bei dieser Studie wirklich überrascht hat, ist der große Einfluss, den die soziale Herkunft auf den Bildungsweg der Schüler hat. So ist für Kinder aus einem Nichtakademiker-Haushalt das Risiko 2,5 mal so hoch, auf einer Schule zu landen, die sie unterfordert, als für Kinder mit studierten Eltern.

BRIGITTE.de: Spielt hier das Verhalten der Schüler eine Rolle? Tritt der Sohn aus der Hartz IV-Familie einfach anders auf als die Arzt-Tochter und verbaut sich dadurch Chancen?

Jürgen Schupp: Auch wir haben vermutet, dass die Persönlichkeitseigenschaften der Kinder hier eine zentrale Rolle spielen. Doch wie unsere Untersuchungen ergaben, ist das nicht der Fall. Der Habitus der Schüler, also beispielsweise ihr Grad an Gewissenhaftigkeit oder Offenheit für Erfahrungen, hat nahezu keinen Einfluss darauf, welche Schule sie später besuchen. Es muss also andere Gründe geben.

BRIGITTE.de: Sind also wieder die Eltern aus diesen "bildungsfernen Schichten" schuld, weil sie ihre Kinder nicht genug fördern?

Jürgen Schupp: Von Schuld wollen wir an dieser Stelle nicht sprechen, aber Eltern aller Schichten sollte gleichermaßen bewusst sein, dass es wichtig für die Laufbahn der Kinder ist, dass die Eltern sie fördern, ihr Potenzial erkennen und ihnen die entsprechende Bildung ermöglichen.

BRIGITTE.de: Wenn nun aber der Fabrikarbeiter nicht erkennt, dass sein Kind zum Mathematiker geboren ist, dann ist es doch die Aufgabe der Schulen das aufzufangen.

Jürgen Schupp: Ja. Man muss sagen, dass die Schulen derzeit ganz offensichtlich damit überfordert sind, die Leistungsfähigkeit der Kinder sachgerecht und differenziert zu bewerten und die Kinder entsprechend zu fördern. Vor allem gelingt es ihnen nicht, die Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Bildungssystemen herzustellen. So finden Wechsel von Haupt- oder Realschulen auf Gymnasien ausgesprochen selten statt; nach unseren Befunden wäre ein solcher Wechsel offensichtlich häufiger erforderlich.

BRIGITTE.de: Welche Folgen hat eine derart fehlerhafte Einsortierung?

Jürgen Schupp: Hier wird ganz klar das Potenzial und Humanvermögen der Kinder nicht ausgeschöpft. Das schadet zum einen den Jugendlichen selbst, die unterfordert und unbefriedigt bleiben, und die womöglich bei der Jobsuche Probleme haben werden. Es schadet aber auch unserer Volkswirtschaft, die auf diese Ressourcen verzichten muss. Das ist gerade vor dem Hintergrund, dass Deutschland demographisch bedingt in einigen Jahren vor einem Fachkräftemangel stehen wird, natürlich fatal.

BRIGITTE.de: Wie kann man dieser Entwicklung vorbeugen? Brauchen wir vielleicht mehr neutrale, notenunabhängige Einstufungstests, ähnlich wie Sie sie durchgeführt haben?

Jürgen Schupp: Das wäre auch ein Weg, aber wir plädieren eher dafür, die Kinder noch nicht nach der vierten Klasse auf weiterführende Schulen aufzuteilen, sondern später. So haben Eltern wie Lehrer die Möglichkeit, die Schüler länger zu beobachten und ihr Können viel differenzierter zu bewerten.

BRIGITTE.de: In Hamburg ist man bereits auf diesem Weg: Ab 2010 wird es dort eine sechsjährige Grundschule geben. Viele Eltern, vor allem Akademiker, rebellieren jedoch massiv dagegen.

Jürgen Schupp: Eltern haben natürlich ein Interesse daran, dass ihre Kinder so gut wie nur irgend möglich gefördert werden, und sie haben womöglich Angst, dass dies durch die sechsjährige Grundschule nicht der Fall ist. Aber sie müssen auch zur Kenntnis nehmen, dass der bisherige Weg zu einer sozialen Benachteiligung von Kindern führt. Es gibt hier also unterschiedliche Interessen – das Gemeinwohl und die Wünsche der Eltern – und es ist die Aufgabe der Bildungspolitiker, diese Interessen verantwortungsvoll gegeneinander abzuwägen. Unsere Studie jedenfalls unterstützt die Hamburger Linie, die Grundschule zu verlängern.

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Interview: Michèle Rothenberg Fotos: Stephan Röhl(1), Getty Images(1)

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