Schwanger nach Vergewaltigung - Mann bekommt das Sorgerecht fürs Kind

Es ist eine unerträgliche Rechtsprechung: In vielen US-Staaten können Männer Sorgerecht für Kinder bekommen, die sie bei einer Vergewaltigung gezeugt haben. Drei Mütter und ihre erschütternde Geschichten.

Tiffany Gordons neun Jahre alter Sohn tobt durch ihre Wohnung in Florida, und die Mutter strahlt: "Er ist mein Alles!" sagt die junge Frau. Wie sehr auch ihr Mann Anthony den Jungen liebt, sieht man schon daran, dass er sich seinen Namen in riesengroßen Buchstaben auf den rechten Arm tätowieren ließ: !!Ryan!! mit vier Ausrufezeichen.

Ihre Familie wollte, dass sie abtreibt

Dabei wurde Ryan nicht aus Liebe gezeugt, sondern mit Gewalt. Tiffany Gordon, heute 21, war erst 12 Jahre alt, als ein 18 Jahre alter Freund ihrer älteren Schwester beide mit zu einer Autofahrt einlud. "Ich dachte, wir fahren zu McDonald’s", sagt Tiffany. Stattdessen warf Christopher Mirasolo ihre Handys aus dem Truckfenster, hielt die Schwestern zwei Tage lang in einem verlassenen Haus gefangen und vergewaltigte sie.

Einen Monat später wurde Tiffany klar, dass sie schwanger war. "Du kannst dir das gar nicht vorstellen: Du bist zwölf, und der Frauenarzt sagt dir, du erwartest ein Kind", sagt die rundliche Frau mit den langen rotblonden Locken. Ihre Wohnung ist dekoriert mit gerahmten Bibelzitaten; nur ihr Glaube, sagt sie, habe sie durch diese Zeit gerettet.

Ihre Familie wollte, dass sie abtreibt, aber Tiffany entschloss sich, das Baby zu behalten. "Ryan ist unschuldig. Nicht er hat meine Jugend ruiniert, sondern der Vergewaltiger." Ihre Eltern unterstützen sie, aber einige streng konservative Familienmitglieder sprechen bis heute nicht mit ihr. Auch die Schule musste sie wechseln, denn andere Eltern sorgten sich, sie könne einen schlechten Einfluss auf ihre Mitschüler ausüben - weil sie als minderjährige Schwangere "Schande" über die Familie brachte.

Fast acht Jahre lang sprach sie nicht über die Entführung, versuchte, sie zu verdrängen, hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Bis sie im letzten Jahr staatliche Unterstützung für ihren Sohn beantragte.

Die Richter ordneten an, dass sie in die Nähe ihres Vergewaltigers ziehen muss

Das setzte einen Prozess in Gang, dessen Folgen Tiffany Gordon nicht absehen konnte. Statt Unterstützung bekam sie einen richterlichen Beschluss: Wenn es da einen Vater gebe, dann solle der Unterhalt zahlen (was er bis heute nicht getan hat), und dann stünde ihm auch das gemeinsame Sorgerecht zu. Ohne die kriminellen Umstände der Vaterschaft zu berücksichtigen, ordnete der Richter an, Tiffany müsse aus Florida in die Nähe des Kindsvaters nach Michigan zurückziehen, dürfe sich nicht weiter als 100 Meilen von seinem Wohnort entfernen, und nebenbei verriet er dem Täter auch noch Tiffanys neue Adresse.

Tiffany Gordons Schicksal ist kein Einzelfall: Bis zu 32 000 Frauen werden jedes Jahr in Amerika durch eine Vergewaltigung schwanger, ein Drittel bis die Hälfte der Frauen entscheiden sich, das Kind zu behalten. Aber sechs amerikanische Bundesstaaten haben kein Gesetz, das Vergewaltigungsopfer davor beschützt, dass dem Täter das Sorgerecht eingeräumt werden kann. 31 weitere Staaten haben dazu Gesetze mit vielen Schlupflöchern.

Zwar hat der damalige Präsident Barack Obama vor drei Jahren den "Rape Survivor Child Custody Act" unterzeichnet, ein Gesetz, das Vergewaltigungsopfer vor genau diesem Trauma schützen soll. Aber die Umsetzung bleibt den einzelnen Bundesstaaten überlassen. Und da hapert es nicht nur an klaren Richtlinien, sondern auch an Verständnis für die Opfer.

"Das Kind kann nichts dafür, wie es entstanden ist"

Die heute 23 Jahre alte Noemi Martinez in Norfolk, Nebraska, zum Beispiel, wurde vor sechs Jahren von einem damals 21 Jahre alten Arbeitskollegen nach der Arbeit vergewaltigt. Für Noemi kam eine Abtreibung nicht infrage. "Als ich zum ersten Mal den Herzschlag meines Babys hörte, wusste ich, dass ich das nicht übers Herz bringe." Sie ist streng katholisch, und wie Tiffany sagt auch sie: "Das Kind kann ja nichts dafür, wie es entstanden ist."

Als sie Unterhalt beantragte, forderte der Täter Umgangsrechte mit seiner Tochter - und das Gericht gab ihm recht. Jede Woche muss sie ihm nun ihr Kind überlassen, jede zweite Woche sogar für ein ganzes Wochenende. Unbeaufsichtigt. Isabella ist inzwischen sechs Jahre alt.

"Meine größte Angst ist, dass er ihr etwas antut oder irgendetwas Schlimmes passiert", sagt Noemi zögernd. "Ich kann nicht abschätzen, was er mit meiner Tochter vorhat."

In einer CNN-Reportage zeigt sie SMS-Botschaften ihres Vergewaltigers, die er ihr schickte, als sie schwanger war. Darin fordert er, sie solle das Kind abtreiben lassen oder sich die Treppe hinunterstürzen. Sie sagt, sie habe um ihr Leben gefürchtet. Aber auch das hielt das Gericht nicht davon ab, ihm Umgangsrechte zu gewähren.

Ist das alles noch gerecht?

Sie versucht, dem Vater ihrer Tochter nicht zu begegnen. Bei der Übergabe des Kindes nimmt sie ihre Mutter oder Schwester mit, wann immer es möglich ist, und sucht sich immer öffentliche Plätze. Sie lässt Isabella dann über den Parkplatz zu seinem Auto oder seiner Wohnungstür laufen, um ihm nicht direkt gegenüberzustehen. "Ich will mit ihm nichts zu tun haben", sagt sie. Isabella berichtet, er schenke ihr Spielzeug und spiele viel mit ihr, aber Noemi traut ihm nicht.

Bei einer Vergewaltigung mit Schwangerschaftsfolge verliert ein Vergewaltiger auch in Nebraska automatisch die Vaterschaftsrechte. Die Tat an sich ist unbestritten, der Täter hat gestanden. Aber er handelte einen sogenannten "Plea Deal" aus, eine "Verständigung" - in den USA werden die wenigsten Täter noch in richtigen Gerichtsverfahren verurteilt, ganze 97 Prozent lassen sich auf einen Deal ein. Sie stimmen einem abgeschwächten Vorwurf zu und bekommen im Gegenzug eine mildere Strafe.

Das hat viele Vorteile: Der Staat spart Zeit und Geld, der Täter spart sich einige Jahre im Gefängnis - doch das Opfer muss sehen, wie es mit den Konsequenzen zurechtkommt. In Noemis Fall sind die Folgen dramatisch: Der Täter wurde infolge des Deals nur wegen sexueller Nötigung dritten Grades verurteilt. Und damit darf er die Vaterschaftsrechte behalten.

Der Mann sollte bis heute hinter Gittern sitzen. Stattdessen bestraft das System meine Klientin, die selbst noch ein Kind war, als das alles passierte.

Genau diese Praxis wurde auch Tiffany Gordon zum Verhängnis. Für die extrem schwere Straftat - Entführung und mehrfache Vergewaltigung eines Kindes mit Schwangerschaftsfolge - hätte Mirasolo, heute 28, eigentlich 25 Jahre bis lebenslänglich bekommen müssen, stattdessen verurteilten die Richter ihn nur wegen "versuchter" Vergewaltigung. Er wurde nach sechs Monaten entlassen, damit er sich um seine kranke Mutter kümmern konnte. Kaum in Freiheit, vergewaltigte er eine 14-Jährige und saß dafür vier Jahre ein.

Als verurteilter Vergewaltiger darf sich Mirasolo keinem Kindergarten und keiner Schule nähern - aber Tiffany soll ihm einmal die Woche ihren Sohn überlassen? "Das ist krank", sagt Anwältin Rebecca Kiessling, 49. "Der Mann sollte bis heute hinter Gittern sitzen. Stattdessen bestraft das System meine Klientin, die selbst noch ein Kind war, als das alles passierte." Für Tiffany war es eine Herausforderung, ihrem Peiniger bei der Gerichtsverhandlung zu begegnen. "Das Gericht verlangte, dass beide anwesend sind. Sie erlaubten ihr nicht einmal, in einem separaten Zimmer zu warten", sagt Kiessling. Sie hat den Fall gewonnen, aber hält es für skandalös, dass man ihre Klientin zu dieser Tortur zwang. Noch dazu, weil sich Tiffany gar keine Anwältin hätte leisten können – Kiessling vertrat sie pro bono.

Rebecca Kiessling setzt sich dafür ein, dass die Gesetze geändert werden, in Maryland ist ihr das vor Kurzem auch gelungen. Sie hat einen Selbsthilfeverein für Vergewaltigungsopfer gegründet, die Mütter wurden. Dass sie selbst durch eine Vergewaltigung gezeugt wurde, steht auf ihrer Internetseite ganz oben. "Hätte meine Mutter abgetrieben, wäre ich heute nicht hier", sagt sie. Wie viele ihrer Mandantinnen ist auch Rebecca Kiessling engagierte Lebensschützerin und verurteilt Abtreibungen auch nach Vergewaltigungen. So sehr einen dieser Standpunkt irritieren mag: Die Mütter fühlen sich bei den "Pro-Life"-Aktivisten in ihrer Entscheidung akzeptiert, das Kind bekommen zu haben. Angesichts ihrer oftmals desolaten finanziellen und psychischen Situation finden sie dort emotionalen Rückhalt und auch juristische Unterstützung. Kiessling trägt das Thema schonungslos in die Öffentlichkeit.

Jessica wurde mehrfach von ihrem Onkel schwanger

Jessica Cardwell, 31, hat erst in diesem Januar begonnen, über den Missbrauch zu sprechen, der ihre Kindheit vergiftete. Der Bruder ihrer Mutter, so erzählt sie auf der Autofahrt zu der Radiostation, bei der sie arbeitet, sei zu ihrer Familie nach Alabama gezogen, als sie zwölf war. Weil die Wohnung klein war, habe ihre Mutter den damals 19-Jährigen in Jessicas Zimmer untergebracht - und ab da habe er sie regelmäßig vergewaltigt. Mit 14 wurde sie zum ersten Mal von ihm schwanger. Das Kind starb noch im Mutterleib. Bis heute kann Jessica nicht begreifen, warum der Frauenarzt die Behörden nicht informierte. "Eine schwangere 14-Jährige, warum wird da niemand hellhörig? Ich hätte damals schon befreit werden können." Mit 15 wurde sie wieder schwanger, genauso mit 17 und 19. Ihre Söhne sind heute 15 und zwölf Jahre alt. Ein weiterer Sohn wäre eigentlich 13 Jahre alt, aber er lebte schwerbehindert nur wenige Jahre.

Statt sie zu schützen, drängte ihre Mutter sie zur Hochzeit mit dem Täter. "Sie redete mir ein, wenn ich zur Polizei gehe, kämen wir alle ins Gefängnis, auch ich", sagt Jessica, "ich sah keinen Ausweg." Aber damals, sagt sie, sei sie "total eingeschüchtert" gewesen und habe sich "fürchterlich geschämt. Meine Familie redete mir ein, es sei alles meine Schuld." Ihr Mann habe Drogen genommen, sie geschlagen und gewürgt. Erst als er ihr eine Pistole an den Kopf setzte, verließ sie ihn mit ihren Kindern.

Ich will nicht nur nicht, dass die Kinder Kontakt zu ihm haben. Ich möchte mit diesem Monster nicht mal in derselben Galaxie leben.

Als alleinerziehende Mutter wurde Jessica obdachlos, und die Gerichte sprachen die Kinder dem Vater zu, obwohl der wegen Autodiebstählen und Drogenkonsum immer wieder mit der Polizei in Konflikt kam.

Inzwischen hat sie einen guten Job als Radiowerberin, hat wieder geheiratet, ihre beiden jüngsten Kinder sind fünf und sechs Jahre alt. 2012 bekam sie auch das Sorgerecht für ihre beiden ältesten Söhne zurück, aber der Richter räumte dem Vater Umgangsrecht ein. Jessica wollte vor Gericht auch über den Inzest sprechen, aber ihre Anwältin riet ihr ab. "Das sei nicht relevant, sagte sie." 

Im Juni 2018 wurde sie erneut dazu verurteilt, ihrem Vergewaltiger einmal die Woche ihre Kinder zu überlassen. Unter Aufsicht, aber das mindert ihre Wut nur wenig. "Ich muss sogar die Hälfte der Kosten für die Aufsicht tragen", sagt sie. "Dabei will ich nicht nur nicht, dass die Kinder Kontakt zu ihm haben. Ich möchte mit diesem Monster nicht mal in derselben Galaxie leben." Ihr ältester Sohn weiß, wie er entstanden ist, und weigert sich, seinen Vater zu sehen. Darauf baut Jessica ihre Hoffnung: "Weil die Besuche unter Aufsicht stattfinden, wird alles von Kameras aufgezeichnet. Dann können die Richter selbst sehen, dass er keinen Kontakt will."

Im Prozess drohte sie, weiteren Besuchen nicht zuzustimmen, lieber gehe sie ins Gefängnis. "Das ist es Ihnen wert, oder?", fragte sie der Richter. Sie sah ihm direkt in die Augen: "Ja, das ist es."

Brigitte 01/2019

Wer hier schreibt:

Michaela Haas
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