Mädchen im Schönheitszwang: SO können Mütter helfen!

Sie sollen dünn sein, perfekt riechen und sich im Internet mit makellos geschminkten Gesichtern präsentieren. Wie können Mädchen da ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln? Nur mithilfe ihrer Mütter, sagt die Feministin Stevie Schmiedel.

Meine zwölfjährige Tochter hat ein neues Handy. Begeistert zeigt sie mir, dass man mit der mitgelieferten Foto-App ein fotografiertes Gesicht - das in Selfie-Zeiten meist das eigene ist - in das einer außerirdischen Elfe verwandeln kann. Mit ein paar Klicks werden die Augen größer, die Wangenknochen höher, wird die Nase winzig klein: Fertig ist der Topmodel-Look, bevor man das Bild über Whatsapp an Freunde versendet oder auf Onlineplattformen wie Instagram oder SnapChat einstellt.

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Künstliche Optimierung ist selbstverständlich

Wie? Du bearbeitest deine Fotos nicht routinemäßig, bevor du sie postest? Du bist eventuell nicht mal auf Facebook? Dann bist du wohl vermutlich kein Digital Native: Anders als unsere Töchter und Enkelinnen sind wir nicht in einer Zeit aufgewachsen, in der es zum festen Alltag von Kindern und Jugendlichen gehört, sich selbst im Internet zu präsentieren. Deshalb kommt dir dein echtes Gesicht beim Blick in den Spiegel wahrscheinlich auch nicht vor wie ein Gnom mit Knollennase oder viel zu runden Wangen. Ganz anders geht es vielen Mädchen heutzutage: Mehr als jede zweite Elfjährige findet sich heute zu dick und ist selbstkritisch, wenn sie ihr unbearbeitetes Gesicht erblickt - zu sehr weicht es von den intensiv bearbeiteten und viel versendeten Versionen ab.

Jede Hashtag-Challenge schadet

In der medialen Welt, in der Kinder heute aufwachsen, ist es selbstverständlich, dass man das eigene Äußere optimiert. Das Magazin "Bravo Girl", das im Hort meiner Tocher frei ausliegt und auch von Fünftklässlern konsumiert wird, gibt dazu klare Vorgaben, und zwar bis hin zur Unterwäsche: Schließlich soll auch die kleine Konsumentin vom Product-Placement erreicht und als Kundin von morgen geformt werden. Die sozialen Netzwerke verbreiten die medialen Beauty-Vorgaben per Hashtag auf die Smartphones und Laptops unserer Kinder: #PantyChallenge, #ThighGap, #IphoneKnees. Das sind Ausdrücke, bei denen du vielleicht fragend guckst. Für Kinder und Jugendliche aber bergen sie kein Geheimnis, sondern ein wahnwitziges Schönheitsideal, dessen Druck sie in den sozialen Netzwerken ganz selbstverständlich und tagtäglich ausgesetzt sind. Ich übersetze mal:

Bei der #PantyChallenge geht es um saubere Höschen. Um zu gewinnen, müssen die Mädchen ihren Schlüpfer von innen fotografieren und nachweisen, dass sich auch ja kein Ausfluss darin befindet. Und wenn, muss der mindestens "perfekt" riechen - sagt "Bravo Girl". Wenn deine Tochter also abends ihre Unterwäsche beschnüffelt, musst du dich nicht wundern. Oder steht sie mit einem DIN-A4-Blatt vor dem Leib vor dem Spiegel? Ihre Taille muss nämlich, so fordert es die #A4-Challenge, dahinter verschwinden. Ihre Knie dürfen die Breite eines iPhone 6 nicht überschreiten (#IphoneKnees), und wenn du #ThighGap googelst, kannst du ein Netz voller Fitnesstipps finden, die die begehrte Lücke zwischen den Oberschenkeln herzuzaubern versprechen. Sollte deine Tochter eine "Bananenfalte" haben, also keinen faltenfreien Übergang von Po zu Oberschenkel, verspricht ihr Instyle Online, dass teure Cellulite-Creme helfen kann - oder eben eine kleine Operation für nur 3500 Euro.

Verunsicherung beginnt früh

Dieser zutiefst kritische, ständig vergleichende Blick auf den eigenen Körper, der Mädchen schon früh angewöhnt wird, verunsichert massiv. Ist das einst kindlich-unbeschwerte Selbstbewusstsein erst durch zwanghafte Selbstbeobachtung ersetzt worden, kann man kleine Hilfen reichen (Cremes, Make-up, Diätshakes, Zeitschriften, Mode), um es wenigstens ein bisschen wieder aufzubauen: Der Umsatz, den Unternehmen mit den Minderwertigkeitskomplexen der Mädchen und jungen Frauen und ihrer Sehnsucht nach äußerlicher Perfektion machen, ist milliardenschwer.

Es gibt kein Entkommen

"Tja, selbst schuld!", denken manche: Man muss den Kindern doch nur das Handy verbieten! Oder das WLAN sperren! Unmöglich, diese Eltern, die ihrem Kind in der fünften Klasse ein Smartphone kaufen! Doch so einfach ist das nicht. Bestimmt gibt es Klassengemeinschaften, in denen man sich dem Gruppendruck besser entziehen kann als in anderen. Wo genau man die findet, kann ich allerdings nicht sagen: Ich habe ein Kind auf einem Gymnasium mit einkommensstarkem Einzugsgebiet, das andere geht auf eine "Brennpunkt"-Gesamtschule mit hohem Migrationsanteil - beide in einer deutschen Großstadt. Auf beiden Schulen haben 90 Prozent der Kinder schon in der Fünften ein Smartphone.

WLAN ist überall

Digital schlau genug, sich an jedem Hotspot ins WLAN einzuwählen, sind die Kinder sowieso. Auch in der elterlichen Wohnung kann man nicht jederzeit das WLAN ausstellen, wenn die Eltern abends am Rechner noch etwas wegarbeiten müssen. Selbst wenn das Kind keine Internet-Flat hat, kommt es irgendwie und irgendwo ins Netz, und notfalls guckt man die letzte Folge von "Germany's Next Topmodel" nach Schulschluss halt bei der Freundin auf dem Handy. Ich habe es wirklich versucht, mich dem Smartphone-Druck zu widersetzen. Es ist einfach nicht zeitgemäßg. Meine Tochter kam nach dem Wechsel auf die weiterführende Schule erst so richtig in der Klassengemeinschaft an, als ich ihr im zweiten Halbjahr mein altes Android genehmigte, sie der WhatsApp-Klassengruppe beitreten konnte und von da an Gruppenverabredungen und den Klassenchat mitbekam. WhatsApp ist übrigens erst ab 16 Jahren erlaubt, darauf wiesen auch die Lehrerinnen hin, die eindringlich an uns Eltern appellierten, den Kindern WhatsApp geschlossen zu verbieten: vergeblich. Eine Mehrheit war dagegen.

Die Vorgaben sind willkürlich

Es bleibt also nur, das Kind gegen den Wahnsinn stark zu machen. Aber wie? Mein Tipp: Zeigt euren Kindern möglichst vor der Pubertät, also wenn es noch zuhört, wie unsinnig die Vorgaben der Mode- und Schönheitsindustrie sind. Dass Frida Kahlo für ihre zusammengewachsenen Augenbrauen, die heutzutage als optisches No-Go gelten, in den 30er-Jahren angehimmelt wurde. Dass Rubens seine Bilder von dicken Frauen verkaufen konnte, die heute keiner mehr haben wollen würde. Dass je gleichberechtigter Frauen in unserer Gesellschaft wurden, das Schönheitsideal immer schlanker wurde. Es drückt aus: Wir nehmen jetzt wirtschaftlich und politisch Raum ein, da wollen wir uns mal sonst nicht so breitmachen, sonst liebt uns gar keiner mehr.

Das ist ein Thema, das Kinder auch in der Pubertät fasziniert, sobald sie anfangen, unter den Vorgaben zu leiden. Wenn die nächste Challenge kursiert, diskutiert vielleicht mit dem Kind gemeinsam über Gleichberechtigung, die Rolle der Frau in den Medien - und wer wie viel daran verdient, wenn man uns erfolgreich einredet, unzulänglich zu sein.

Cool bleiben!

Und tut den Mädchen und jungen Frauen in eurem Leben bitte einen großen Gefallen: Zeigt gerne Wut auf den grassierenden Schönheitswahn. Aber zeigt nicht den eigenen Kampf damit. Wiegt euch heimlich, redet nicht vom angeblich zu dicken Bauch und der nächsten Diät. Je mehr ihr auf die Provokationen der Beauty-Seiten pfeift, desto eher können es auch Tochter, Enkelin, Nichte und Patenkind. Das ist die einzige an uns erwachsene Frauen gestellte "Challenge", der wir uns nicht entziehen sollten!

Stevie Meriel Schmiedel ist promovierte Kulturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Genderforschung. Die ehemalige Universitätsdozentin gründete 2012 die Protestorganisation Pinkstinks Germany, die sich für vielfältige Geschlechterrollen und gegen den Schönheitsdruck der Wirtschaft einsetzt. Unter dem Motto "Vielfalft ist Schönheit" kämpft die 45-jährige Deutschbritin mit ihren - auch männlichen - Mitstreitern insbesondere gegen Körperhass und Essstörungen bei Teenagern: www.pinkstinks.de.

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