Sextourismus: Das Leid der philippinischen Mädchen

Vor 20 Jahren kam erstmals in Deutschland ein Mann 
in Haft, der im Ausland Kinder missbrauchte. Der Fall war spektakulär, geändert hat sich seither wenig: Noch immer kämpft Marlyn Capio, die den Täter damals hinter Gitter brachte, für die Opfer der Sextouristen. 

Ein Mädchen, das hinter Blumen posiert

Erica, 15, posierte für Sexfotos. Heute lebt sie in einem Schutzhaus.

Mit 13 wurde sie zum Gruppensex gezwungen

Erica war zehn, als sie sich zum ersten Mal nackt fotografieren ließ. Sie war 13, als ihr Zuhälter einen Film auf Facebook postete, auf dem sie mit drei anderen Mädchen in einem Hotel Sex mit zwei Männern hatte. Ihr Vater prügelte sie halb tot, als er davon erfuhr, sie flog von der Schule, der Schulleiter nannte sie "eine Schande".

Jetzt ist Erica 15, ein ernstes Mädchen mit einer blauen Spange in ihren langen Locken. Sie hockt auf den Knien in einem Raum, der bis unter die Decke mit Matten ausgekleidet ist. Sanfte Musik kommt aus einem Gettoblaster, Liebeslieder, und Erica schreit und schreit. Sie wirft sich vor und zurück, trommelt mit den Fäusten auf die Wand ein, brüllt, dass er leiden soll, dass sie ihn kriegen werden, sie meint ihren Zuhälter.

Acht Mädchen zwischen 12 und 17 sind mit ihr im Raum, der zum Therapiezentrum der philippinischen Kinderschutzorganisation Preda gehört. Sie prügeln ihre Wut heraus mit einer Kraft, die nicht zu ihren schmalen Körpern zu passen scheint. Manchmal geht eine Welle durch die Gruppe, dann kommen ihre Schreie wie aus einer Kehle.

Die Mädchen sind ehemalige Kinderprostituierte 

Sie leben in einem Land, in dem die Übergänge zwischen Armut und sexueller Ausbeutung fließend sind, sie kommen aus Familien, in denen Eltern ihre Kinder für einen Monatslohn den Mamasans, den mächtigen Barfrauen der Rotlichtbezirke, ausliefern, oder in denen sich Kinder, wie Erica, heimlich nach der Schule für ein Taschengeld für Fotos prostituieren, um etwas Geld zu verdienen.

Irgendwann sinkt Erica zusammen, und Marlyn Capio, 35, legt den Arm um ihre Schulter. Er ruht lange dort, bevor sie sich dem nächsten Mädchen zuwendet.

"Ich weiß, wie es sich anfühlt", sagt sie, als die Mädchen sich gefasst und eines nach dem anderen schweigend den Raum verlassen haben. "Die Matten stehen für die, die dir Gewalt angetan haben, dein Vater, die Zuhälter. Und für die, die dich nicht geschützt hat - deine Mutter."

Marlyn ist die bekannteste ehemalige Kinderprostituierte der Philippinen

Marlyn Capio, lächelnd

Marlyn Capio, 35, sagte gegen ihren Freier aus. Heute ist sie Sozialarbeiterin und hat einen Sohn

Vier Jahre lang hat Marlyn sich hier selbst fast täglich den Schmerz von der Seele geschrien. "Anfangs", sagt sie, "kam es mir albern vor, aber es wurde schnell ernst." Ihre Geschichte ähnelt denen der meisten Mädchen hier, auch wenn sie 20 Jahre zurückliegt. Als Prostituierte war sie mit 13 an ausländische Sextouristen vermittelt worden, einer flog mit ihr sogar nach , nach Frankfurt, zwei Monate wurde sie unter seinen Freunden herumgereicht, manche schlugen, knebelten sie, einer redete vier Stunden nur über Gott.

Ihre Geschichte erzählt viel über die Selbstverständlichkeit, mit der sich westliche Männer noch immer der Kinder in armen Ländern bedienen. Und davon, wie schwer es ist, die erlebte Gewalt hinter sich zu lassen, aber dass es gelingen kann.

Marlyn lebt in Olongapo, 130 Kilometer nördlich von Manila. Während des Vietnamkriegs war die Stadt US-Marinestützpunkt, Bars und Bordelle florierten. Als die Army 1992 abzog - und 8000 mit philippinischen Frauen gezeugte Kinder zurückließ -, wurde Olongapo zum Geheimtipp für Sextouristen. Hunderte Männer kommen jeden Monat in die Bars, die "Coco Lips", "Sweet 16", "Lollipop" und "Wet Point" heißen. Olongapo, 250 000 Einwohner, ist Provinz, Sex ist hier billig, die Arbeit für die Mädchen und Frauen nahezu alternativlos.

Sie war die Erste, die einen deutschen Sextouristen hinter Gitter brachte

Ihre Geschichte ging um die Welt, ein "Tatort" wurde darüber gedreht, Marlyn zu internationalen Konferenzen eingeladen. Denn aufgrund ihrer Aussage konnte erstmals in Deutschland ein Sextourist verurteilt werden. Dreieinhalb Jahre bekam der Deutsche Thomas B., damals 32, im Dezember 1996 in Iserlohn wegen Kindesmissbrauchs. Er und ein weiterer Mann hatten Marlyn, damals 15, und ein weiteres Mädchen - beide sagten in Iserlohn aus - über Tage wie Sexsklavinnen gehalten und sie dabei gefilmt. Die Videos lieferten die entscheidenden Beweise.

Marlyn lädt, um ihre Geschichte zu erzählen, in ihr Haus nahe dem Vergnügungsviertel Barretto. Es ist ein gutes Haus mit Badezimmer und Einbauküche, auf dem Wohnzimmerschrank stapeln sich Stofftiere, ein Plastiktannenbaum steht noch vom letzten Jahr da, einfach, weil er bunt ist und blinkt. Ihre Mutter schwebt wie ein verwirrtes Vögelchen durch den Raum; wenn sie spricht, bohrt sie sich die Finger in die Wange, eine kleine Frau in ihrer eigenen Welt.

Marlyn hat häufig über ihren Weg in die Prostitution gesprochen, in der Therapie, und später als Sozialarbeiterin bei Preda: Sie geht in Hotels und schult die Mitarbeiter, woran sie die Sextouristen unter ihren Gästen erkennen. Sie erklärt Eltern, warum sie ihre Töchter vor den Zuhältern schützen müssen, auch, wenn sie das Geld dringend bräuchten, um die Geschwisterkinder zu ernähren. Immer macht sie sich selbst zum Beispiel.

Gegen Geld lässt der Staat die Freier wieder laufen

Und doch braucht es Stunden, bis sie an diesem Tag ans Ende ihrer Geschichte gelangt. Oft schießen ihr Tränen in die Augen, sie sagt: "Ich bin wie ein zerbrochenes Glas, das geklebt wurde; es ist danach nie wieder ganz heil." Manchmal muss sie über ihre eigene Rührung lachen, wie sie ohnehin viel lacht, sie ist herzlich und fröhlich und zugleich knallhart in dem, was sie für die Kinder erreichen will. Ihr Motor ist ihr großes Wohlwollen den Kindern gegenüber; ihre Rundungen sind wie dafür gemacht, sie mit ihrem ganzen Körper zu beschützen.

Sie hat eine Biskuitrolle besorgt, sie liebt Süßes. Sie kocht dazu Kaffee, so, wie ihn Deutsche trinken; ihr Mann Ralph, der sich schweigend dazusetzt, ist aus Thüringen. Sie hat ihn auf einem Flughafen kennengelernt, vor fünf Jahren haben sie geheiratet, ihr Sohn Benjamin ist vier. Sie nennt ihn "Baby", Ralph ist ein großer, gemütlicher Mann um die 60 und erinnert an einen Bären. Wenn er sie mit seinen langen Armen an sich drückt, sieht Marlyn sehr glücklich aus.

Geboren wurde sie auf Mindoro im Westen der Philippinen. Ihr Vater starb früh, der Mann, den die Mutter danach heiratete, vergewaltigte sie, als sie zehn war. Sie zeigte ihn mithilfe ihrer Großmutter an, doch die Mutter, schon damals psychisch labil, setzte sie unter Druck. "Sie lief in ihrem Brautkleid durchs Dorf und rief, du bist der Grund für den Untergang dieser Familie'", sagt Marlyn. Die Großmutter starb, die Klage versandete, mit 13 riss Marlyn aus, floh zu einer Freundin, lebte in Parks, bettelte, aß Müll und fühlte sich so.

Marlyn wurde wie ein Tier behandelt 

Mädchen auf dem Straßenstrich im Rotlichtviertel der Stadt Olongapo

Mädchen auf dem Straßenstrich im Rotlichtviertel der Stadt Olongapo

Eine Mamasan sprach sie an, sagte, sie könne ihr helfen, sie bekäme kein Geld, aber Kleidung, Essen, Unterkunft. Von da an wurde sie an ausländische Männer verkauft, meistens wochenweise, Marlyn erzählt keine Einzelheiten, nur, dass sie sie "wie ein Tier" behandelten.

Im Januar 1996 wurde sie zusammen mit der neunjährigen Pia an Thomas B. und dessen 23-jährigen niederländischen Freund vermittelt. Eine Woche verbrachten sie in Manila, dann flogen sie auf die Touristeninsel Boracay. Dort fielen sie der Frau des Bürgermeisters auf, sie verständigte die Polizei, alle vier wurden festgenommen. Marlyn sagt:

"Wir haben die Männer verteidigt, obwohl uns eine Sozialarbeiterin im Gefängnis erklärte, dass das, was die beiden getan hatten, illegal war. Wir haben ihr nicht geglaubt."

Die Behörden brachten die Mädchen später nach Iloilo City im Osten des Landes, in ein von Nonnen geführtes Haus für Opfer sexueller Gewalt. "Die Nonnen erklärten uns, dass wir Sünder seien", sagt Marlyn. "Und dass wir beten und arbeiten sollten. Aber wir hielten keine Regeln ein. Wenn wir putzen sollten, verteilten wir Dreck, wenn wir beten sollten, sangen wir laut."

Eine Hilfsorganisation war die Rettung 

Ihre Rettung war schließlich das Versagen der Behörden im Umgang mit Thomas B. und dessen Freund. Beide konnten die Philippinen verlassen, weil die jeweiligen Botschaften ihnen nach einer Freilassung auf Kaution Pässe ausstellten.

Der Fall machte Schlagzeilen, in Olongapo erfuhr Pater Shay Cullen davon, ein irischer Priester, der seit 1969 auf den Philippinen lebt und etwa ebenso lang gegen Kinderprostitution kämpft. Pater Shay ist auf den Philippinen eine Institution. Er gründete die Hilfsorganisation Preda, baute Schutz- und Therapiehäuser für missbrauchte Mädchen wie Jungen, er sorgt für Razzien in Bars, in denen Kinder angeboten werden, recherchiert Missbrauchsfälle und holt, sooft es geht, Straßenkinder aus den Gefängnissen in Manila, in denen sie für Monate weggesperrt werden.

Willkommensschild Olongapo City

Die Stadt wirbt auf ihrem Willkommensschild mit den "schönsten Frauen der Welt"

Mit einer großen Packung Eiscreme fuhr er 1996 nach Iloilo. "Er sagte: 'Bei Preda akzeptieren wir euch, wie ihr seid, kommt mit.' Wir merkten bald, dass das stimmte", sagt Marlyn, "dass wir noch etwas Gutes in uns hatten." Mit der Vollmacht der Mädchen flog Pater Shay nach Hagen und sorgte dafür, dass Thomas B. im August 1996 in Untersuchungshaft kam. Vier Monate später begann der Prozess, zu dem Marlyn und Pia eingeflogen wurden; als Marlyn den Staatsanwalt zum ersten Mal in seiner Robe sah, hielt sie ihn für einen Vampir und versteckte sich.

"Uns ging es damals nicht nur um eine Strafe für den Täter", sagt Pater Shay heute, auf der Veranda des Preda-Büros am Stadtrand von Olongapo. "Sondern darum, dass die Mädchen wissen, dass ihnen Unrecht angetan wurde. Das hilft ihnen bei der Verarbeitung."

Pater Shay, 73, ist ein schlanker, beweglicher Mann in Trekkinghosen und Karohemd, jeden Tag geht er schwimmen und hört dabei über seine wasserdichten Kopfhörer Enya oder Beethoven. Zweimal wurde er bereits für den Nobelpreis nominiert, das Geld der vielen Preise, die er im Lauf der Jahre bekommen hat, steckte er in die Kinderschutzprojekte; fast scheint es, als zahle ihm die Welt, aus der die Täter kommen, mit ihrem Preisgeld einen Ablass.

Jeder zweite Tourist kommt wegen Sex 

"Mehr als jeder zweite Ausländer, der auf die Philippinen fliegt, kommt wegen Sex", sagt Pater Shay. "Und die Behörden tun nichts dagegen. Sie lassen die Täter für ein paar Tausend Euro Schmiergeld davonkommen."

Fast 100 Kinder leben derzeit in seinen Schutzeinrichtungen, sie werden therapiert und darauf vorbereitet, später in ihre Familien zurückzukehren. Bis dahin begleiten Preda-Mitarbeiter sie durchs Leben, auch auf ihrem Weg zur Schule, damit ihnen niemand aus ihrer Vergangenheit auflauern kann. Und auch danach bleiben die Preda-Leute mit ihnen in Kontakt, denn fast alle Kinder werden nach ihrer Rückkehr wieder von den Zuhältern angesprochen.

Vier Jahre lebte Marlyn bei Preda. Dann zog sie nach Iloilo, machte einen Bachelor in Sozialpädagogik. Pater Shay stellte sie als Sozialarbeiterin ein, von ihrem ersten Gehalt kaufte sie sich Kuscheltiere, von ihrem zweiten Kunstblumen, ab dann sparte sie für einen Flug nach Hause. "Ich merkte an der Art, wie mir die Geschichten der Kinder nahegingen, dass ich mich mit meiner Familie aussöhnen musste", sagt sie.

Es gelang ihr erst vor wenigen Jahren, als die Mutter endlich zugab, vom Missbrauch gewusst zu haben. Marlyn holte sie zu sich nach Olongapo, besorgte ihr Medikamente gegen die Depressionen. Sie findet es richtig so, es ist ihr wichtig, Familie zu haben, "so gehört es", sagt sie. Kontakt zu Pia hält sie über Facebook. Sie weiß, dass sie mit einer Frau zusammenlebt und dass es ihr gut geht.

Marlyn mit ihrer Mutter

Marlyn mit ihrer Mutter, die an Depressionen leidet

Marlyn arbeitet eng mit Pater Shay zusammen, auch bei der Aufdeckung aller Arten von Gewalt gegen Kinder, im Rotlichtmilieu wie in den Familien. Ihr Büro ist voller Ordner, Akten stapeln sich auf ihrem Schreibtisch. 387 Fälle betreut sie aktuell, Cybersex, Menschenhandel, Inzest, Missbrauch. Sie geht Hinweisen nach, hört sich bei Nachbarn, Vermietern, in Bars und Kliniken um. Wenn sie eine Spur hat, schaltet sie die Polizei ein, wenn die nicht schnell genug kommen, fährt sie selbst hin und stellt die Eltern zur Rede.

Heute kämpft Marlyn für die Rechte von Kindern

An einem Sonntag fahren Marlyn und Pater Shay nach Manila. Weil ein Platz im Kinderschutzzentrum frei geworden ist, wollen sie einen Jungen aus einem der knapp 20 Kindergefängnisse holen. Marlyn trägt ein rosa T-Shirt, auf dem Rücken der Aufdruck "I'm a defender of children's rights", Ich kämpfe für Kinderrechte. Sie hat eine Mappe mit Formularen unterm Arm; über den elfjährigen John weiß sie nur, dass seine Mutter sich an die Sozialbehörde gewandt hatte, weil sie mit ihm nicht fertig wurde, und die ihn dann ins Gefängnis steckte.

Das Pasay City Youth Home liegt in einer Sackgasse mitten in der Touristenregion an der Bucht von Manila. Das Gebäude unterscheidet sich kaum von den umliegenden Wohnblocks, wären da nicht die Kinder, die in den oberen Stockwerken ihre Arme durch die Gitterstäbe der Fenster strecken und den Leuten, die in der Kehre ihre Zigaretten rauchen, Zeichen machten, dass sie Hunger haben.

Seit fünf Monaten sitzt John in einer Zelle mit etwa zwei Dutzend Jungs mit geschorenem Kopf, alle zwischen acht und 15. Manche haben Klebstoff geschnüffelt, ein Neunjähriger ist hier, weil er sich zum Spaß auf eine Kreuzung gestellt hatte und den Verkehr regeln wollte.

"Dormitories" heißen diese Einrichtungen offiziell, Schlafsäle, aber es gibt nur ein paar Holzpritschen, die meisten Kinder schlafen mit einem Kissen auf dem Betonboden. "Wer noch nicht auf der Straße verroht ist, der verroht hier", sagt Marlyn. Dann verschwindet sie in einem Büro, um Johns Papiere fertig zu machen und führt, als sie zurückkommt, ein zweites Kind an der Hand, den neunjährigen Allan, wie John Sohn einer Familie, die vom Müllsammeln lebt, und seit vier Monaten eingesperrt. "Es braucht hier wenig Bürokratie, um ein Kind auszulösen", sagt sie, "es gibt nur zu wenige, die das tun." Pater Shay sagt: "Wir versuchen immer, die Kleinsten und die, die am längsten drinsitzen, zu retten."

Manchmal macht sie auch die Arbeit der Polizei

Auf dem Rückweg halten sie an einem Familienrestaurant am belebten Roxas Boulevard in Manila. Marlyn fragt die Jungs, was sie essen wollen, Allan zappelt vor Aufregung und zeigt auf den bunten Eisbecher auf der Karte. Marlyn legt den Arm um ihm und schneidet ihm Fleisch von ihrem Teller klein, der Junge isst ein wenig, schiebt dann die Happen in seine Tasche, um sie sicher aufzubewahren.

Als die Gruppe Olongapo erreicht, ist es Abend, und der Barbetrieb beginnt. Marlyns Heimweg führt direkt hindurch. Bikini-Mädchen winken den Touristen zu, weiße Männer, viele Ältere darunter, flanieren mit philippinischen Mädchen an der Hand die Straße entlang. In der "Flash Rat Bar" tanzen fünf Mädchen in Hotpants und weißen, mit Kordeln gehaltenen Oberteilen auf einem Podest an Stangen. Die Männer sitzen allein oder in Gruppen an den Tischen, winken ab und zu ein Mädchen für einen "Lady Drink" für drei Euro zu sich. Die Mädchen kraulen ihnen dann den Nacken, streicheln sie. Für 5,50 Euro können die Kunden Tischtennisbälle auf die Tänzerinnen werfen, sie kreischen dann und rekeln sich beim Versuch, sie zu fangen.

Tanzende Frau auf der Straße

Straßenszene im Bar-Viertel von Olongapo

Marlyn kennt viele der Mädchen, und sie weiß über jeden Club Bescheid. Sie deutet auf vier leerstehende Lokale, die nebeneinanderliegen. "Die hat die Polizei nach einer Razzia geschlossen", sagt sie. "Wir konnten beweisen, dass dort Kinder vermittelt wurden. Jetzt will die Läden niemand mehr mieten."

Sie winkt Mayne zu, die in einem blauen Stretchkleid über ihrem Bikini vor einer Bar Männer anspricht, um sie hineinzulotsen. Mayne ist 23, vor vier Jahren zog sie aus Tondo, dem größten Slum Manilas, hierher. Sie hatte einen kleinen Laden, aber davon konnte sie nicht leben. "Ich tanze, ich fange Bälle", sagt sie, "ein-, zweimal die Woche gehe ich mit einem Mann mit." Knapp 40 Euro kostet die Nacht mit ihr, 25 Euro davon bekommt ihre Mamasan.

Sie hat zwei Kinder in Manila, 5 und 2, ihre Mutter passt auf sie auf. Die Mutter weiß auch, was sie in Olongapo macht, "sie findet es okay", sagt Mayne, "solange es nur Ausländer sind." Sie sagt, sie gehe nur mit Männern, die ihr gefallen, "die alten, fetten lehne ich ab, und die, die zu groß sind, weil das vom Körper her nicht passt." Wenn ein Kunde in der Bar nach einem "Cherry Girl", einem ganz jungen Mädchen fragt, sagt Mayne, werde die Mamasan es besorgen.

Frau mit einem Tattoo

Mayne, 23, tanzt in Bars, geht manchmal mit Männern mit. Ihr Tattoo beschwört die wahre, reine Liebe

Dann muss sie los, ihre Zuhälterin soll nicht merken, dass sie mit ausländischen Frauen redet. Sie wischt mit der Hand über ihr Tattoo auf der Schulter, ein englisches Gedicht in einer romantisch verschnörkelten Schrift: "Ein Kuss auf die Stirn ist so viel süßer als 1000 Küsse auf den Mund", steht da, "keine Lust, sondern pure Liebe und Respekt."

Täter aus allen Schichten

  • Etwa 100 000 Kinder arbeiten nach Schätzungen auf den Philippinen in der Prostitution. Neben Sextourismus boomt der Cybersex: Die Kinder posieren vor Laptopkameras, die Kunden geben ihnen online Anweisungen. Es gibt geschätzt etwa 400 000 deutsche Sextouristen, viele fahren in osteuropäische Orte wie das tschechische Cheb. Die Täter kommen aus allen Schichten.
  • Wie viele Deutsche bislang wegen Missbrauchs von Kindern im Ausland angeklagt wurden, ist nicht bekannt, die Statistiken der Behörden dazu sind nicht öffentlich. Das BKA geht laut der Organisation Ecpat von zehn bis 15 Festnahmen pro Jahr aus. Ecpat konnte für eine Studie 34 Verfahren zwischen 2005 und 2015 recherchieren, in denen die Täter rechtskräftig verurteilt wurden.
  • Die Arbeit von Preda auf den Philippinen unterstützt das katholische Hilfswerk missio. Für die Projekte von Pater Shay werden dringend Spenden benötigt: Stichwort "Preda", IBAN: DE 2337 0601 9300 0012 2122. Weitere Infos unter www.missio-hilft.de/preda
Von den Kindern gemalte Bilder ihrer Zuhälter

Bilder, die die Kinder im Preda-Therapiezentrum von ihren Zuhältern malten

Meike Dinklage besuchte mit Fotografin Julia Knop an mehreren Abenden das Rotlichtviertel in Olongapo, um Kontakt zu den Frauen zu bekommen. Natürlich fielen die beiden Europäerinnen in den Bars auf. Deshalb begleitete sie, zur Tarnung, Marlyns deutscher Ehemann Ralph.

Wer hier schreibt:

Meike Dinklage
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