Sexueller Missbrauch: "Die Politik verhöhnt die Opfer"

Als 2010 eine Reihe von Missbrauchsskandalen bekannt wurde, gründete sich der "Runde Tisch". Sein Ziel: Die Situation der Opfer von sexuellem Missbrauch zu verbessern. Was ist seitdem passiert? Erschreckend wenig - Opferorganisationen sind schockiert über den Mangel an politischer Unterstützung. BRIGITTE.de sprach mit Ursula Enders, Leiterin der Beratungsstelle "Zartbitter", über die fehlende Umsetzung von Versprechungen.

Der Runde Tisch "Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich" kam im April 2010 erstmals zusammen, nachdem Missbrauchsfälle in verschiedenen öffentlichen, privaten und kirchlichen Einrichtungen bekannt geworden waren. Den Vorsitz teilten sich die ehemalige Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan, die Bundesministerin für Justiz, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, sowie die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Kristina Schröder. Ziele waren unter anderem, Kinder zukünftig vor Missbrauch in Einrichtungen zu schützen, den Opfern Hilfen und finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen, sowie sich mit der rechtlichen Aufarbeitung der vergangenen Missbrauchsfälle auseinanderzusetzen.

BRIGITTE: Frau Enders, welche Erwartungen hatten Sie ursprünglich an den "Runden Tisch"?

Ursula Enders: Um eines vorab klar zu machen: Die Empfehlungen des "Runden Tisches" sind nicht zu kritisieren. Er hat wichtige Vorschläge zur Verbesserung der Situation von Opfern von sexuellem Missbrauch gemacht. Was zu kritisieren ist, ist die Politik, die davon so gut wie nichts umgesetzt hat.

BRIGITTE: Fühlen Sie sich von der Politik im Stich gelassen?

Ursula Enders: Absolut! Alles, was die Politik macht, ist ihre Betroffenheit für die Vergangenheit auszudrücken, ohne dabei Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen. Die aktuell betroffenen Mädchen und Jungen, sowie die heute erwachsenen Betroffenen werden einfach hängen gelassen. Das ist eine Verhöhnung der Opfer, wenn man einerseits sagt "Wir müssen unbedingt etwas unternehmen" und anderseits faktisch keine Hilfe anbietet. Prävention ist schön und gut, aber die Politik blendet aus, was betroffene Kinder, Jugendliche und Erwachsene aktuell wirklich brauchen.

Das Ganze ist doch eine politische Heuchelei

BRIGITTE: Was hat Sie besonders enttäuscht?

Ursula Enders: Dass die Bundeskanzlerin sich so vor ihrer Verantwortung drückt! Anfang der 90er Jahre war Angela Merkel Familienministerin und hat eine tolle Politik zu dem Thema gemacht. Es ist erschreckend, dass sie seit der Aufdeckung der Missbrauchsskandale ihre Verantwortung nicht wahrgenommen hat. Sie müsste einfach nur mal ein Machtwort im Interesse der Opfer sprechen. Ebenso ärgert mich unsere Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Sie selbst beschuldigt die Länder, sich nicht an dem geplanten Hilfsfonds für Betroffene von sexuellem Missbrauch zu beteiligen, dabei hat sie bisher noch nicht einmal ihren eigenen Gesetzesentwurf zur Stärkung der Opferrechte im Strafverfahren und zivilrechtlichen Auseinandersetzungen durchgeboxt. Das Ganze ist doch eine politische Heuchelei, in dem sich die Verantwortlichen gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben.



Anm. der Red.: Geplant war ein Fonds für sexuelle Missbrauchsopfer im Umfang von 100 Millionen Euro. Die Kosten sollten sich Bund und Länder teilen. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) forderte die Länder jetzt auf, ihren Anteil für den geplanten Fonds zur Verfügung zu stellen. Diese wiederum werfen der Politikerin vor, es gebe kein Gesamt-Konzept des Bundes für den Fonds und es sei nicht klar, wofür genau das Geld verwendet werde.

BRIGITTE: Und bei dem ganzen Hin und Her geraten die eigentlich Betroffenen in Vergessenheit. Was brauchen die Opfer denn momentan besonders akut?

Ursula Enders: Das größte Problem sind bundesweit die großen Lücken im Hilfesystem. Wir von "Zartbitter" bekommen z. B. vom Land Nordrhein-Westfalen heute weniger Geld für unsere Beratungsarbeit als Mitte der 90er Jahre und mussten sogar mangels Finanzen Stellen abbauen. Täglich müssen wir Beratungsanfragen abweisen. Das ist kaum auszuhalten! Außerdem gibt es bundesweit bisher kaum Beratungsangebote für männliche Opfer, kaum Hilfen für Opfer mit Behinderungen und einen Mangel an Beratungsangebote für betroffene Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund. Fakt ist: Kinder und Jugendliche haben noch immer keinen Rechtsanspruch auf eine Beratung im Falle eines Missbrauchs. Das Beratungsangebot ist nach dem Gesetz lediglich eine sogenannte "freiwillige Leistung der Jugendhilfe", d.h. Länder und Kommunen sind bisher nicht verpflichtet, spezielle Beratungen zu finanzieren. Deshalb ist eines der Grundanliegen der Petition der Fachberatungsstellen gegen sexuellen Missbrauch, den Rechtsanspruch von Opfern sexueller Gewalt endlich einzufordern.

BRIGITTE: Die Beratungssituation ist aber nicht die einzige Streitfrage. Wie steht es um die finanzielle Entschädigung der Opfer?

Ursula Enders: Das Opferentschädigungsgesetz muss dringend überarbeitet werden. Wichtig ist unter anderem, auch Fälle vor 1976 zu berücksichtigen, damit diese z.B. einen Anspruch auf angemessene Therapien und angemessene Renten haben. Die vom Bund angebotene, erste Finanzierung eines Fonds ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Krankenkassen stehlen sich übrigens genauso aus der Verantwortung: Sie bewilligen einzelnen Betroffenen eine zu geringe Anzahl an Therapiestunden, anstatt Opfern dringend benötigte Langzeittherapien zu ermöglichen.

BRIGITTE: Was wünschen Sie sich noch von der Politik?

Ursula Enders: Zum Beispiel eine Verbesserung der Situation von Opfern sexueller Gewalt im Strafprozess. Wir beraten momentan eine Jugendliche, die von ihrem Stiefvater über Jahre hinweg missbraucht wurde. Nun ist diese Jugendliche aber sehr ruhig und erzählt äußerst nüchtern von ihren Erfahrungen. Die Gutachterin, die mit ihr gesprochen hat, hat ganz offensichtlich keinerlei traumatherapeutische Qualifikation. Ihr Ergebnis: Die Betroffene sei nicht "glaubwürdig" genug und erzähle zu emotionslos und bruchstückhaft von den "angeblichen" Gewalterfahrungen. Und was ist die Konsequenz? Wir müssen den Opfern tatsächlich oftmals von Strafanzeigen abraten. Die Anwälte der Beschuldigten haben es in den letzten zwanzig Jahren zunehmend gelernt, Aussagen von Opfern in Frage zu stellen. Kein Wunder, dass viele Verfahren eingestellt werden.

Als würde man ein Kind nach einem Unfall blutend auf der Autobahn liegen lassen

BRIGITTE: Das klingt eher nach einer Verschlechterung der Situation von Opfern von sexuellem Missbrauch. Wurde denn überhaupt irgendetwas erreicht, seit der "Runde Tisch" 2010 erstmals zusammenfand?

Ursula Enders: Ja, es wurde definitiv ein größeres, gesellschaftliches Bewusstsein geschaffen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Kindern heute früher geglaubt wird, wenn sie von Übergriffen erzählen. Eltern, Lehrerinnen und Erzieher sind aufmerksamer geworden und suchen Hilfe. Doch dann stehen sie vor dem großen Problem, dass es nicht genügend Beratungsangebote gibt, um den Kindern und Jugendlichen zu helfen. Das ist so, als würde man ein Kind nach einem Unfall blutend auf der Autobahn liegen lassen.

BRIGITTE: Das klingt nach Frustration.

Ursula Enders: Ganz und gar nicht. Die Arbeit mit den Kindern ist sehr hoffnungsvoll. Sie würden oftmals nicht glauben, welche Heilungschancen Kinder haben, wenn sie und ihre Eltern Hilfe bekommen. Das Problem ist die Politik. Ich bin mittlerweile fast 60 Jahre alt und verliere langsam aber sicher meinen Glauben an die Politik. Ich habe schon zu oft erlebt, dass Beraterinnen das Arbeitsfeld gewechselt haben, weil sie die zermürbenden politischen Auseinandersetzungen um die Absicherung der Beratungsarbeit nicht mehr ertragen konnten. Viele Menschen - auch Politikerinnen und Politiker - halten die Realität eben nicht aus und wollen die harten Fakten der Missbrauchsfälle in Deutschland einfach nicht wahrhaben. Deshalb ist auch die Umsetzung vieler Empfehlungen des "Runden Tisches" bisher gescheitert.

Die Politik macht sich der unter-lassenen Hilfe-leistung schuldig

BRIGITTE: Welche Hoffnungen haben Sie für die Zukunft?

Ursula Enders: Wissen Sie, in dem Punkt bin ich sehr bescheiden. Ich wünsche mir nur, dass die Politik ein ganz einfaches Menschenrecht umsetzt: Das Recht auf Hilfe in Notlagen. Aktuell betroffenen Kindern und Jugendlichen muss genauso geholfen werden wie erwachsenen Betroffenen, die in der Kindheit missbraucht wurden. Andernfalls macht sich die Politik im moralischen Sinne der unterlassenen Hilfeleistung schuldig.



Hier können Sie die Petition "Hilfen für sexuell missbrauchte Mädchen und Jungen" unterstützen.

Zur Person: Ursula Enders, geboren 1953, ist Diplom-Pädagogin und Traumatherapeutin. Als Lehrerin an einer katholischen Schule und als Koordinatorin der Sozialpädagogischen Familienhilfe kam sie bereits in den Siebzigern das erste Mal mit Fällen sexualisierter Gewalt in Berührung. Mitte der Achtziger spezialisierte sie sich auf die Beratung und Therapie kindlicher Opfer und die Prävention sexuellen Missbrauchs. Seit Anfang der Neunziger setzt sie sich besonders mit dem Missbrauch in Institutionen auseinander und hat verschiedenste Einrichtungen bei der Aufdeckung und Verarbeitung von sexuellem Missbrauch begleitet. Sie ist Mitbegründerin und Leiterin von "Zartbitter" in Köln und engagiert sich seit vielen Jahren für das Recht von Mädchen und Jungen auf Beratung und traumatherapeutische Hilfe sowie für den Schutz vor Missbrauch in Institutionen. Außerdem ist sie Autorin von Kinderbüchern und Fachpublikationen (u.a. "Zart war ich, bitter war's - Handbuch gegen sexuellen Missbrauch" sowie "Grenzen achten - Schutz vor sexuellem Missbrauch in Institutionen. Ein Handbuch für die Praxis").

Über "Zartbitter": Zartbitter e.V. ist eine der ältesten Kontakt- und Informationsstellen gegen sexuellen Missbrauch in Deutschland und kümmert sich um betroffene Mädchen und Jungen. Außerdem hat sie sich auf sexuelle Übergriffe unter Kindern und sexuellen Missbrauch in Institutionen spezialisiert. „Zartbitter“ erstellt nicht nur Präventionskonzepte und -materialien, sondern berät Institutionen auch bei der Entwicklung schützender Strukturen, um Übergriffe zu verhindern. Der Verein hat pro Jahr etwa 600 Beratungsanfragen, . Die Missbrauchsfälle, mit denen die Organisation konfrontiert wird, werden in Institutionen wie Kindertagesstätten, Schulen oder Vereinen verübt, finden aber auch im familiären Umfeld statt. Zartbitter e.V. wird zu weniger als 50 Prozent öffentlich finanziert und ist daher auf Spenden- und Sponsorengelder angewiesen. www.zartbitter.de

Interview: Verena Zimmermann Teaserbild: imago/Felix Jason
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