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Frauen enthüllen "Warum ich den sexuellen Missbrauch nicht angezeigt habe"

Sexueller Missbrauch: Frau mit Hand vor dem Gesicht
© Motortion Films / Shutterstock
Sie haben sexuellen Missbrauch erfahren – und es nie jemandem erzählt. Nun enthüllen Opfer im Internet, wieso sie nie Anzeige erstattet haben.

Knapp jede siebte in Deutschland lebende Frau hat in ihren Leben schon einmal sexualisierte Gewalt erlebt. In einer Beziehung ist es sogar jede vierte. Diese Zahlen der Menschenrechtsorganisation Terre de Femmes mögen erschrecken, sind jedoch nur der Gipfel eines tiefen, riesigen Eisbergs. Denn man geht davon aus, dass lediglich fünf Prozent der Sexualstraftaten überhaupt angezeigt werden.

Das bedeutet: Die Dunkelziffer dürfte deutlich höhen liegen. Vor allem handelt es sich bei diesen Statistiken jedoch um mehr als Zahlen. Die Instagram-Seite "Why I didn't report" (zu dt. Wieso ich keine Anzeige erstattet habe) gibt ihnen nun ein Gesicht. 

Auf dem Account werden die Geschichten von Menschen gesammelt, die sexuellen Missbrauch erfahren mussten – und ihn nie gemeldet haben. Er zeigt Hunderte Bilder von Notizblättern, gefüllt mit schmerzhaften Erfahrungen. Die schiere Anzahl der Opfer, die an der Aktion teilnehmen, lässt schlucken. Und dann beginnt man zu lesen …

"Er war mein Lehrer"

"Er war mein Lehrer in der Sonntagsschule", schreibt eine Frau. Der Notizblock mit den schwarzen, schweren Buchstaben verbirgt dabei ihr Gesicht. Sie blieb nicht stumm – doch ihre "Eltern sagten, er hätte es bestimmt nicht so gemeint".

"Ich war erst 11 Jahre alt"

"Ich war erst 11", schreibt eine andere junge Frau. Ihr wurde gesagt, dass Jungen so etwas eben tun würden, wenn sie ein Mädchen mögen. Dann schreibt sie einen Satz, der sich in den folgenden Geständnissen noch oft wiederholen wird: "Ich hatte Angst, dass mir niemand glauben würde."

"Mein Vater sagte ihm, er könne mit mir machen, was er wolle"

Ein weiteres Opfer war gerade einmal 13 Jahre, als sie missbraucht wurde. Sie ist damit nicht allein. Menschen erzählen von Erfahrungen aus dem jungen Kindesalter, die sie für einen bösen Albtraum hielten. Diese Frau war jedoch hellwach und weiß, was ihr widerfahren ist: "Es war einer der besten Freunde meines Vaters. Mein Dad sagte ihm, er könne mit mir machen, was er wolle". Doch auch diesem Opfer glaubte später niemand – denn sie hatte keine Beweise. "Ich glaube immer noch, dass es meine Schuld war", lautet ihr letzter Satz. Auch damit ist sie nicht alleine.

"Ich dachte, ich reagiere über"

Es sind nur wenige Worte, die doch so viel aussagen: "Ich dachte, ich reagiere über". Die Kommentare unter diesem Bild zeigen, dass es vielen Menschen so geht: "Sie sind gut darin, uns so fühlen zu lassen. Gaslighting und Manipulation. Es ist nicht deine Schuld. Du wirst heilen", schreibt eine Nutzerin darunter. 

"Ich dachte, ich sei verliebt"

Was viele Menschen vergessen: Sexueller Missbrauch kann auch in einer Beziehung geschehen. Davon berichtet eine Frau, bei der gleich mehrere Faktoren zusammenkamen: "Mein erster Freund vergewaltigte mich in meinem eigenen Bett", schreibt sie. Erst als sie nach der Trennung begann, Menschen davon zu erzählen, wurde ihr die Tragweite des Vorfalls bewusst. Denn sie fragten sie, wieso sie ihn nicht sofort verlassen hatte. "Die Wahrheit ist: Ich wusste nicht einmal, dass ich missbraucht wurde.(...) Ich dachte, Vergewaltigung könnte nur zwischen Fremden in Hinterhöfen passieren – nicht in meinem sicheren Zuhause." Dann sprach sie eine Frauenärztin auf Verletzungen im Intimbereich an. Wieder antwortete sie, dass ihr Freund harten Sex mögen und nicht immer um Erlaubnis fragen würde. "Meine Ärztin erklärte mir, dass ich von meinem Freund vergewaltigt wurde. Ich erinnere mich, wie ich dachte: Wie kann man vergewaltigt werden, wenn man doch verliebt ist?", schreibt das Opfer heute – und geht Jahre später gegen den Täter vor.

Das sind nur einige der Erfahrungen, die Frauen auf Instagram teilen. Es handelt sich um persönliche Geschichten, die aber kein Einzelfall sind. Und durch die sich ein roter Faden aus Angst, Manipulation und Unterdrückung zieht. Es tut weh, sie zu lesen. Doch der Schmerz ist nötig, um achtsamer miteinander umzugehen. Denn sexueller Missbrauch ist kein Einzelfall. Und wir alle tragen die Verantwortung, eine Gesellschaft zu bilden, in der die Opfer Gerechtigkeit erfahren. 


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