Shoppen ohne Ende

Nur noch das eine Kleid, den einen Schal, das eine Top: Psychotherapeutin Carien Karsten über den Zwang zum Kaufen, die Droge Shoppen - und was man gegen tun kann

BYM.de: Der zwölfte Kajalstift, die zwanzigste Handtasche - schlägt nicht jeder mal über die Stränge beim Einkaufen?

Carien Karsten : Fast jeder. Shoppen ist eine sozial akzeptierte Freizeitbeschäftigung, die Spaß macht. Aber wirklich Betroffene denken ständig nur daran und können sich nicht dagegen wehren, Überflüssiges zu kaufen. Sie geraten in finanzielle Schwierigkeiten, auch Privat- und Berufsleben leiden darunter. Fast alle Kaufsüchtigen verstecken ihre Ware, weil sie sich schuldig fühlen.

BYM.de: Niedergeschlagenheit und Frust belohnen viele mit unwichtigen Dingen. Ist man deshalb gleich krankhaft kaufsüchtig?

Carien Karsten : Man kann es mit geselligem Alkoholkonsum vergleichen: ein Gläschen Wein kann niemandem Schaden. Aber wenn man nicht mehr "ohne" kann, wird Trinken zur Sucht. Shoppen wird zum Shoppen müssen. Nur noch dieser bestimmte Schal, dieses Paar Schuhe, damit das Outfit stimmt.

BYM.de: Wie kommt das?

Carien Karsten : Haltloses Shoppen entwickelt sich meist aus einem Gefühl des Unbehagens heraus. Man kauft Dinge, mit denen man sich von anderen unterscheidet. Mit schöner Kleidung und Geschenken erkauft man sich Anerkennung oder sucht Trost und Ablenkung von Problemen, mit denen man allein nicht fertig wird. Die heutige Zeit macht es Anfälligen leicht, Geld auszugeben. Durch Ratenzahlungen und Kredite können sie spontan hohe Beträge verprassen. Man muss nicht erst Sparen, um sich etwas leisten zu können.

BYM.de: Hat sich die Shop-Manie in den letzten Jahren verschlimmert?

Carien Karsten : Ja, die Kaufsucht hat sich verschlimmert, auch wenn es keine Erhebungen über die Anzahl einzelner Betroffener gibt. Allein elf Prozent der 13 bis 24-Jährigen sind mit rund 1550 Euro verschuldet.

BYM.de: Kaufsucht wird oft als weibliche Marotte belächelt. Rücken nun auch die Männer nach?

Carien Karsten : Das tun sie. Sie kaufen heute immer mehr Pflegeprodukte, Kleidung, Parfüm, weil sie körperbewusster geworden sind. Software, Hifi, Werkzeug – das waren einmal ihre Hauptartikel. Die Palette hat sich aber erweitert. Und Männer sind leider uneinsichtiger als Frauen, wenn sie sich die Sucht eingestehen müssen.

Auf der nächsten Seite: Wie sich die Sucht auswirkt und woran man erkennt, dass man süchtig ist.

BYM.de: Wirkt sich die Sucht auch körperlich aus?

Carien Karsten : Viele befinden sich während des Shoppens in großer Anspannung und Stress. Bei Anspannung wirkt Adrenalin, ein an sich positives Stresshormon. Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck erhöht sich, der Blutzuckerspiegel steigt, Fett wird verstärkt abgebaut. Sie sind nun vollkommen konzentriert und wollen nur noch eines: die Hose, den Anzug, das Top, den Schal! Das Glücksgefühl, das uns allein beim Sehen eines „Ausverkauf“-Schildes überkommt, wird wiederum durch andere Botenstoffe ausgelöst: den Endorphinen. Der Körper produziert Endorphine, wenn er sich in einem angenehmen Zustand befindet. Sie lösen das rauschhafte Gefühl beim Kaufen aus. Bei Suchtkranken wird der rationale Teil des Gehirns nicht ausreichend durchblutet. Immer nur dann, wenn die Droge konsumiert wird. Von allen denkbaren Belohnungen steht die Droge (das Einkaufen) an der Spitze, nichts kommt diesem Gefühl gleich. Der eigene Wille erkrankt.

BYM.de: Wie erkennt man, ob man ernsthaft kaufsüchtig ist?

Carien Karsten : Man sollte sich folgenden Fragen stellen: Habe ich immer den Drang, etwas zu kaufen? Nimmt er zu, wenn ich mich down oder depressiv fühle? Finde ich Ausreden, um etwas zu kaufen? Verstecke ich die Dinge später? Sagen andere mir, ich müsse besser auf mein Geld achten? Versuche ich, mein Verhalten zu ändern, aber es gelingt mir nicht? Habe ich schon private und finanzielle Probleme dadurch? Fühle ich mich deshalb schuldig? Wenn vieles davon zutrifft, kann man von einer ernsthaften Suchtproblematik ausgehen.

BYM.de: Was kann man dagegen tun?

Carien Karsten : Eine Verhaltenstherapie ist das Beste in so einem Fall. Sechs Monate lang einmal die Woche reicht aus. Kaufsucht ist keine so schwere Persönlichkeitserkrankung, dass man es nicht in diesem Zeitraum schaffen könnte. Die Vorraussetzung: Nur jemand der Selbsteinsicht besitzt, kann sein Verhalten ändern. Wenn er die Verführung durchschaut. Leider passiert es manchen, die es ohne Therapie versuchen, dass sie noch mehr kaufen, wenn sie merken, dass sie sich doch nicht im Griff haben. Damit überdecken sie dann das Gefühl versagt zu haben.

Zur Person: Dr. Carien Karsten ist promovierte Psychologin, Psychotherapeutin und Juristin. Sie lebt in Amsterdam. Ihre Spezialgebiete, zu denen sie zahlreiche Beiträge in wissenschaftlichen und populären Zeitschriften veröffentlicht hat, sind Burnout, Kaufsucht, Umgang mit Geld. Gerade ist ihr neuestes Buch erschienen: Shoppen ohne Ende. Wenn kaufen zur Sucht wird (Patmos, 170 Seiten, 19,90Euro).

Interview Andin Tegen
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