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Simone Biles Weshalb ihre Entscheidung gegen Olympia ihr größter Sieg ist

Simone Biles
Simone Biles
© Getty Images
Zwei Frauen, ein Tabuthema. Simone Biles spricht bei den Olympischen Spielen offen über ihre psychischen Probleme und macht den unsichtbaren mentalen Druck endlich sichtbar. Für mich ein Sieg, der alles andere in den Schatten stellt. Meine starke Frau des Monats Juli.

Eigentlich geht es hier um zwei starke Frauen: Simone Biles, 24, und Naomi Ōsaka, 23, sind Leistungssportlerinnen, die in ihren jungen Jahren bereits Unglaubliches leisten. Sie galten bei den diesjährigen Olympischen Spielen in Tokio als sichere Siegerinnen. Doch was mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen war: Der gesellschaftliche Druck, als Würden- und Hoffnungsträgerin eines ganzen Landes zu gelten, löst bei den beiden Frauen psychische Probleme aus. Sie halten dem mentalen Druck des Wettkampfes nicht stand.

Biles beschließt frühzeitig auszusteigen. Tennis-Star Naomi Ōsaka verlässt im Achtelfinale die Kraft. Was nach zwei Niederlagen klingen mag, sind in meinen Augen die Geschichten von zwei mutigen Frauen, die ihre psychische Gesundheit über ihren Erfolg stellen. Und damit mehr erreichen, als es eine Goldmedaille je könnte.

Simone Biles und Naomi Ōsaka: Starke Frauen mit Mut, Kraft und Reichweite

Ōsaka und Biles schreiben mit ihrem Auftreten bei den Olympischen Spielen 2021 in meinen Augen Geschichte. Nicht, weil ihre Ausstiege – manche mögen es auch als "Niederlagen" beschreiben – einen solchen Stellenwert hätten. Nein, sie schreiben Geschichte, weil ihre Offenheit über die Gründe ihrer Ausstiege längst überfällig war. Es wird Zeit, das mentale Gesundheit und psychische Belastungen nicht länger totgeschwiegen werden. 

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Simone Biles erklärte: "Ich fühle mich wahrhaftig, als hätte ich zurzeit die Last der Welt auf meinen Schultern." Naomi Ōsaka gestand sich selbst nach ihrem Olympia-Aus ein: "vielleicht war doch alles ein bisschen zu viel für mich." In solch jungen Jahren so ehrlich zu sein – nicht nur sich selbst gegenüber, sondern der ganzen Welt – setzt ein wichtiges Zeichen.

Leistungssport und Niederlagen – Wenn der Druck zu groß wird

Mich persönlich hat der Leistungssport schon immer fasziniert. Ich selbst habe Sport allerdings immer als Ausgleich gesehen. Momente, in denen ich mich auf meinen Körper fokussiere und den Stress aus Privatleben und Beruf abschütteln kann. Genau aus diesem Grund ist Leistungssport für mich eine Faszination – und das nicht im positiven Sinne. Leistung, Druck, Erfolg; immer weiter, immer schneller, aber vor allem immer besser als jemand anderes sein. Nie reicht es. Das gewonnene Turnier rückt in den Schatten, sobald das nächste vor der Tür steht. Und der Preis, der dafür gezahlt werden muss? Die mentale Gesundheit. Wenn ich ehrlich bin, ist das in meinen Augen ein sehr schlechter Deal. 

Allein das Wort "Niederlage" ist für mich ein vollkommen falscher Kontext, in den die ausgeschiedenen Teilnehmer:innen gesetzt werden. Sucht man nach Synonymen für dieses Wort, stößt man auf folgende Begriffe: Untergang. Scheitern. Unglück. Misserfolg. Lasst diese Begriffe einmal auf euch wirken... und setzt nun ein junges Talent, Anfang 20, mit diesen Begriffen in Verbindung. Es fühlt sich falsch an, oder? 

Einem jungen Talent, das es bis zu den Olympischen Spiele geschafft hat, zu vermitteln, dass nur die Goldmedaille einen Sieg darstellt, ist fatal und meiner Meinung nach falsch. Auch die Sportpsychologin Nadine Volkmer, die in Tokio das deutsche Beachvolleyball-Duo betreut, erklärte gegenüber "Sportschau", welch weitreichende Folgen solch ein Leistungsdruck ausüben kann:  "Die Frage ist ja auch: Ist es eine gesunde Zielsetzung, bei allen Schwierigkeiten im Vorfeld Gold zu holen? Es ist sicher zielführender, die Erwartungshaltung runterzuschrauben. Viele Menschen verfolgen die Olympischen Spiele, die kennen die Vorergebnisse gar nicht. Aber sie erwarten, dass die Sportler funktionieren. Aber kein Mensch kann immer funktionieren. Es widerspricht unserer Natur." 

Funktioniert Leistungssport ohne mentalen Druck?

Ich verstehe jeden, der nun aufschreit und meint, wenn man die Leistungen im Leistungssport außer Acht lässt, dann ist der Sinn eines solchen Wettbewerbes geradezu gleich null. Wer bei Olympia antritt, tut dies, um zu gewinnen. Das verstehe ich, glaubt mir. Doch ist der Preis der mentalen Gesundheit nicht viel zu hoch, um ihn für Prestige zu zahlen? Für mich gibt es hier nur eine richtige Antwort: Ja. 

Dass Simone Biles im Alter von 24 Jahren den Mut aufbringt, inmitten von Olympia ihrer Gesundheit den Vorrang zu geben, ist für mich der größte Erfolg des Wettkampfes. Es ist ein Zeichen. Ein Zeichen für Enttabuisierung. Ein Zeichen für Mut. Ein Zeichen für die Wichtigkeit von mentaler Gesundheit. Ein Zeichen dafür, dass die Liebe zum Sport niemals dem Druck der Gesellschaft weichen sollte. 

Die Liebe, die Simone Biles und Naomi Osaka nach ihrem Olympia-Aus entgegen gebracht wurde, zeigt, dass diese Frauen ihre Rolle als Vorbilder erfüllt haben. Und das ohne eine Goldmedaille. 

Brigitte

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