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Sind Kinderlose glücklicher?


Neue Statistik: Jede fünfte Frau zwischen 40 und 44 hat keine Kinder. Über Gründe gegen das Kinderkriegen hat die Französin Corinne Maier ein ganzes Buch geschrieben. Ein Interview mit der Autorin - und der Psycho-Test "Sind Sie bereit für ein Baby?"

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BRIGITTE.de: Frau Maier, wie oft hat man Sie in den vergangenen Monaten eine "Rabenmutter" genannt?

Corinne Maier: Das kam tatsächlich einige Male vor. Ich habe auch böse E-Mails bekommen, und ein paar meiner Freunde sagten mir: "Ich werde dein Buch auf keinen Fall lesen." Aber, ganz ehrlich, über so etwas kann ich nur lachen. Als Autorin ist es mein Job, unangenehme Fragen zu stellen - und dazu gehören eben auch solche Reaktionen.

BRIGITTE.de: Die Reaktionen sind ja auch nicht sehr überraschend. Immerhin haben Sie es gewagt, eines unserer größten Tabus zu brechen, indem Sie als Mutter verkünden: "Mir wäre es lieber, ich hätte keine Kinder."

Corinne Maier: Nun, ich sage lediglich: Mir wäre es manchmal lieber, ich hätte keine Kinder. Ich denke, es gibt viele Eltern, die das Gleiche denken, sich aber nicht trauen, es auszusprechen. Man erwartet von ihnen, dass sie ununterbrochen von ihren Kindern entzückt sind, auch wenn das Leben mit ihnen schwierig ist - und das Leben ist oft schwierig mit Kindern.

BRIGITTE.de: Und darum wollen Sie mit Ihrem Buch "alle potenziellen Eltern demoralisieren", wie Sie es ausdrücken?

Corinne Maier: Ja. Unsere Moralvorstellungen sagen uns immer nur: Es ist gut, Kinder zu haben. Meine Leser hingegen sollen dem Babywahn trotzen und sich beim Gedanken an Kinder ruhig deprimiert fühlen. Ich will, dass die Leute bei der Frage, ob sie Kinder wollen oder nicht, die Moral vergessen. Lasst uns auch mal unmoralisch sein!

BRIGITTE.de: Dass eine solche Forderung ausgerechnet aus Frankreich kommt, ist erstaunlich: In Deutschland beneidet man Ihr Land sehr um seine hohe Geburtenrate. Sind denn Kinder nicht der Schlüssel zu Glück und Fortschritt, wie es unsere Politiker behaupten?

Corinne Maier: Frankreich ist überhaupt keine glückliche und fortschrittliche Nation, es ist vielmehr altmodisch und deprimiert. Es ist ein Land, in dem die Menschen, vor allem die jüngeren, keine Zukunft haben - und oft auch keine Gegenwart. Das beweist, dass Kinder nicht der Schlüssel zum Glück sind.

BRIGITTE.de: Dabei bemüht sich Frankreich doch sehr darum, Familien perfekte Bedingungen zu schaffen. Was Kinderbetreuung und Familienförderung betrifft, gelten die Franzosen als leuchtendes Vorbild.

Corinne Maier: Es stimmt, dass Frankreich eine Menge Geld investiert, um Familien zu helfen. Aber die meisten Frauen enden nach wie vor in uninteressanten Teilzeitjobs, in denen sie keine Aufstiegs- und Karrierechancen haben. Das liegt einfach daran, dass die Kindererziehung furchtbar anstrengend ist - die Frauen in Frankreich machen immer noch 80 Prozent der Hausarbeit. Und so weit ich weiß, sieht es in vielen anderen Ländern nicht anders aus.

BRIGITTE.de: Aber glauben Sie nicht, dass sich die Zeiten ändern? Seit wir in Deutschland die Elternzeit haben, beteiligen sich immer mehr Männer an der Erziehungsarbeit.

Corinne Maier: Ändert sich wirklich etwas? Ich habe noch nicht sehr viele Väter gesehen, die ihre Kinder von der Schule abholen oder zum Elternabend erscheinen. Vielleicht einer von zehn.

BRIGITTE.de: Wenn das mit den Kindern alles so schrecklich ist - warum haben Sie selbst welche bekommen? Spürten Sie auch eine Art "Gebärzwang", wie Sie es in Ihrem Buch nennen?

Corinne Maier: Ich war verliebt, und es war mir nicht klar, dass ich für die kommenden 20 Jahre die Gefangene meiner Kinder sein würde. Ich dachte, ich würde alles auf einmal auf die Reihe kriegen: die Kindererziehung, Geld verdienen, ein interessantes Leben führen... Doch ich irrte mich.

BRIGITTE.de: Sie beschreiben Kinder als kleine, gierige Monster und plädieren für "kinderfreie Zonen" in der Stadt. Stimmt vielleicht auch etwas nicht mit der heutigen Erziehung?

Corinne Maier: Wahrscheinlich. Vielleicht tun wir zu viel für sie. Vielleicht erwarten wir zu viel von ihnen. In den Augen der Eltern müssen die Kinder perfekt sein und dort Erfolg haben, wo sie selbst versagt haben. Wir wollen, dass sie glücklich sind, dass sie in die Gesellschaft passen, dass sie nett sind ... Kinder sind für uns wie Objekte. Wir erlauben ihnen nicht wirklich, uns zu widersprechen, der Gesellschaft zu widersprechen, sie selbst zu sein.

BRIGITTE.de: Wie haben Sie Ihre eigene Kindheit erlebt?

Corinne Maier: Ich habe es nie gemocht, ein Kind zu sein. Als Erwachsener hat man viel mehr Spaß.

BRIGITTE.de: Glauben Sie, dass es vor 30, 50 Jahren einfacher war, Kinder zu haben?

Corinne Maier: Ich weiß es nicht. Vielleicht hatten die Eltern früher weniger Angst vor der Zukunft. Und oft hatten Menschen einfach nicht die Wahl, wie wir sie heute haben. Man hat Kinder einfach bekommen, und das war's. Ich weiß nicht, ob das unbedingt besser ist - es war wohl einfach anders.

BRIGITTE.de: Welcher der 40 Gründe, die Sie in Ihrem Buch nennen, spricht Ihrer Meinung nach am meisten gegen Kinder?

Corinne Maier: Der wichtigste Grund ist: Kinder stehen oft unseren Wünschen im Wege. Eltern, vor allem Frauen, sind so beschäftigt mit der Kindererziehung, dass sie sich nicht mehr fragen: "Was will ich eigentlich wirklich im Leben? Was will ich noch tun, bevor ich sterbe?" Das sind immerhin die bedeutsamsten Fragen überhaupt. Und sagen Sie mir nicht, ein Kind sei die Antwort auf alle Fragen zum Sinn des Lebens!

BRIGITTE.de: Gibt es denn auch Gründe, die für Kinder sprechen?

Corinne Maier: Das zu beantworten, ist nicht mein Job. Es gibt genügend andere Bücher, die zu diesem Thema geschrieben wurden.

BRIGITTE.de: Was sagen eigentlich Ihre Kinder zu Ihrem Buch?

Corinne Maier: Nichts. Meine Kinder lesen meine Bücher nicht. Ich finde, das ist normal.

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Corinne Maier, "No Kid. 40 Gründe, keine Kinder zu haben" Deutsche Übersetzung von Kerstin Krolak Copyright © 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg ISBN: 978-3-499-62387-5, 144 S., 12 Euro

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