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5 tote Kinder in Solingen Warum töten Mütter ihre Kinder?

Solingen: Teddy am Grab
© Dan Race / Shutterstock
In Solingen wurden fünf tote Kinder gefunden – die mutmaßliche Täterin ist die Mutter. Wir haben mit einer Psychologin gesprochen: Wieso töten Mütter ihre Kinder?

Zwischen eineinhalb und acht Jahren alt sollen sie gewesen sein, zwei Mädchen und drei Jungen. In einer Wohnung in Solingen wurden am Donnerstagnachmittag fünf Kinder tot aufgefunden. Nur ein elfjähriger Junge überlebte. Die Mutter ist schwer verletzt, nachdem sie sich in Düsseldorf vor einen Zug warf. Sie ist die mutmaßliche Täterin. 

Die Todesfälle sorgen deutschlandweit für Entsetzen. Eine Frage dominiert die Reaktionen auf die unvorstellbare Tat: Warum? Wir haben mit der forensischen Psychologin Lara F. darüber gesprochen, was Mütter dazu treiben kann, ihre eigenen Kinder zu töten.

Psychologin zu Solingen-Fall: Wieso töten Mütter ihre Kinder?

"Dieser Fall ist ein Fall von Kindstötung. Tatsächlich kommt das gar nicht so wahnsinnig selten vor – leider", erklärt die Psychologin. Kindstötung bedeute, dass das Kind von einem Elternteil getötet werde. "Es gibt ganz unterschiedliche Motive", weiß sie aus ihrer Arbeit in der Forensik, grob ließen sich die Gründe aber unterteilen.

"Auf der einen Seite gibt es natürlich die unbeabsichtigte Tötung des Kindes. Das wird im Solingen-Fall nicht so sein, aber da geht es zum Beispiel darum, wenn ein Kind sehr anstrengend ist, die Mutter überfordert ist und es schüttelt." Stirbt das Kind daraufhin, sei es eine Folge der Misshandlung, die Tötung wäre aber nicht beabsichtigt gewesen.

"Dann gibt es den Neonatizid, wenn man das Neugeborene kurz nach der Geburt tötet", erzählt Lara F.. Mögliche Motive seien zum Beispiel, dass das Kind nicht gewollt sei.

Manchmal kann auch eine psychische Grunderkrankung die Mutter dazu führen, ihre Kinder in einem anderen Licht zu sehen und letztendlich Gewalt gegen sie anzuwenden: "Es kann auch sein, dass die Mutter psychotisch ist, also eine Psychose entwickelt und unter dem Einfluss von psychotischen Symptomen ein oder mehrere Kinder tötet", bekommen wir erklärt. Bei einer Psychose können beispielsweise Halluzinationen, Wahnvorstellungen und ein vollständiger Realitätsverlust auftreten.

Erweiterter Suizid: Wenn die Mutter ihre Kinder und sich selbst tötet

Der Fall aus Solingen deute jedoch auf eine ganz andere Ursache hin: "Die Mutter hat versucht, fast alle ihrer Kinder zu töten, eins hat überlebt. Und vor allem hat sie versucht, sich selbst am Ende das Leben zu nehmen", dieser Faktor sei für die Psychologin besonders wichtig: "Das deutet darauf hin, dass sie keinen anderen Ausweg sah, man könnte in dem Fall sogar von einem erweiterten Suizid sprechen. Dann denken Mütter, wenn sie nicht mehr da seien, könne niemand für die Kinder sorgen – und sie töten sie, um sie vor Leid zu bewahren."

Was abstrus klingt, soll Müttern in diesem Fall als die beste Möglichkeit für ihr Kind erscheinen: "Sie denken zum Beispiel, dass es den Kindern schlechter ginge, wenn sie weiter in dieser Welt leben würden.“ Das könne zum Beispiel auch passieren, wenn die Mutter ihr eigenes Leben als perspektivlos betrachten würde. 

Letztendlich können viele Faktoren zusammenkommen, um einen Menschen zu so einer Tat zu treiben. "Über genaue Faktoren kann man von außen nur spekulieren. Der Forensiker Axel Petermann weist zum Beispiel auch auf die Coronakrise hin. Dass deswegen die ganzen Mechanismen wie Kinderbetreuung, Schule, die normalerweise greifen, versagt hätten. Dann kann die Mutter mit sechs Kindern schon heillos überfordert gewesen sein", merkt Lara F. an.

Es kann alles Mögliche zusammenkommen, um eine Frau zu so einem Verzweiflungsakt zu bringen.

Vor allem, wenn keinerlei Unterstützung vom Vater oder der Familie da sei, könnten Mütter sich schnell überlastet fühlen. Das würde zwar keinesfalls eine solche Tat rechtfertigen – doch Täter*innen müssten nicht zwingend psychisch krank sein, um sie zu begehen: "Ich würde sagen, dass theoretisch jede Frau zu so etwas getrieben werden kann, wenn die entsprechenden Umstände eintreten", warnt die Expertin. Die Gründe könnten letzten Endes so individuell wie die Familienverhältnisse sein: "Wenn man zum Beispiel völlig desintegriert ist, keine Unterstützung, keine sozialen Kontakte hat, völlig alleingelassen ist", zählt Lara F. auf, "da kann alles Mögliche zusammenkommen, um eine Frau zu so einem Verzweiflungsakt zu bringen.“

verwendete Quellen: Interview, Der Spiegel, RTL, Tagesschau 

mjd

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