Spießige Kinder

Lebe wild und gefährlich - wer das tatsächlich tut, muss sich nicht wundern, wenn er vor der Wohnungstür des eigenen Nachwuchses eines Tages die Schuhe ausziehen muss.

"Wenn ich groß bin, will ich auch Spießer werden" - der Satz aus der Werbung einer Bausparkasse trifft manche Eltern tief. Da haben sie so unkonventionell gelebt, haben nie "wasch dir gefälligst die Hände" gesagt und schon gar nicht "mach einen Knicks" oder "mach einen Diener". Nein, sie waren - und sind - richtig tolle Freaks. Und nun haben sie erwachsene Kinder, die ihnen manchmal fast ein bisschen spießig vorkommen.

"Antje ist in allem konservativer als ich", sagt Evi Zediri über ihre 29-jährige Tochter. Die 52-Jährige hat den Punk nie ganz abgestreift, trägt Mieder, Minirock, Tattoos und Piercings. Antje mag Jil-Sander-Anzüge. Als Evi zur Einschulung der Tochter mit frisch rasierter Glatze erschien, hatte das Kind "fast einen Nervenzusammenbruch". Antje sagt: "Was meine Mutter als Aufmerksamkeit erfahren hat, war für mich Bloßstellung." Sie liebte dann lange Zeit Kleider mit weißem Kragen. "Da lagen Welten zwischen uns", sagt Evi. Gegen Mutters Lebensstil als selbst ernannte Künstlerin, die sich in Mode, Film und Theater ausprobierte und dann beim Tätowieren landete, setzte die Tochter ein Super-Abi und ein glatt durchgezogenes Studium: "Dieses ganze Künstlerdasein ist mir viel zu unbeständig, zu ungeregelt, zu unsicher." Eine wohl organisierte, erfolgsorientierte Tochter - andere wünschen sie sich vergeblich, der Tattoo-Punkerin ist sie in den Schoß gefallen. Bravsein als Protest gegen Mamas Wildheit. Evi versteht: "Antje hat sich wohl immer eine ganz normale Mutter gewünscht." Und eine Schrankwand und eine Couchgarnitur.

Kinder sind konservativ. Wollen nicht auffallen, wollen es so haben wie die anderen. In der Jugend kippt dieser Wunsch. Dann geht's ums Anderssein. Wenn Eltern aber so verdammt unkonventionell sind, dann muss man sie eben mit guten Zensuren, frisch geföhnten Haaren und Bausparvertrag schocken.

Antje will ihren Kindern mal "ein beständiges, konstantes, sicheres Heim bieten. Eigentumswohnung, geregelte Freizeitaktivitäten, regelmäßige Wochenendausflüge, Sportverein, Familienfeiern." Spießig? Und wenn schon: "Lieber Heimchen am Herd als Nina Hagen", sagt Antje. Den Herd meint sie nicht ganz wörtlich: "In fünf Jahren sehe ich mich als Stadtplanerin in Singapur, im Kostüm mit Laptop unterm Arm."

Verweigerung - war einmal, kann sich heute keiner mehr leisten. Aufstieg statt Ausstieg heißt die Formel. Sozialwissenschaftler Prof. Klaus Hurrelmann sagt: "Jetzt kommen Fleiß, Ordnung und materielle Sicherheit als hohe Werte wieder auf. Wahrscheinlich als Reaktion auf den unsicheren Arbeitsmarkt." Auch Ehrgeiz und Sparsamkeit sind schwer angesagt, wie Untersuchungen unter den 18- bis 30-Jährigen zeigen. Da sind gepflegter Stil und feines Benehmen wieder in. Die Väter kannten keinen Bewerbungsmarathon, die Firmen haben in den Boomzeiten um sie gebuhlt. Haben 14 Gehälter geboten und einen Firmenwagen. Da war es leicht, frech die Beine auf den Schreibtisch zu legen. Aber die fetten Jahre sind vorbei. Jedenfalls für die allermeisten. Und zu ungemütlichen Zeiten gehört der Drang, sich abzusichern.

Paul Langer findet seinen Vater im Prinzip cool, "aber von Finanzen hat er keine Ahnung". Zeugt einfach noch einen Sohn! "Unverantwortlich", meint der 20-Jährige. "Ich finde, wenn man ein Kind hat, sollte man sich vorher überlegen, was eben da sein muss", sagt Paul. Sein Vater sei der "totale Lebemensch, aber er ist finanziell überhaupt nicht abgesichert..." Verkehrte Welt. Der Sohn klagt Verantwortung ein. Peter Langer setzt dagegen: "Mein Leben ist nie durchgeplant gewesen, es waren immer einzelne Schritte, aus dem einen hat sich etwas anderes Neues ergeben. Ich bin so, das wird sich schon alles fügen." 1983 ist er aus politischen Gründen aus dem Schuldienst geflogen, dann hat er angefangen, kulturelle Projekte zu organisieren: neue Kulturzentren, internationale Festivals. Er war aktiv bei der Friedensbewegung, arbeitet jetzt an der Partnerschaft mit Südosteuropa. Paul, der neben der Schule jobbt, findet Vaters Projekte und dessen Engagement klasse: "Er ist schon ein Vorbild." Aber privat hätte er ihn gern etwas solider.

Ein Grund für die neue Solidität: Heute lebt es sich gefährlicher. Die diffuse Angst vor der Atombombe ist der sehr konkreten Angst vor Arbeitslosigkeit und Hartz IV gewichen. Spießigsein ist da die geringste Sorge. Angepasstsein ist kein Pfui-Wort mehr. Ein bisschen Streber darf schon sein. Wir haben sie geschnitten, ehe wir das Wort Mobbing überhaupt kannten. Heute kann es ratsam sein, seine Streberseite zu pflegen. Vom Revoluzzer zum Minister, nur noch eine Geschichte aus grauer Vorzeit.

Es war schon immer so: Was knapp ist, hat Wert. Heute also: fester Job, stabile Ehe, gesicherte Existenz. Intakte Familie - das Ideal der Scheidungsgeneration. Karline Weiss zum Beispiel legt großen Wert auf exklusive Zweisamkeit. Sie ist in einem ausgesprochen ungewöhnlichen Umfeld aufgewachsen. Ihre Mutter Jutta Winkelmann lebt seit 30 Jahren in einem Harem. Zusammen mit dem Altkommunarden Rainer Langhans. Karlines Vater gehörte nur kurz zur Familie. Jetzt erlebt die 24-Jährige ihre erste feste Liebesbeziehung. Und sie kämpft den inneren Kampf aller liebenden Frauen: Es geht um Eifersucht, Treue und Ewigkeit. Sie mag es nicht "so vagabundenmäßig" wie ihre Mutter. "Man gehört einander schon", findet Karline. Und sie glaubt, "dass es für keine der Frauen in der Kommune einfach war zu teilen, es musste aber so sein, weil man so frei sein musste". Frei sein müssen, das gilt nicht mehr. "Heute kann man sich aussuchen, wie man leben will. Man darf so leben wie meine Mutter. Also ist es ein Schritt vorwärts, wenn ich nicht gezwungen bin, so zu leben." Die Kommunardentochter träumt den Durchschnittstraum deutscher Mädchen. "Heiraten, einen Vater für meine Kinder. Dann würde ich gern mit meinem Mann in einem schönen Haus leben und die Kinder in eine gute Schule geben."

Was sagt die Vorkämpferin der Emanzipation dazu? Die 57-Jährige ist gelassen: "Ich möchte vor allem, dass meine Tochter glücklich wird. In Beziehungen ist sie wohl erst mal traditioneller. Es hat sie sicher manchmal genervt, wie ich lebe." Und deswegen will die Tochter "bezahlte Stromrechnungen, dass die Haarspange immer im Kästchen oben links liegt, dass alles blitzsauber ist". Aber die Sehnsucht nach Gemütlichkeit ist keine komplette Abkehr von den Werten der Eltern. Karline schätzt die Lebensleistung ihrer Mutter: "Ich finde, die 68er haben viel bewegt. Das ist eine sehr kluge Generation."

Manche fragen: Was tun die eigentlich für die Gesellschaft, die Jungen? Man muss genau hinschauen: Dieselben Leute, die sich in Umfragen als "politisch uninteressiert" bezeichnen, die in Leitz-Ordnern Kochrezepte sammeln und für ein kleines Häuschen sparen, können sich energisch gegen die Abschiebung eines kurdischen Freundes einsetzen. Viele sind wach und kämpferisch, wenn es um ihre eigenen Angelegenheiten geht. Bei Programmdebatten und Ideologien winken sie ab. Sie drücken ihren Willen nicht auf der Straße aus, sie zünden nicht die Schule an, machen überhaupt nichts kaputt. Warum auch? Das haben wir ja schon besorgt, ihre Eltern. Damals, als man die eigenen Eltern wenigstens ein bisschen killen musste, um sein Selbst zu finden. Sie und ihre Spießer-Sitten haben wir für ungültig erklärt. Und dabei vergessen, neue zu erfinden.

Da hat es Logik: Manche der alten Hassobjekte werden wieder Kult. Hochzeit in Weiß beispielsweise. Die 68er haben die Republik entstaubt, die Nachkommen breiten Häkeldeckchen drüber. Nicht, dass Anja Cole ihre Mutter schocken wollte, als sie sich die perfekte Märchenhochzeit in Weiß organisierte - trotzdem brachte sie sie ins Grübeln. Und wie war das damals, als Anne Korff-Krüger geheiratet hat? "Heiraten fand ich doof, man musste es, wenn man Kinder wollte. Eine Freundin hat mit 19 ein uneheliches Kind bekommen, wie die Leute sich da das Maul zerrissen haben, das war schier unerträglich." Anne hat wegen der Wohnungssuche und der Lohnsteuer geheiratet. Ohne Hochzeitsfotos und ohne Kleid. "Die gelbe Hose zur schwarzen Bluse war selbst genäht." Und das Schwarz war mit Bedacht gewählt. Bloß keine Spießerhochzeit. Das war 1973. "Es war sicher nicht der schönste Tag meines Lebens. Mir war es wichtiger, was man hinterher draus macht."

Anja legt dagegen Wert auf tiefere Symbolik: "Eine Hochzeit gibt einem Sicherheit. Man entscheidet sich dafür, offiziell zusammenzubleiben. Eine Generation davor war es sicher mehr locker und flockig, vielleicht spaßorientierter. Es gab eben nicht diese Zukunftsangst, die ich heute von Freunden und auch von mir selbst kenne." Jede Generation hat ihren Job zu machen: Die Mutter brach mit dem Überkommenen, die Tochter muss das Kommende bannen. Ihre Traumhochzeit verscheucht die Gespenster für einen Tag.

Wenn Ralf Zimmermann an seinen Sohn David denkt, wird er nachdenklich. Wie wichtig ihm Sachen sind. Dinge. Gegenstände. "Konsum war für mich in dem Alter eine fragwürdige Angelegenheit. Zumal er damals in der DDR ohnehin sehr begrenzt vorkam." Der 32-jährige Sohn fährt einen roten Sportwagen, gebraucht gekauft, aber furchtbar schnell. "Statussymbole? Die haben wir lächerlich gefunden." Der 56-Jährige kommt ganz gut per Fahrrad durch Berlin. Als er mit seiner neuen Frau zusammenzog, trug der Sohn brav uralte Regalteile ins neue Zuhause. An der Tür murmelte er: "Ich hätte ja den Spermüll-Container bestellt." Aber irgendwie bewundert er den Vater auch. Er war Toningenieur in der Akademie der Wissenschaften der DDR, die gibt es nicht mehr. Jetzt spielt er Puppentheater, komponiert und unterrichtet als Dozent. "Mein Vater ist sehr kreativ, ein bisschen chaotisch, aber ihm fällt immer was ein", sagt David, der bei der Jobsuche als IT-Spezialist wenig Glück hat. Jemand hat ihm vorgeschlagen, nach Australien zu gehen, wo es noch Chancen gibt. Aber wohin dann mit Einrichtung, Auto, Hund?

David gehört zur Generation der Ordnungssucher. Spontanität ist nicht deren Lieblingsspiel. Sie haben damit zu tun, die Sicherheit und Verlässlichkeit zu schaffen, die sie nicht vorgefunden haben. Autoritäten werden von ihnen darum auch nicht mehr geschlachtet, sondern ersehnt. "Ich vertraue meinen Eltern", sagen 85 Prozent der 18- bis 30-Jährigen laut einer Forsa-Umfrage. 82 Prozent haben ein sehr gutes oder gutes Verhältnis zu ihrer Mutter. Wer das spießig findet, ist selbst schuld.

Text: Vera Sandberg, Madlen Ottenschläger Foto: Clipart BRIGITTEwoman Heft 03/2006

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