Standpunkt: Brauchen wir die Frauenquote?

Sie ist ein Erfolgsmodell, die Frauenquote. Nun sollte sie endlich Karriere machen, findet BRIGITTE-Autorin Irene Stratenwerth.

BRIGITTE-Autorin Irene Stratenwerth

"Quote? Find ich blöd!", verkündet eine junge Kollegin. "Ich will doch keine Quotenfrau sein. Da vertrau ich lieber auf meine Fähigkeiten!"

Ja, klar. Das wollen wir doch alle: mit unseren Leistungen Karriere machen. Und nicht aufgrund einer Vorschrift, die 40 oder 50 Prozent der attraktiven Posten - in Wirtschaft, Wissenschaft oder Politik - für Frauen reserviert. Oder sollten wir tatsächlich immer noch so benachteiligt sein, dass wir diese Krücke nötig haben?

Leider sieht es ganz danach aus. Zum Beispiel in der Wissenschaft: Mittlerweile wird jede vierte Habilitationsschrift von einer Frau eingereicht. Aber nur jede zehnte Professorenstelle ist weiblich besetzt. Warum? In einer kürzlich veröffentlichten Studie* schildern hoch qualifizierte Akademikerinnen ihre Erfahrungen bei Bewerbungen auf eine Professorenstelle. Die Art und Weise, wie die meist von Männern dominierten Berufungskommissionen mit ihnen umgingen, empfanden viele als "extrem verletzend", "abwertend" und "empörend". Nicht nur (männliche) Vorsitzende großer Forschungsverbünde wie der Helmholtzund der Leibniz-Gemeinschaft sehen darin eine "Verschleuderung von Ressourcen".

Der Fisch stinkt eben immer noch vom Kopf her. In Norwegen griff man deshalb zu einer drastischen Maßnahme: Seit Anfang diesen Jahres ist eine 40-Prozent-Quote für die Besetzung von Aufsichtsräten in börsennotierten Aktiengesellschaften gesetzlich vorgeschrieben. Zum Vergleich: In Deutschland sind gerade mal 7,5 Prozent der Aufsichtsräte weiblich. Es fehle an genügend qualifizierten Kandidatinnen aus den Vorständen und Geschäftsführungen großer Unternehmen, wird hierzulande argumentiert. Das Problem hatte man in Norwegen auch - und hat Fortbildungsprogramme geschaffen, die Frauen für solche Aufgaben qualifizieren. Wo ein Wille, da ein Weg.

*Christine Färber/Ulrike Spangenberg: "Wie werden Professuren besetzt? Chancengleichheit in Berufungsverfahren", Campus Verlag, 2008

Am Ende haben alle was davon: Eine große Studie der Unternehmensberatung McKinsey belegt, dass Firmen mit gemischten Führungsgremien eine um 53 Prozent höhere Rendite erwirtschaften als männlich geführte Unternehmen. Die Untersuchung zeigte auch: Allein mit Fleiß gibt es für die meisten Frauen eben noch keinen Preis. Nur dort, wo Frauenförderung von der Unternehmensspitze entschlossen vorangetrieben wird, gelingt fähigen Mitarbeiterinnen tatsächlich der Aufstieg in die Chefetage.

Die Quote könnte also noch mal richtig Karriere machen: vom leicht angestaubten Relikt der frühen Frauenbewegung zum hoch effektiven Instrument im modernen Management. So sieht es inzwischen auch Julia Klöckner. Die Tochter eines Winzers von der Nahe hatte, solange sie noch studierte, "einfach etwas gegen den Radikalfeminismus vom Typ Alice Schwarzer. Und deshalb war ich auch gegen die Frauenquote". Bis ihre Partei, die CDU, 2002 bei ihr anfragte, ob sie sich vorstellen könne, für den Bundestag zu kandidieren. Nach den Grünen, die 1986 eine 50-Prozent-Quote beschlossen, und der SPD, die 1988 mit 40 Prozent nachzog, hatte die CDU sich 1996 schließlich zu einem 33-Prozent-"Quorum" durchgerungen. Und suchte seitdem händeringend Frauen für politische Aufgaben.

Julia Klöckner sagte zu, zog mit 29 Jahren in den Bundestag ein und gewann 2005 ein Direktmandat für ihren Wahlkreis. Inzwischen ist sie stellvertretende CDU-Landesvorsitzende in Rheinland-Pfalz - und eine vehemente Befürworterin der Quote: "Es ist einfach zu sagen, man braucht das nicht, wenn man nicht weiß, wie Posten vergeben werden. Die Rekrutierung wird oft einfach unter den Männern ausgemacht, die sich eh auf Veranstaltungen und Festivitäten kumpelhaft begegnen. Frauen sitzen selten dabei - auf sie kommt man dann meist notgedrungen; der Blick weitet sich aufgrund des Quorums, ob man will oder nicht." Gegen Männerbündelei in der Politik hat die Quote also einen wirklich guten Job gemacht: Vor 25 Jahren war weniger als ein Zehntel der Bundestagsabgeordneten Frauen, heute sind es immerhin 32,1 Prozent. Im Berliner Kabinett sieht es ähnlich aus. Das ist noch nicht die Hälfte des Himmels, aber weit mehr als in den hohen Sphären der Industrie üblich.

Die Quote ist eben eindeutig weiblich: Ohne allzu viel Aufhebens erledigt sie eine notwendige Aufgabe höchst wirkungsvoll. Wirtschaft und Wissenschaft sollten sich daran ein Beispiel nehmen.

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Text: Irene Stratenwerth Foto: Getty Images ein Artikel aus der BRIGITTE 22/08

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