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Pride "Mein Vater wusste, dass etwas mit mir anders ist"

Pride: "Mein Vater wusste, dass etwas mit mir anders ist"
© PR
Ihr eigener Vater versuchte sie im Schlaf umzubringen. Doch sie überlebte und kann heute endlich die Person sein, die schon immer in ihr steckte. Unsere starke Frau im Pride Month!

Es war der 29. Mai 2019, als Cataleyas Vater ihren kleinen Bruder zur Schule brachte. Danach ging er zurück nach Hause, griff nach einem Küchenmesser und lief in Cataleyas Zimmer. Sie schlief noch, da sie abends spät nach Hause gekommen war. An der Hand riss er sein Kind aus dem Schlaf und zu Boden, kniete sich über den filigranen Körper, sodass es sich kaum wehren konnte. "Du bist schwul, du bist schwul!", schrie er. "Nein!", schrie Cataleya unter Schock zurück. "Doch das interessierte meinen Vater nicht und dann fing er an, mir Schnitte am Hals zuzufügen", erinnert sie sich. 

Wenn der eigene Vater zum Mörder wird 

Cataleya, die zu diesem Zeitpunkt noch Pstiwan hieß und ein Junge war, hatte ihren Vater nicht angelogen. Denn: Sie ist nicht schwul, sie ist trans – Catalaya wurde als Junge geboren, identifiziert sich aber als Frau. Seit der fünften Klasse wusste sie, dass sie anders war. "Als ich das erste Mal Conchita Wurst beim ESC gesehen hatte, habe ich mich gefragt: Bin ich genauso wie sie?". Doch Cataleya versuchte damals diesen Gedanken zu verdrängen. Vor ihrer Familie hatte sie nie ein Coming-out. Niemals hätte sie Unterstützung erhalten. "Aber mein Vater wusste schon, dass mit mir etwas anders ist. Ich war sehr gepflegt, war meist lange im Bad. Nachdem ich fertig war, kontrollierte er, was ich gemacht habe. Mein Vater wollte wissen, wieso ich mich rasiere und mich wie eine Frau verhalte. Ich habe immer alles verneint,", erklärt sie. 

Trotz der Mühe, ihr wahres Ich so gut es ging zu verstecken, war ihr Vater überzeugt, "sein Sohn" stünde auf Männer – eine Schande für ihn und den Stolz der Familie. Sein Entschluss: sein eigenes Kind zu töten.

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Ein Kampf ums Überleben

Als Cataleya blutend auf dem Boden lag, wusste sie nicht, ob sie überhaupt um ihr Leben kämpfen sollte. Sie hatte schon mehrere Suizid-Versuche hinter sich. Doch der menschliche Körper kämpft bis zum Ende. Das liegt in seiner Natur. Mit letzter Kraft riss sich Cataleya von ihrem Vater los und flüchtete zu den Nachbarn, die den Rettungsdienst alarmierten. Sie überlebte nur knapp.

Ich hatte Glück, dass er meine Halsschlagader nicht getroffen hatte, sonst wäre ich nicht mehr am Leben

, beschreibt sie. Heute trägt sie nur Oberteile mit Kragen, um ihre fingerbreiten Narben am Hals zu verstecken. Kontakt zu ihrer Familie hat sie keinen mehr. Das letzte Mal sah Cataleya ihren Vater vor Gericht. Dort wies er die Tat von sich ab, beschuldigte sein eigenes Kind, dass es sich das selbst angetan habe. Doch das Gericht spricht den Vater schuldig: Er wird zu elf Jahren Freiheitsstrafe und zu zwölf Jahren Landesverweis verurteilt. Nach der Haft muss er die Schweiz verlassen. Dennoch läuft das Verfahren weiter, da der Vater Einspruch eingelegt hat.

Fragen ohne eine Antwort

Seit der Entlassung aus dem Krankenhaus wohnt Cataleya alleine in Bern in einer Wohnung des Sozialamts. Vor knapp einem Jahr konnte sie dann endlich Hormone nehmen, um weiblicher auszusehen und um die Person sein zu können, die sie wirklich ist. Ihr größter Wunsch ist eine geschlechtsangleichende Operation. Ihre Narben am Hals werden jedoch immer zu sehen sein und sie an ihre Vergangenheit erinnern. 

Heute kann Cataleya sich endlich so zeigen, wie sie ist. Ihre Narben versucht sie in der Öffentlichkeit zu verstecken.
Heute kann Cataleya sich endlich so zeigen, wie sie ist. Ihre Narben versucht sie in der Öffentlichkeit zu verstecken.
© PR

Wenn Cataleya könnte, würde sie gerne ihrem Vater noch einmal gegenübersitzen und ihm drei Fragen stellen: "Wieso hast du das getan? Wieso genau an diesem einem Morgen? Und wieso lügst du, dass ich mir das selbst angetan habe?", sagt sie. Dass Cataleya je auf diese Fragen eine Antwort bekommen wird, ist unwahrscheinlich. Doch es würde ihr vielleicht dabei helfen, zumindest die psychischen Narben ein Stück weit heilen zu können.

Trotz der seelischen Wunden ist sie tapfer und stark. "Ich habe eine neue Familie", sagt sie lächelnd. Damit meint sie ihren Freundeskreis, der sie akzeptiert und liebt: mit Schminke, High Heels und Top ohne Kragen. 

Verwendete Quelle: Interview


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