Trainerin Silvia Neid: "Ich lebe noch"

Als die deutschen Fußballerinnen bei der WM 2011 scheiterten, wurde Trainerin Silvia Neid beschimpft. Sie macht trotzdem weiter: Bei der EM in Schweden steht sie wieder am Spielfeldrand. Im BRIGITTE-Interview spricht sie über Verletzungen und ihre neue Gelassenheit.

Seit 2005 ist Silvia Neid, 49, Nationalmannschafts-Trainerin. Zuvor war sie eine der drei erfolgreichsten Spielerinnen Deutschlands.

BRIGITTE: Ihre Mannschaft schied bei der WM 2011, die in Deutschland ausgetragen wurde, im Viertelfinale aus. Sie wurden von der Fußball-Wunderwaffe zum Buhmann der Nation.

Silvia Neid: Das hat mich sehr verletzt. Gestern war ich noch die beste Trainerin der Welt - im Vorjahr war ich zur Fifa-Trainerin des Jahres gewählt worden. Und plötzlich sollte ich alles verlernt haben? Ich war enttäuscht und traurig, ich empfand den Ton einiger kritischer Kommentare überzogen. Was nicht heißen soll, dass ich mich selbst nicht kritisch hinterfragt habe.

Nach dem Turnier haben Sie an Rücktritt gedacht. Warum haben Sie doch weitergemacht?

Weil der DFB gesagt hat: Du bist für uns die Beste. Und meine Spielerinnen schrieben mir in vielen SMS, dass ihnen leid tut, was da passiert, und dass ich doch weitermachen soll. Mein erster Impuls aber war schon aufzuhören. Aber so leicht gebe ich doch nicht auf.

Ärgert es Sie, dass die Männer seit einigen Jahren an großen Titeln scheitern und trotzdem nicht als Versager, sondern als "Meister der Herzen" gelten?

Der Frauenfußball wird in Deutschland niemals dieselbe Akzeptanz bekommen wie der Männerfußball. Ich bin da sehr realistisch. Aber im Vergleich zu allen anderen Frauensport- und auch vielen Männersportarten wird jedes unserer Länderspiele live übertragen. Da hat sich viel getan, seit ich dabei bin, also seit mehr als 30 Jahren.

Wie gehen Sie in diese EM?

Sehr gelassen. Mir geht es privat und körperlich sehr gut. Die Ereignisse nach der WM waren sicherlich nicht schön, aber ich lebe noch. Ich habe gemerkt, dass mich offenbar nichts so richtig umhauen kann, und je gelassener und offener ich bin, desto bessere Entscheidungen kann ich treffen.

Wenn ein Trainer vom Team geliebt wird, ist es schon vorbei.

Sie haben auch mal gesagt: "Wenn ein Trainer vom Team geliebt wird, ist es schon vorbei."

Das ist auch so. Ein Trainer kann gar nicht von allen geliebt werden, weil er auch Entscheidungen treffen muss, die nicht unbedingt jeder Spielerin gefallen. Das ist nun mal so.

Das klingt hart.

Ich bin eben sehr ehrlich und direkt, das tut dann auch schon mal weh. Ich will aber auch gar nicht geliebt werden von meiner Mannschaft. Ich bin eine Respektsperson, nicht, weil ich sage: "Hallo, ich will jetzt mal ernst genommen werden!" Sondern weil mein Auftreten so ist. Ich sage: "Nein, das gefällt mir so nicht, das will ich anders haben. Und das müssen wir umsetzen, sonst haben wir keine Chance, oben mitzuspielen."

Mussten Sie in diese Führungsrolle reinwachsen?

Ein Leader war ich schon immer, auch als Spielerin. Da habe ich auch immer gesagt, was mir gefällt und was nicht. Auch als ich noch Co-Trainerin war, gab es nie den Moment, wo die Spielerinnen gesagt haben: Ach, heute macht die das Training, da muss ich mich nicht anstrengen.

Könnten Sie als Spielerin heute noch bestehen?

Ich war schnell, technisch versiert und strategisch, die, die im Mittelfeld das Spiel gemacht hat. Ich habe viele Tore geschossen für eine Mittelfeldspielerin. Man könnte mich heute also noch ganz gut gebrauchen. Vor allem, weil ich keine Diskussion gescheut und Verantwortung übernommen habe.

Verraten Sie uns jetzt noch Ihre Strategie für die Europameisterschaft?

Ich habe mir vorgenommen, dass wir nur von Spiel zu Spiel denken. Wir haben eine Vision, aber wir wissen auch: Wir dürfen nicht den zweiten vor dem ersten Schritt machen.

Die Frauen-EM 2013

Die Frauenfußball-EM wird vom 10. bis zum 28. Juli in Schweden ausgetragen. Es nehmen zwölf Mannschaften teil. Titelverteidiger ist die deutsche Mannschaft, die jetzt den sechsten EM-Titel in Folge gewinnen könnte. Ihr erstes Spiel: am 11. Juli gegen die Niederlande.

Interview: Andrea Benda BRIGITTE 15/2013
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