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Kommentar Lufen und Lauterbach bei stern TV: Warum mich die Diskussion vor allem enttäuscht hat

Stern TV: Moderator Steffen Hallaschka
© Stefan Gregorowius / TV NOW/i&u TV
Bei stern TV sprachen SPD-Politiker Karl Lauterbach und Moderatorin Marlene Lufen, die diese Woche mit ihrem kritischen Video zu den Nebenwirkungen der Corona-Maßnahmen viel Aufsehen erregt hatte, über den Lockdown. Allerdings nicht miteinander, sondern aneinander vorbei. Ein Kommentar.

Das Instagram-Video von Sat1-Moderatorin Marlene Lufen zum Lockdown und dessen weitestgehend unbesprochenen Nebenwirkungen schlug hohe Wellen – und wurde zum Teil sehr unterschiedlich aufgenommen. Verbissene Lockdown-Gegner etwa aus Kreisen der AfD sahen darin Zuspruch und Bestätigung, überzeugte Lockdown-Befürworter eine Gefahr. Zahlreiche Menschen äußerten in Kommentaren Dankbarkeit und dass sie sich verstanden fühlten, andere kritisierten die Inhalte als unreflektiert und stimmungsmachend.

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Auch wenn ich persönlich nach dem Anschauen des Videos sofort ein starkes Gefühl bzw. eine Meinung hatte, ist mir bei einer solchen Vielfalt und Ambivalenz an Auffassungen in erster Linie eines klar: Ich möchte mich mit meiner Wahrnehmung lieber nicht so schnell festlegen. Ich kenne mich: Ich neige dazu, je nach Stimmungslage (und ein paar anderen variablen Faktoren) Dinge auszublenden, die nicht in mein Bild passen, und andere Sachen so zu interpretieren, dass sie es tun. Deshalb bin ich erstens froh, dass ich keine Stellung beziehen muss, und war zweitens umso neugieriger und interessierter, Marlene Lufen und Professor Karl Lauterbach in der Sendung Stern TV am 3. Februar über das Video sprechen zu sehen. Doch leider war ich danach – und auch das mag mit an meiner Stimmungslage gelegen haben – vorwiegend enttäuscht.

Karl Lauterbach hat gute Argumente – für eine andere Diskussion

Er sei ihr "dankbar", dass sie dieses Video veröffentlicht und damit die Diskussion angestoßen habe, sagte Karl Lauterbach eingangs zur Moderatorin. Ein vielversprechender Anfang, allerdings schien es dann, als sei er hauptsächlich deswegen dankbar, weil es ihm eine weitere Gelegenheit gab, seine Argumente für den Lockdown vorzutragen. Die gefährlichen Mutationen, das Risiko einer Unwirksamkeit der Impfstoffe gegen dieselben – all die furchteinflößenden Punkte, die wohl die meisten Menschen, die das Geschehen ein bisschen verfolgen, bereits einige Male gehört haben.

Weiter wolle er sie "gewinnen", sagte der Medizinexperte zu Marlene Lufen. Problem: Dafür müsste er sie erst einmal verstehen, ihr aufmerksam zuhören, was er anscheinend zum Zeitpunkt dieser Sendung noch nicht getan hatte. Denn indem er wieder einmal vorrechnete, wie viele Menschen stürben oder in Folge einer Erkrankung eine verkürzte Lebenserwartung hätten, ließen wir die Pandemie einfach so durchlaufen, unterstellte er der Moderatorin implizit, dass sie dafür plädierte – was sie de facto niemals tat.

Statt Mitgefühl zu zeigen, bittet Lauterbach um Verständnis für die Politik

Zwar sagte Karl Lauterbach, dass er und auch der Kollege Drosten um die schlimmen Nebenwirkungen wie Depressionen u. A. wüssten, die Marlene in ihrem Video anspricht, und dass sie diese natürlich ernst nähmen. Doch da (für mich ...) weder eine Bereitschaft zu erkennen war, mit Marlene Lufen und Steffen Hallaschka über mögliche Lösungen – Maßnahmen für die Maßnahmen – zu sprechen, konkrete Vorschläge des Moderators als "Sonderfälle" abgetan wurden, über die es nicht wert wäre zu diskutieren, wirkten diese Äußerungen (auf mich) wie leere Worte, die in erster Linie dazu dienen sollten, die Gesprächspartner*innen (bzw. -gegner*innen) zu beschwichtigen und ruhig zu stellen.

Auch als etwas später die Friseurin Bianka Bergler, die mit einem verzweifelten Video bei Instagram Aufmerksamkeit erregt hatte, die Runde ergänzte, war Professor Lauterbach dem Anschein nach ganz bei sich und seiner Argumentationskette, anstatt bei den Anwesenden. Dass die finanziellen Hilfen bei vielen vom Lockdown wirtschaftlich Betroffenen auch nach anderthalb Monaten noch nicht angekommen seien, "mag ja sein", so der Politiker, doch er möchte "um Verständnis werben": Man war sich in der Politik lange nicht einig, dass die zweite Welle eintritt (hätte man mal auf ihn gehört!), daher sei die Vorbereitungszeit doch sehr kurz gewesen. Dass es den Betroffenen an Verständnis fehle, ist wiederum Lauterbachs Annahme – dass es ihnen an finanziellen Mitteln fehlt, ihre Miete oder Lebensmittel zu bezahlen, hingegen Fakt.

Was zeigt uns die "Diskussion"?

Professor Lauterbach ist sicherlich ein engagierter, kompetenter Politiker, und dass er immer wieder öffentlich Rede und Antwort steht, zeichnet ihn aus. Er kann die medizinischen Hintergründe gut und verständlich vermitteln und tut das seit Beginn der Krise. Vielleicht hat er sich wirklich schon so viel mit den Nebenwirkungen und finanziellen Problemen beschäftigt, dass es im Gespräch ein bisschen wirkt, als tue er diese Aspekte als Banalitäten ab.

Doch egal, was seine Intentionen waren, der Eindruck, der nach dieser Sendung bei mir persönlich hängenbleibt, ist folgender: Karl Lauterbachs Sorge ist zurzeit, dass jemand Zweifel am Lockdown äußert und damit womöglich die Mitmachbereitschaft der Bevölkerung, auf die es ja in ganz hohem Maße ankommt, herabsetzt. Diese Sorge ist nachvollziehbar und berechtigt, scheint in seinem Fall jedoch so groß zu sein, dass sie seine Fähigkeit zu Empathie und Perspektivwechsel sowie sein Einfühlungsvermögen hemmt.

Das wiederum trifft mich. Persönlich. Denn außer von den zugegebenermaßen lauten und vermutlich nur noch schwer mit Argumenten zu erreichenden Abweichler*innen vernehme ich kaum Forderungen nach einer Aufhebung oder krassen Lockerung des Lockdowns. Bei allem Klagen, bei all den Problemen und Belastungen, die die Maßnahmen für viele bedeuten, erkenne ich in meinem Umfeld und meinen Netzwerken – auch bei schwerst Betroffenen etwa aus Gastronomie und Körperpflege – sehr viel Verständnis und Vertrauen in unsere Politik und Politiker*innen (der Regierung). 

Wir sollten uns zuhören statt überzeugen

So oder so: Das Thema ist extrem schwierig und ich habe mich während der Diskussion immer wieder dabei ertappt, zwischendurch die Seiten zu wechseln. Trotzdem finde ich, sollte kritischen Stimmen, die fernab von Verschwörungstheorien liegen und eine konstruktive Diskussion anstoßen wollen, mehr Gehör geschenkt werden. Und wer weiß, vielleicht gäbe es ja wirklich so etwas wie sinnvolle "Maßnahmen zu den Maßnahmen" oder wenigstens schnellere Finanzhilfen für Selbstständige. Doch um das herauszufinden, müssen wir einander erst einmal aufmerksam zuhören, ehe wir versuchen, uns gegenseitig von der Richtigkeit unserer Meinungen und Sichtweisen zu überzeugen.

Verwendete Quellen: RTL, YouTube


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