Schwarzgeld: Warum Alice Schwarzer es ihren Kritikern so leicht macht

Alle regen sich über Alice Schwarzer und ihr Schwarzgeld auf, Schwarzer selbst fühlt sich als Opfer einer Kampagne. Dabei liefert sie ihren Kritikern selbst die beste Munition, findet BRIGITTE-Redakteur Henning Hönicke.

Alice Schwarzer: Beleidigte Antwort auf Steuer-Vorwürfe

Es war wohl eher ein nicht so tolles Wochenende für Alice Schwarzer: Der "Spiegel" deckte auf, dass die Frauenrechtlerin jahrzehntelang keine Steuern auf die auf ihrem Schweizer Konto angefallenen Zinsen gezahlt hatte. Wie viele andere Steuersünder zeigte sich Alice Schwarzer im vergangenen Jahr selbst an und zahlte den ausstehenden Betrag von 200 000 Euro nach. Juristisch alles sauber, Schulden beglichen, niemand sollte böse sein. Deshalb fragt sich Alice Schwarzer auf ihrer Website: "Mit welchem Recht also jetzt diese Denunzierung?"

Aktuell: Die Diskussion über #Schwarzer auf Twitter

Gute Frage, und ich will ihr gern in einem Punkt entgegenkommen: Es nervt, wie hämisch die (virtuelle) Welt gleich über jeden herfällt, der einen Fehler gemacht hat. Und bei Schwarzer kommt da natürlich eine große Angriffsfläche hinzu. Feministin zu sein finden viele Menschen per se schon mal nicht so gut, und Schwarzer ist die Feministin schlechthin - das reicht vermutlich schon ganz ohne Steuer-Affäre (oder andere Kontroversen) für einen nicht abreißenden Strom an Hass-Mails.

Strike two: Schwarzer vertritt unbequeme Standpunkte und hat keine Angst, anzuecken. Ob nun die umstrittene Kachelmann-Berichterstattung beim einstigen Erzfeind "Bild" oder ihre kontroverse Kampagne gegen Prostitution - wenn die "Emma"-Chefredakteurin wachrütteln möchte, tritt sie Menschen nicht nur auf die Füße, sondern auch gern mal ans Schienbein.

Außerdem gilt Schwarzer immer noch als sowas wie eine "moralische Instanz". Ein Vorbild mit Dreck am Stecken ist unwiderstehlich und macht uns alle ganz besoffen vor moralischer Überlegenheit. "Hurra!" rufen wir begeistert. "Runter vom hohen Ross! Ich bin nicht perfekt, aber ich habe wenigstens keine Steuern hinterzogen wie die Schwarzer! HAHA!".

Aus diesen Gründen finde ich, dass wir trotz aller berechtigter Kritik an der Steuerhinterziehung langsam den Weg zurück auf den Teppich finden sollten, statt wie bei jeder anderen Promi-Straftat noch zu Hundertausenden nachzutreten. Eigentlich. Aber dann, Frau Schwarzer, mussten Sie auf Ihrer Website eine lange, klagevolle Rechtfertigung schreiben, die meine Restsympathie schneller vernichtet hat, als es ein Auftritt im Dschungelcamp geschafft hätte.

Sie hatten das versteckte Konto nicht zur persönlichen Bereicherung, schreiben Sie, sondern nur, weil Sie sich in Deutschland verfolgt fühlten und einen Notausgang ins Ausland einrichten wollten. Ja, schreiben Sie, Sie hätten die Zinsen natürlich versteuern müssen, aber Ihr "persönliches Unrechtsbewusstsein hat sich an dem Punkt erst in den letzten Jahren geschärft." Das ist eine erstaunlich direkte non-pology. Erst schreiben Sie, dass Sie Ihren Fehler bedauern, weiter unten wird daraus sinngemäß: "Ich war damals das Opfer und ich fand mein Vergehen auch gar nicht so schlimm." Und es wird nicht besser: Ihre Zins-Vergesslichkeit ging nach eigenen Angaben bereits in den Achtzigern los, aber Sie haben nur "für die letzten zehn Jahre" Steuern nachgezahlt. Wir sind jetzt keine Steuerberater, aber auch ohne Taschenrechner sehen wir da noch eine jahrzehntelange Lücke – beziehungsweise eine offene Rechnung über Hundertausende Euro.

Henning Hönicke findet es schade, wie oft er jüngeren Kolleginnen erklären muss, dass Alice Schwarzer früher mal cool war. Eigentlich. (@hhoenicke)

Und dann das Finale Ihres Statements: "Es gibt Fehler, die kann man nicht wieder gutmachen. Zum Beispiel Rufmord. Steuerfehler aber, wie ich einen gemacht habe, kann man wieder gutmachen." Also, jetzt mal im Ernst: "Bild" und "Rufmord" gehören zusammen wie "Schwarzer" und "Feminismus". Wer auf Plakaten mit dem eigenen Foto Werbung für ein in diesem Punkt nicht unbeschriebenes Blatt macht, sollte eher sparsam mit "Rufmord"-Vorwürfen umgehen. Oder wollten Sie mit Absicht noch etwas Grillanzünder auf den Medien-Scheiterhaufen werfen, auf dem Sie gerade stehen?

Mist. Jetzt habe ich mich trotz guter Vorsätze doch noch hinter den ausgestreckten "Alice-Schwarzgeld"-Zeigefinger gestellt, obwohl ich es bescheuert finde, wie seltsam schadenfroh die Leute reagieren. Einigen wir uns doch auf einen einfachen Kompromiss: Wenn Sie nicht möchten, dass Menschen sich über Sie wegen Steuerhinterziehung lustig machen, dann hinterziehen Sie keine Steuern. Und falls es doch wieder passiert, dann beschweren Sie sich nicht, dass jemand darauf hinweist. Ist ganz einfach. Und wir könnten wieder über wichtigere Themen reden. Feminismus zum Beispiel.

UPDATE vom 4.2. Schöne Schadensbegrenzung: Mitten in der Debatte um ihr Steuer-Malheur hat Alice Schwarzer verkündet, dass sie eine Stiftung gründet. Eine Million Euro sollen für Projekte eingesetzt werden, die Chancengleichheit und Menschenrechte von Frauen fördern. Laut Pressemitteilung war das schon seit Monaten geplant, aber "Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte entschloss Schwarzer sich, mit der Ankündigung der Stiftung nun mehrere Monate früher als geplant an die Öffentlichkeit zu gehen." Auch das ist wieder eine erstaunlich ehrliche PR-Offensive. "Okay, ihr seid gerade sauer wegen meiner Steuersache", so Schwarzer sinngemäß, "aber guckt mal, ich mache demnächst auch was Gutes mit dem Geld. Jetzt können wir wieder Freunde sein, oder?"

"Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte entschloss Schwarzer sich, mit der Ankündigung der Stiftung nun mehrere Monate früher als geplant an die Öffentlichkeit zu gehen."

Frau Schwarzer, hätten Sie nicht einfach ein paar Wochen still halten können? Jetzt haben Sie genau zwei Dinge erreicht: Erstens sind die Leute jetzt noch genervter von Ihnen (und das will was heißen), weil Sie mit dem klobigsten Holzhammer in Ihrem Arsenal versuchen, das Gesprächsthema zu wechseln. Und zweitens, und das ist viel schlimmer, wird Ihrer Stiftung jetzt immer der Beigeschmack von "Schwarzers Imagepflege nach dem Steuerskandal" anhängen. Und das ist echt traurig. Ich nehme Ihnen ab, dass Sie die Stiftung schon seit langer Zeit geplant hatten. Doch wenn Sie mit der Verkündung einfach ein paar Monate gewartet hätten, was Sie ja eh vorhatten, hätten nur ein paar Leute missmutig "Imagekampagne!" gerufen. Durch Ihre ausdrückliche Verknüpfung von Steuer-Vorwürfen und Stiftung ist die Glaubwürdigkeit des Projektes von Anfang an futsch. Ich weiß gar nicht, was verwirrender ist: Dass Sie Ihr Engagement so ungeschickt selbst sabotieren, oder dass Sie ernsthaft denken, dass jetzt alle Schwarzer-Gegner erschrocken aufspringen und "Whoa, sorry, das hatten wir nicht gewusst, damit ist natürlich alles in Butter!" rufen. Oder versuchen Sie sich zu einer so großen Zielscheibe zu machen, dass Ihre Gegner irgendwann die Lust am Angreifen verlieren? In diesem Fall: Bitte aufhören! Diese Taktik funktioniert nicht.

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