Stine Lund macht Kinderkriegen per App sicherer

Mit ihrer "Safe Delivery App" will Stine Lund die Sterberate durch Komplikationen bei der Geburt in Afrika vermindern. "Keine Frau sollte sterben müssen, während sie Leben schenkt", lautet ihr Motto. 

Das Baby atmet nicht. Die Blutung der Frau lässt sich nicht stoppen. Die Geburtshelferin ist mit der sterbenden Mutter und dem reglosen Neugeborenen allein, ohne zu wissen, was zu tun ist. "Eine furchtbare Vorstellung, oder?", sagt Stine Lund. "Genauso sieht aber oft die Realität aus."

300 000 Frauen sterben jährlich wegen Komplikationen während der Schwangerschaft - Lund will das ändern

Lund, 45, arbeitet als Kinderärztin im Klinikum und am Lehrstuhl für Globale Gesundheit der Universität Kopenhagen. Zu Forschungszwecken begleitet sie seit Jahren Entwicklungshilfeprojekte in Afrika, immer wieder hat sie beobachtet, was für tragische Folgen es hat, dass Hebammen und Krankenschwestern auf dem Land oft auf sich gestellt, dafür aber nicht ausgebildet sind.

Mehr als 300 000 Frauen sterben jährlich wegen Komplikationen während Schwangerschaft oder Entbindung, mehr als fünf Millionen Babys überleben die Geburt oder die ersten Wochen nicht. Die meisten Todesfälle ereignen sich in Entwicklungsländern; UN-Studien belegen, dass sich fast alle vermeiden ließen - wenn die Geburtshelferinnen besser Bescheid wüssten.

Mit der "Safe Delivery App" erhalten Geburtshelfer schnelles Basiswissen in Notfällen

Lunds Spezialgebiet ist "Mobile Health", praktische Hilfe bei Gesundheitsfragen, die über eine App abrufbar ist. Sie glaubt, dass diese Technik gerade in Afrika große Chancen bietet: "Der Handy-Markt dort ist der zweitgrößte der Welt. Ein Smartphone bekommt man an jedem Kiosk für 30 Dollar."

2013 hat sie deshalb zusammen mit einem Kollegen die "Save Delivery App" entwickelt, eine Anwendung, die Basiswissen bei Geburtshilfe-Notfällen und Neugeborenen-Versorgung anbietet und die Sterberate von Müttern und Babys senken soll. Die App basiert auf fünf- bis siebenminütigen animierten Videos, die in Sequenzen abgespielt werden können und zum Beispiel demonstrieren, wie ein Baby, das nicht atmet, stimuliert werden kann. "Mit diesen Videos können wir sehr schnell viel mehr erklären als mit einem Schriftstück oder Lehrbuch", sagt Lund. Ist die Zeit dafür zu knapp, kann man auf digitale "Aktionskarten" zurückgreifen, die einfache, klare Anweisungen geben.

Keine Frau sollte sterben, während sie Leben schenkt

Lund hat selbst zwei Kinder im Alter von fünf und zehn Jahren. Während ihrer ersten Schwangerschaft lebte sie in Tansania, doch zur Geburt reiste sie nach Dänemark, in die Sicherheit eines europäischen Krankenhauses.

Dass sie diese Chance hatte, Tausende von Afrikanerinnen aber nicht, hat sie schon damals wütend gemacht. "Keine Frau sollte sterben, während sie Leben schenkt", lautet denn auch das Motto der dänischen Maternity Foundation, mit der sie die "Save Delivery App" entwickelt hat, die man umsonst im App Store und bei Google Play herunterladen kann. Die NGO, die unter anderem von der Gates-Stiftung finanziert wird, kämpft gegen die Mütter- und Säuglingssterblichkeit in Entwicklungsländern.

Schon jetzt ist klar: Das Wissen der Hebammen und Krankenschwestern hat sich enorm verbessert

2014 wurde die App ein Jahr lang in 78 Gesundheitsstationen im ländlichen Äthiopien getestet. Die Sterberate der Mütter und Babys wurde dabei zwar nicht erfasst, doch das Wissen der Geburtshelferinnen verbesserte sich stark; die meisten gaben an, sich doppelt so sicher im Umgang mit Notfällen zu fühlen wie vorher. Seit Mai 2015 ist die App nun in Äthiopien und Guinea auf dem Markt, auf Englisch oder in den jeweiligen Landessprachen.

Bis Ende 2018 wurde sie an 20 000 Hebammen und Krankenschwestern in Ländern wie Laos, Indien oder Kenia verteilt. Wenn jede von ihnen 100 Patientinnen betreut, hat Lund ausgerechnet, könnten Schwangerschaft und Geburt schon in zwei Jahren für vier Millionen Menschen sicherer sein.

Stine Lund, 45, reiste mit Anfang 20 zum ersten Mal nach Afrika, schon während ihres Medizinstudiums arbeitete sie in der Entwicklungshilfe. 2013 entwickelte sie die "Safe Delivery App", die bei Geburtshilfe-Notfällen und Neugeborenen-Versorgung hilft. Mit ihren beiden Kindern lebt sie in Kopenhagen.

BRIGITTE

Wer hier schreibt:

Julia Meyer-Hermann
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