Chhavi Rajawat: Fortschritt durch Nein sagen

Die Inderin Chhavi Rajawat gab ihren Job in einer Mobilfunkfirma auf, um das Heimatdorf ihres Großvaters zukunftsfähig zu machen - und um gegen alte Strukturen zu kämpfen.

Die Betriebswirtin Chhavi Rajawat will den Frauen in Soda eine Zukunft geben. Wenn 2015 ihre Amtszeit als Dorfvorsteherin endet, will sie die Entwicklung in anderen ländlichen Orten vorantreiben.

Tageslicht bedeutete für die Frauen im Dorf arbeiten, wenig trinken und bloß nicht pinkeln. Erst im Schutz der Dunkelheit schlichen sie in die Felder, um sich zu erleichtern. Nicht selten kehrten sie mit Schlangenbissen, Infektionen, Verletzungen durch Schlaglöcher (oder Männer) zurück. Davon erzählten sie Chhavi Rajawat, die seit 2010 das Amt der Dorfvorsteherin in der 7000-Seelen-Gemeinde Soda ausübt. Bald darauf standen die ersten abschließbaren Toiletten neben den Häusern aus Lehm. Bei Freunden und Unternehmen hatte Rajawat für 600 Plumpsklos rund 70.000 Euro Spenden gesammelt.

Dass sie einmal bei der Deutschen Bank oder Tupperware für den Bau von Trockentoiletten werben würde, hätte die 34-Jährige vor fünf Jahren selbst nicht geglaubt. Damals arbeitete die Betriebswirtin bei dem Mobilfunk-Riesen Airtel. Doch sie ließ sich überreden und zog nach Soda im Bundesstaat Rajasthan. Sie ist nicht die erste Frau in Indien, die die Position des "Sarpanch" ausfüllt - aber die jüngste und die erste mit einem Uni-Abschluss. Warum sie das tut? Weil 150 Männer aus Soda nach 60 Kilometern Buckelpiste vor Rajawats Elternhaus in Jaipur standen und sie darum baten. Ihr Großvater hatte schon vor 20 Jahren als Dorfvorsteher gute Arbeit gemacht. Etwas überrumpelt willigte Rajawat ein: "Viele von ihnen hatten mich auf ihren Schultern getragen, als ich klein war. Ich konnte einfach nicht Nein sagen."

Dabei kann sie das sonst ganz gut, Nein sagen. Nein zum Schleier, mit dem sich fast alle Frauen im ländlichen Indien verhüllen. Nein zum Heiraten und Kinderkriegen. Nein sagt sie jetzt zu den Bestechungsgeldern, die Behördenmitarbeiter von ihr verlangen, damit die staatlichen Hilfen in Soda ankommen. Den Zugang zu diesen Geldern, die den Dorfbewohnern zustehen, organisierte Rajawat kurzerhand neu: Sie besorgte Computer und Programme von SAP und eröffnete die erste Bank im Dorf.

Während ihrer Zeit als Managerin für internationale Firmen hatte sie gelernt, große Projekte umzusetzen und mit möglichen Sponsoren zu verhandeln. Für einen Monatslohn von 40 Euro treibt sie nun ein Vielfaches an Spenden ein. 200 neue Schulbänke und Tische? Kein Problem. Als schwieriger erwies es sich dagegen, das Bildungsangebot im Dorf zu verbessern. In der Grundschule bekommen drei Klassenstufen gleichzeitig Unterricht, in der Oberstufe gibt es nur drei Fächer: Geografie, Hindi- und SanskritLiteratur. Das Thema Bildung, besonders für Mädchen, steht darum ganz oben auf Rajawats Agenda. Sie sollen es später besser haben als ihre Mütter, die meist Analphabetinnen sind. Stolz erzählt sie, dass viele Mädchen sie "Chhavi didi" nennen, ältere Schwester. Dass einige von ihnen Lehrerin werden wollen. Und dass sie im neu gegründeten Jugendclub auch mit Jungs diskutieren. Ganz wie die große Schwester.

Text: Nicole Wehr BRIGITTE 10/2014
Nicole Wehr

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