Supermarkt-Terror: In den Fängen von Scanwoman

Seit Kassiererinnen mit Scangeräten bewaffnet sind, wird für unsere Kolumnistin Kathie Kleff jeder Supermarkt-Besuch zum Härtetest.

Es ist schon toll, dieses Leben im Jahr 2008. Wenn man sich überlegt, dass man vor hundert Jahren noch durch das halbe Land reiten, diverse Ponys verschleißen und Blasen an den Hacken bepinkeln musste (habe ich bis heute nicht ausprobiert, aber das Gerücht, dass es hilft, hält sich hartnäckig seit meiner Grundschule), um dem Liebsten zu sagen, dass in zwei Wochen Freunde zum Essen kommen (wenn sie noch Ponys zum Verschleißen haben, aber nur dann, man weiß es eben nicht), reicht heute die SMS. "P und S, So, 20 h, Sushi?" Gern. Sushi.

Den Fisch kann man ja frisch kaufen und muss ihn nicht mehr angeln. Es lebe die Aquakultur! Und: es ist schon schnell, das Leben im Jahr 2008. Verdammt schnell und es fordert den gemeinen Durchschnittskonsumenten im ständigen Ausarbeiten von neuen Überlebenstaktiken. Mich zum Beispiel. Wer dabei bleiben will, muss clever sein, und wenn es ums blanke Überleben geht, bin ich sehr clever. Tatort Supermarktkasse.

Ich möchte ja gar nicht leugnen, dass auch ich schon des Öfteren in meinem Leben zu miesepetrigen, brummelnden, grummelnden Schlangenstehern zählte, die sich schrecklich, schrecklich, schrecklich und vor allem diskret innerlich (Hallo Magengeschwür!) über die unendliche Langsamkeit von Kassierern, bzw. Kassiererinnen geärgert haben. Damals. Was soll ich sagen? Ich bereue alles, es tut mir alles so leid, und ich plädiere beherzt für die Wiedereinführung der scheppernden Registrierkasse.

Denn das, was meinen Ärger über die Langsamkeit abgelöst hat, ist der neue Stress, der Antichrist im Einkaufsalltag, das Böse in Reinform. Scannen. Scannen sucks. Es ist immer das gleiche Spiel und ich steige immer wieder darauf ein, weil der Mensch ja essen muss, blabla. Licht, Vorhang, 1. Akt. Schon während ich Berge von Wochenendeinkäufen strategisch auf dem erbarmungslos dahin ziehenden Kassenband deponiere, beobachte ich hektisch den Ablauf meines Vordermannes.

Wie viel Zeit, beziehungsweise, wie viel PLATZ bleibt mir noch? Werde ich alles auf dem Band haben, nachdem er schon alles eingepackt hat? Oder werden sich unsere Lebensmittel im Auffangbecken vermischen und meine sensiblen und vollkommen überteuerten Himbeeren unter seinem fünf Kilo Paket Waschmittel enden? Wird er mich anplärren, weil Obstflecken zwar aus Wäsche, aber nicht aus Waschmittel rausgehen? Werde ich vorne bereit zum Einpacken sein, bevor Scary Scanwoman in der Mitte ihr blutiges Werk beginnt oder werde ich noch (worst case!!!) hinten am Wagen wahllos jetzt einfach alles auf das Band werfen, um am Ende vorne überhaupt noch mitzukommen?

Im Laufe meiner Jahre und im erbitterten Kampf gegen den Kassenterror habe ich alle Möglichkeiten, Zeit zu gewinnen und, ich gebe es zu, zu schinden, ausprobiert. Zwischensumme bitte. Noch eine. Bitte. Und noch eine. Ist für's Büro, sorry. Haben Sie ein Taschentuch? Wo stehen denn eigentlich die Fahrräder aus ihrer Wochenendbeilage? Arbeiten Sie gern hier? Haben Sie Kinder? Hat alles nix genützt und wirft nur unnötig skeptische Blicke und Fragen auf. Das einzige Schlupfloch im Kassenstress heißt „Obst- und Gemüsetheke“!

Ich möchte an dieser Stelle eine große Welle der Dankbarkeit an die Genforscher dieser Welt loswerden, dass es ihnen bis heute nicht gelungen ist, jede Tomate und jeden Apfel nach dem jeweiligen Gewicht und Tagesangebot (Rasse? Sagt man bei Äpfeln Rasse? Und wenn man allergisch ist, ist man dann ein Apfelrassist? Anderes Thema.) mit dem dazugehörigen Strichcode zu versehen. Nein, nix da, Obst und Gemüse müssen zwangsläufig immer noch gewogen werden, da führt kein Weg und kein Scanner dran vorbei!

Ätsch. Haha. Und der Moment des Wiegens ist es, der mir Luft verschafft, die gestapelten, durcheinander gewürfelten und nicht wiegenswerten Einkäufe zumindest in einem relativ normalen Tempo in den mitgebrachten Stoffbeuteln zu platzieren. Denn Scary Scanwoman muss nicht nur wiegen, sondern zwischendurch auch groteskes Gemüse (dringend IMMER ein oder zwei solcher Güter mit in den Korb, egal, was draus wird, ist für einen guten Zweck) bei ihren Kolleginnen abfragen.

"Was kosten die Kochbananen? Und was kostet... ähh.... DAS hier?" Und dann hab ich sie. Ich gewinne, ich triumphiere, ich atme das erste mal seit vier Minuten wieder flach, mit überschaubarem Blutdrucksanstieg und zufrieden stellend gepackten Taschen. Alles ist drin und das Kaninchen vom Nachbarn freut sich sicher über Kochbananen. Kochbananen. Im Jahr 2008. Vielleicht mache ich auch ein Nigiri draus.

Text: Kathie Kleff Foto: Getty Images
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