Tagesmutter: Wie aus einer BRIGITTE-Initiative ein Beruf wurde

Vor 45 Jahren erschien in BRIGITTE der erste Artikel über Tagesmütter in Skandinavien. Die Forderung, das Modell auch in Deutschland einzuführen, wurde heiß diskutiert und führte zu einer neuen sozialen Bewegung - die auch heute die Lösung für das Betreuungsdilemma in vielen Familien sein könnte.

1973: Die BRIGITTE fordert einen neuen Beruf: "Tagesmutter"

"Wir fordern einen neuen Beruf: " - das war 1973 die Überschrift des großen BRIGITTE-Artikels. Damals gab es in der Bundesrepublik kaum Krippen für Kleinkinder, nur jedes dritte Kind im Vorschulalter hatte Aussicht auf einen Kindergartenplatz, Ganztagsschulen fehlten. Und nur jede vierte berufstätige Frau fand einen Betreuungsplatz für ihr Kind.

BRIGITTE argumentierte: "Wir brauchen Tagesmütter, weil die Kindergarten-Misere auf keine andere Art schneller zu beheben wäre. Und weil Tagesmutter für viele Frauen, die ihrer Kinder wegen zu Hause bleiben, der richtige Beruf wäre - der ihnen eigenen Verdienst, eigene Kranken- und Invalidenversicherung und eigenen Rentenanspruch einbringen würde." Das wäre immer noch günstiger als der Bau neuer Kindergärten.

Die BRIGITTE-Initiative erntete positive und negative Kritik

Die Spitzenpolitiker der sozialliberalen Regierung Brandt in Bonn reagierten positiv und unterstützten die BRIGITTE-Initiative. Viele Leserinnen wollten den nach schwedischem Vorbild lieber heute als morgen ausüben. Aber es gab auch Kritik: "Der Beruf Tagesmutter würde Chaos auslösen", schrieb eine Leserin. "Viele, viele Frauen würden ihn doch nur ergreifen, um für viel Geld bei ihren eigenen Kindern bleiben zu können." Außerdem seien Ausbildung und Qualifizierung noch nicht verlässlich.

Was sich aber schnell änderte: Schon ein Jahr später fingen in einem Modellprojekt die ersten deutschen Tagesmütter mit der Arbeit an, 1978 wurde der Bundesverband der Kindertagespflege gegründet.

Wie ist die Situation heute?

Und heute? In fehlen immer noch rund 300 000 Betreuungsplätze, davon nach Berechnungen des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) mindestens 260 000 Plätze im Westen des Landes. Dabei hat jedes Kleinkind unter drei Jahren seit 2013 einen Rechtsanspruch darauf.

Grund für die Betreuungslücke: Bei steigendem Bedarf stagniert seit zwei Jahren der Ausbau an Kindertageseinrichtungen. Genau wie vor 45 Jahren wäre in dieser Situation ein Platz bei einer Tagesmutter für viele Familien die ideale Lösung. Zumal sich viele Eltern eine feste Bezugsperson für ihr Kind wünschen, eine kleine Gruppe und eine möglichst große Flexibilität bei den Betreuungszeiten. 

Wie das Tagesmutter-Modell heute aussieht, erklärt Inge Losch-Engler, die Vorsitzende des Bundesverbands für Kindertagespflege

 

BRIGITTE: 1973 berichtete BRIGITTE erstmals über skandinavische "Dagmammas" - und forderte dasselbe Modell für Deutschland. 

Inge Losch-Engler: Das war die Initialzündung für die professionelle Kindertagespflege in Deutschland. Daraus ist die Betreuungsform entstanden, wie wir sie heute kennen. BRIGITTE war also quasi die Geburtshelferin. Zum Jubiläum haben wir uns all diese Berichte noch einmal angesehen - und festgestellt, dass viele Überschriften heute immer noch aktuell sind.

Hat sich so wenig getan?

Natürlich haben wir eine Menge
 anschieben können und Forde
rungen von damals auch durchgesetzt. Aber es gibt immer noch
 genug zu tun, bis die Kindertagespflege als wirklich gleichran
gige Betreuungsform zur Kita
 verankert ist. Bei den Kindergärten, die in den 1920er-Jahren aufkamen, hat es 100 Jahre gedauert, bis sie den Anspruch und die Qualität von heute hatten. Solange wird es bei der Kindertagespflege zum Glück nicht dauern.

Welche Hürden gibt es noch?

Die mehr als 44 000 Tagesmütter und -väter in Deutschland decken den enormen Betreuungsbedarf vor allem bei Kleinkindern noch nicht. Wir brauchen viel mehr qualifiziertes Kindertagespflegepersonal. Und: Sie müssen endlich ein ausreichend hohes Gehalt bekommen, von dem sie leben und sich versichern können. Bei den Sozialversicherungsträgern wird die Tätigkeit immer noch als Nebenberuf eingestuft. Wir müssen es schaffen, vor allem dem Problem der Altersarmut bei Frauen zu entgehen. Das wäre ein großer Meilenstein.

Wie hat sich der Beruf seit 1974 verändert?

Die Anforderungen sind höher geworden. 1974 sagte man einfach: "Klar, du kannst Tagesmutter werden, solange alles kindgerecht ist", es gab keine formalen Voraussetzungen. In den 90er-Jahren kam dann der Wunsch nach einer Qualifikation auf. Das erste Curriculum für Tagespflegeeltern habe ich damals, für mich, noch selbst geschrieben, das waren 33 Unterrichtsstunden. Mittlerweile absolvieren angehende Kindertagespflegepersonen mindestens 160 Stunden. Heutzutage sollte man als Tagesmutter oder -vater auch einen Businessplan haben und ein pädagogisches Konzept, damit die Eltern wissen, wie ihre Kinder betreut und gefördert werden.

Welche Vorteile hat die Betreuung durch eine Tagesmutter?


Der große Unterschied ist, dass wir in der Kindertagespflege im Durchschnitt schon seit Jahren einen besseren Personalschlüssel haben, nämlich 1 zu 5. Es gibt eine Empfehlung auf europäischer Ebene, die für Kinder unter drei Jahren sogar einen Schlüssel von 1 zu 3 vorsieht. Durch die kleinere Gruppe können Tagesmütter besser auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder eingehen, gerade kleinere Kinder profitieren sehr davon. Auch für Kinder mit Fluchthintergrund ist diese Betreuungsform ideal, weil sie nicht in einer großen Gruppe untergehen und sich leichter an die neue Kultur und Sprache gewöhnen können.

Also unter drei zur Tagesmutter, danach Kindergarten?

Das ist zu starr gedacht. Man sollte immer vom Kind aus denken: Welche Bedürfnisse und Fördermöglichkeiten sind für das Kind wichtig; ist es sehr aktiv und hat vielleicht schon größere Geschwister in der Kita oder braucht es noch ein bisschen Zeit, um sich in einer kleineren Gruppe an das Sozialgefüge zu gewöhnen? Wir brauchen eben beides: genügend Tagespflegefamilien und genügend Kindergartenplätze. Ich wünsche mir, dass die Eltern ein echtes Wunsch- und Wahlrecht haben und wir bald eine wirkliche Gleichrangigkeit erreichen. Ich hoffe, dass wir es zum 50. Jubiläum endgültig geschafft haben!  

Inge Losch-Engler ist Pädagogin und seit 2016 die Bundes­vorsitzende des Bundes­verbands für Kinder­tagespflege (www.bvktp.de).

Info: Wie werde ich Tagesmutter?

1. Angehende Tagesmütter/ -väter müssen eine Pflegeerlaubnis beim örtlichen Jugendamt beantragen, dazu brauchen sie ein polizeiliches Führungszeugnis, einen Gesundheitsnachweis und eine Haftpflichtversicherung. Die Räume, in denen die Kinder betreut werden sollen, müssen kindgerecht und hygienisch sein (Checkliste: www.kindersicherheit.de).

2. Der Kurs umfasst mindestens 160 Stunden. Wer eine pädagogische Ausbildung hat, kann evtl. eine verkürzte Qualifizierung besuchen. Viele Bildungsträger haben ein Gütesiegel des Familienministeriums (www.fruehe-chancen.de).

3. Zurzeit gibt es rund 44 000 Tagesmütter und -väter, aber viele kämpfen ums finanzielle Überleben. Ihr Verdienst kann je nach Anzahl der Kinder (maximal fünf), der vereinbarten Betreuungsstunden und der jeweiligen kommunalen Förderleistung sehr unterschiedlich sein. Meist verdienen Tagesmütter und –väter aber immer noch weniger als Erzieherinnen oder Erzieher in Kindertageseinrichtungen. Der Bundesverband fordert seit Jahren eine bessere Bezahlung. Klagen von Tagesmüttern gegen die Kommunen wegen eines zu niedrigen pauschalen Stundensatzes hatten bislang keinen Erfolg: Erst Anfang 2018 entschied das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, "dass der vom Jugendhilfeträger festgesetzte Beitrag für die Anerkennung der Förderleistung an eine Tagespflegeperson in Höhe von 2,70 Euro je Kind und Stunde im konkreten Fall gerichtlich nicht zu beanstanden ist".

4. Infos: www.bvktp.de. Hier erfahren auch Eltern, wie man eine Tagespflegeperson für sein Kind findet.  

Ein Artikel aus BRIGITTE 9, ab 11. April 2018 am Kiosk!

Wer hier schreibt:

Andrea Benda
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