Können wir noch ohne Angst auf den Weihnachtsmarkt gehen?

Paris bewegt - und verunsichert. 6 Fragen an Prof. Michael Brzoska, Direktor des "Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik" in Hamburg.

1) Warum verübt der IS Anschläge in Europa?

Der IS wird zunehmend militärisch unter Druck gesetzt, auch von Russland und Frankreich. Gleichzeitig hat die Türkei ihre frühere Unterstützung eingestellt. Die Organisation scheint deshalb ihre Taktik geändert zu haben. Sie versucht, den Kampf in andere Länder zu tragen. Ein Element der Taktik ist es auch, europäische Regierungen zu provozieren, Muslime zu drangsalieren - in der Hoffnung, sie zu radikalisieren und damit neue Rekruten für ihren Kampf zu gewinnen.

2) Wo kommen die Attentäter her - bei früheren Anschlägen und jetzt in Paris?

In der Regel aus den betroffenen Ländern selbst. Oft handelt es sich um Menschen, die sich in ihren Heimatländern als neue oder Migranten der ersten Generation diskriminiert fühlen oder besonders intensiv am Konfliktgeschehen im Nahen Osten interessiert sind.

3) Stimmt es, dass sich Terroristen unter die Flüchtlinge gemischt haben?

Bisher ist in Deutschland kein solcher Fall bekannt geworden. Ob erste Indizien, dass das für einen Attentäter in Paris zutraf, sich bestätigen, muss man abwarten.

4) Stellen Flüchtlinge eine Bedrohung für unsere Sicherheit dar, wie manche behaupten?

Dafür gibt es bisher keine Anhaltspunkte.

5) EU-Parlamentspräsident Martin Schulz hat gesagt, der Terror gehöre zu den Lebensrisiken des 21. Jahrhunderts. Kann ich noch bedenkenlos auf den Weihnachtsmarkt gehen?

Niemand kann einen terroristischen Anschlag ausschließen. Allerdings ist selbst in Jahren mit besonders blutigen Anschlägen - wie etwa 2001 und 2005 - die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines terroristischen Anschlages zu werden, sehr gering gewesen.

6) Alle reden plötzlich von Krieg - sind wir wirklich im Krieg?

Prof. Dr. Michael Brzoska ist Wissenschaftlicher Direktor des "Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik" (IFSH) in Hamburg

Nein. Frankreich ist Opfer eines besonders infamen terroristischen Anschlags geworden, nicht eines militärischen Angriffs. Letzterer wäre in einem Krieg erlaubt - ein Terrorakt ist ein nicht zu rechtfertigendes Verbrechen. Das sollte man auseinanderhalten.

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