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Die Angst vor dem Einschlafen Therapeutin: "Wir 'erlernen' die Schlafangst sozusagen ungewollt"

Die Angst vor dem Einschlafen: Frau liegt nachts schlaflos im Bett
© Wordley Calvo Stock / Adobe Stock
Schlafangst im Erwachsenenalter ist häufiger, als allgemein angenommen wird. Wir erklären, was das Phänomen bedeutet und wie es dazu kommt.

Schlafprobleme sind in Deutschland keine Seltenheit. 2013 litten laut einer im Bundesgesundheitsblatt veröffentlichten Studie etwa ein Drittel der Erwachsenen an potenziell klinisch relevanten Ein- und Durchschlafstörungen

Eine weitere Befragung der DAK-Gesundheitskasse stellte 2017 fest, dass 80 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland schlecht schlafen. Seit 2010 seien die Schlafstörungen bei den 35- bis 65-Jährigen um 66 Prozent angestiegen, so der Bericht. Jede:r zehnte Arbeitnehmer:in leide außerdem an schweren Schlafstörungen, die sich unter anderem in Ein- und Durchschlafproblemen, schlechter Schlafqualität und Tagesmüdigkeit äußern.

Dr. Hanne Horvath ist Psychologin und Mitbegründerin der Online-Therapieplattform HelloBetter, die Kund:innen diverse digitale Therapieprogramme aus der Psychologie anbietet. Unter anderem auch über die Bewältigung von Ängsten. Im Interview erklärt sie, was es mit der sogenannten Schlafangst auf sich hat – und dass diese komplexe Gründe haben kann.

Welche Ursachen hat Schlafangst?

Beispielsweise könne die Angst vor der Dunkelheit oder Albträumen ein Auslöser sein, so die Psychologin. Oder Einschlafprobleme sowie nächtliches Aufwachen. Einige Menschen hätten nachts Panikattacken, so Horvath weiter. Andere würden sich darum sorgen, nicht wieder aufzuwachen.

"Sich über diese 'Feinheiten' der Angst vorm Schlafen klar zu werden, kann dabei helfen, Experte oder Expertin für die eigene Angst vor dem Schlaf zu werden", erklärt Horvath. "Das kann das Gefühl der Hilflosigkeit vermindern und dabei unterstützen, ganz gezielt nach Lösungen zu suchen." 

Die Angst vorm Schlafen "lernen" wir

Ängste können durch vielfältige Bedingungen entstehen und lange anhalten, wenn die betroffene Person nicht dagegen angeht. "Oft spielen Erfahrungen eine große Rolle, wir 'erlernen' die Schlafangst sozusagen ungewollt.  Wer nicht einschlafen kann und nachts lange wach liegt, dabei grübelt oder sich einsam fühlt, kann negative Gefühle dem Schlaf gegenüber entwickeln", erklärt die Therapeutin.

Und nicht nur das, das Liegen im eigenen Bett könne durch die Belastung mit den unangenehmen Erfahrungen dazu führen, dass die Situation zum Signal für Stress und Angst werde. "In der Folge wird erholsamer Schlaf immer schwieriger", so Horvath. "Wem der Wechsel in einen anderen Bewusstseinszustand Angst macht, der leidet vielleicht unter der Angst vor Kontrollverlust. Um zu schlafen, müssen wir loslassen, entspannter werden und vertrauen, dass uns nachts nichts passiert und wir wieder aufwachen."

Es könne außerdem sein, dass die Angst vor Kontrollverlust auch im Wachzustand eine Rolle bei diesen Menschen spiele und sich diese Gefühle auch im Schlaf widerspiegeln – beziehungsweise unbewusst in die Traumwelt eindringen.

Was können Betroffene tun?

Um die eigene Schlafangst anzugehen, gibt die Psychologin Tipps, die helfen können.

1. Entspannung üben

Betroffene Menschen sollten versuchen, sich schon tagsüber an einen entspannten Zustand zu gewöhnen. Diverse Atemübungen oder eine Fantasiereise können dabei helfen.

2. Es sich gemütlich machen

Das Bett sollte wieder zu einem Ort werden, an dem wir uns sicher, geborgen und eben wohlfühlen. Vielleicht können kleine Dinge im Schlafzimmer geändert werden, um einen Unterschied zu machen. Beispielsweise das Bett umzustellen, es frisch zu beziehen oder die Decke aufzuschütteln, so Horvath.

"Solche kleinen Rituale können dazu beitragen, dass nicht alles "wie sonst" ist, wodurch Bewegung in den typischen Ablauf kommt – bei dem normalerweise die Angst auftritt", erklärt sie. Außerdem sei die bewusste Zeit, die ein Mensch sich für das eigene Wohlbefinden nehme, eine schöne Übung für Selbstfürsorge.

3. Die Angst beobachten

Die oben genannten Punkte können bereits einen Unterschied machen. Doch Ängste verschwinden in den meisten Fällen nicht von jetzt auf gleich, so die Psychologin. Wer Ängste erlebe, solle diese wahrnehmen und als Hilfe zur Entspannung nutzen. "Das kann funktionieren, indem du die Angst beobachtest, ohne sie weiter zu verfolgen, das heißt zum Beispiel ohne die Angstgedanken aktiv weiterzuspinnen", so Horvath. "Dafür ist es hilfreich, wenn du parallel Erfahrungen in der Atementspannung sammelst. Genauso, wie du deine Atmung bewusst wahrnehmen kannst, lässt sich nämlich auch die Angst beobachten."

Für Betroffene heiße das: sich selbst klar zu machen, aus welchen Elementen sich die eigene Angst zusammensetze. Denn bei manchen Menschen könne sich die Angst als ein unangenehmes Gefühl äußern, während sie bei anderen zusätzliche Gedanken und körperliche Empfindungen auslösen könne.
Wichtig sei es, die einzelnen Bestandteile zu erkennen, ohne sich in ihnen zu verlieren, so die Psychologin. "Dieses 'innere Schauspiel' zu verfolgen, kann mit der Zeit dabei helfen, ruhiger zu werden. Als würdest du gefährliche Fische hinter einer Glasscheibe in einem Aquarium beobachten."
lkl Brigitte

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