Nach Skandal: Tierversuchslabor bei Hamburg wird geschlossen

Grausame Tierversuche aus einem Labor in Hamburg gehen durch die Medien. Ich habe mir die grausamen Bilder angeschaut, weil sie Realität sind. Nun gibt es positive Nachrichten: Das Labor wird geschlossen.

Update: Tierversuchslabor in Mienenbüttel wird geschlossen

Das LPT-Tierversuchslabor in Mienenbüttel bei Hamburg wird geschlossen. Das berichtete nun unter anderem der NDR, dem ein entsprechendes Schreiben vorliegt. Auch der Termin ist bereits bekannt: Bis zum 29. Februar 2020 soll noch eine Studie an Affen fortgesetzt werden, danach schließt das Labor endgültig.

Tierversuche bei Hamburg: Was bisher geschah

Für den Stoff, der meine Haut wärmt, wurden Tiere gequält. Seit den Aufnahmen aus dem Tierversuchslabor in Hamburg-Neugraben und meinem Telefonat mit Friedrich Mülln von Soko Tierschutz bekomme ich diese Vorstellung nicht mehr aus meinem Kopf. Natürlich trage ich kein totes Tier am Leib, zumindest nicht wissentlich. Doch habe ich mir vorher auch keine Gedanken darüber gemacht, wie und woran die Farbe meiner Strickjacke wohl getestet wurde. Bis Herr Mülln in einem Nebensatz erwähnte, dass unser Alltag voller Tierversuchsprodukte steckt – und das Beispiel Farbstoffe nannte. Spätestens seit diesen Worten bekomme ich die Bilder der hilflosen Tiere aus dem Versuchslabor, die derzeit durch die Medien gehen, nicht mehr aus dem Kopf. Das ist nicht schön, aber gut so.

Tierversuche nebenan – und keiner schaut hin

Denn gerade schauen viele weg. "Zeig mir so etwas doch nicht“, oder "Ich kann das nicht sehen“ sind regelmäßige Reaktionen auf Enthüllungsaufnahmen von Tierquälereien, die immer wieder in die Öffentlichkeit dringen. Aktuell hört man diese Aussagen in Verbindung mit den Bildern des Soko Tierschutz, der gemeinsam mit der Organisation Cruelty Free International in einem Tierversuchslabor in Mienenbüttel ermittelte. Von Dezember 2018 bis März 2019 arbeitete einer von ihnen undercover in dem Laboratory of Pharmacology and Toxicology mit. Nun wurden die Aufnahmen dieser Zeit veröffentlicht. Sie zeigen Affen, Hunde, Kaninchen und Katzen, an denen Giftigkeitsprüfungen durchgeführt werden. Nach der Strafanzeige von SOKO Tierschutz ermittelt nun die Staatsanwaltschaft wegen Tierquälerei und Verstöße gegen das Tierschutzgesetz.

Ein Beagle, der an den Beinen aufgehängt wird, eine Katze, der unter Gewalt eine Spritze in den Mund gedrückt wird, blutverschmierte Käfige, Affen, die sich verzweifelt im Kreis drehen und schließlich an Kopf und Beinen fixiert werden. Es ist nicht so, dass mir diese Aufnahmen nicht nahegingen. Im Gegenteil: Während ich diese Zeilen schreibe, muss ich schlucken, mich zwingen, hinzusehen und dem Impuls widerstehen, die Bilder wegzuklicken und mich unter meiner Bettdecke zu verstecken, unter der die Welt noch in Ordnung ist.

Ich bin aber nun einmal Journalistin und habe aufgezeigt, als das Thema im Raum stand. Denn ich bin der Meinung, jeder muss diese Bilder sehen. Warum? Weil sich sonst nie etwas ändern wird. Und sie Realität sind.

Warnung: Dieses Video zeigt Aufnahmen aus dem Tierversuchslabor, die verstörend wirken können

„Tierversuche sind überall"

Aktuell existieren Hunderte solcher Tierversuchslabore alleine in Deutschland, bestätigt Soko Tierschutz. Die Bedingungen sind jedoch oft undurchsichtig. "Das Problem ist, dass der Staat es sich einfach macht, gerade bei toxikologischen Tests. Der Staat befiehlt zwar Chemie- und Pharmafirmen, solche Versuche zu machen, die sind ja Pflicht, bevor man ein Produkt auf den Markt bringt, weigert sich aber, diese Versuche vernünftig zu kontrollieren“, wie mir Friedrich Mülln erzählt. In der Regel seien Tierversuche zwar meldepflichtig, aber eben nicht kontrollpflichtig.

Tierversuche sind ersetzbar

Missstände werden oft nur aufgedeckt, wenn Tierschützer aktiv werden. Dann gehen erneut Bilder durch die Medien, die uns schockieren – weil es für viele Menschen unvorstellbar ist, dass solche Labore überhaupt noch existieren. Sind Tierversuche nicht längst veraltet?, frage ich Mülln. Und das sind sie: "Ich würde sagen, dass momentan vielleicht ein Prozent der Tierversuche nicht ersetzbar sind“, lautet seine Antwort. Denn viele Versuche sind überflüssig oder sinnlos, da mittlerweile erwiesen ist, dass Tiere sehr oft anders auf Substanzen reagieren, als Menschen es im Anschluss tun.

Längst existieren alternative Versuchsmöglichkeiten, seien es In-Vitro-Verfahren oder sogar künstliche Intelligenzen, die Reaktionen und Organvorgänge vorhesagen können. Wieso werden diese denn nicht genutzt? "Davor hat die Tierversuchsbranche eine riesige Angst, denn diese Methoden haben eins gemeinsam: Sie sind deutlich kostengünstiger“, wirft Mülln ein, was für mich wie ein weiterer Grund gegen Tierversuche erscheint. Doch hier kommt die Wirtschaft ins Spiel. Und eine ganze Branche würde verschwinden, wenn sich neue Technologien durchsetzen.

Umso wichtiger ist es, das Bewusstsein für dieses Absurdum zu schaffen: Es werden Tiere gequält, obwohl diese Versuche oft sinnlos sind, es bessere und günstigere Alternativen gibt – nur damit Labore weiterhin Geld mit Tierversuchen machen können.

Was kann jeder tun, um Tierversuche zu stoppen?

Erschreckend wenig. Dafür ist es umso wichtiger, ein Bewusstsein für ein Thema zu schaffen, das zwar immer mal wieder aufploppt – sobald ein neuer Enthüllungsbericht herauskommt – und dann doch wieder schnell verschwindet. Ich kann das verstehen. Das Gehirn funktioniert so, wir erinnern uns lieber an das Schöne. Das ist gut für uns, schlecht für die Tiere. Die leiden nämlich still weiter, während wir sie längst vergessen haben.

Obwohl wir alltäglich – von Kosmetik bis zu Medikamenten – von Tierversuchsprodukten umgeben sind, können wir sie derzeit nur schwer erkennen. Ein Ansatz kann sein, zu recherchieren: Wie steht ein Hersteller zu Tierversuchen? Im Kosmetikbereich setzen bereits einige Marken auf Gütesiegel, eine entsprechende Liste findest du zum Beispiel bei PETA. Auch bei Medikamenten auf Generika zu setzen, die bereits länger auf dem Markt und getestet sind, vermeidet zumindest neue Tierversuche.

Ansonsten rät Mülln: "Widerstand leisten, denn Widerstand wirkt. Deswegen rufen wir auch zur Großdemonstration auf“. Diese findet am Samstag, den 19. Oktober, in Hamburg-Neugraben statt.

Hinschauen, reden, Bewusstsein schaffen, Widerstand leisten: Tierversuchslabore stammen vielleicht aus einem anderen Jahrhundert, doch sie sind ein Problem der Gegenwart. Deswegen schaue ich weiter hin, wenn ich lieber wegschauen möchte.

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