Gamze Kubasik: "Ich will nicht weinen vor denen"

Gamze Kubasik ist die Tochter des Dortmunder NSU-Opfers Mehmet Kubasik. Heute hat sie vor Gericht ausgesagt. Mit unserer Mitarbeiterin Lena Kampf spricht sie über ihre Angst, vor den Tätern zu weinen.

Ihr Vater starb in Dortmund nach einem NSU-Anschlag: Gamze Kubasik

Bevor das Bild des blutigen Körpers ihres Vaters im Gerichtssaal gezeigt würde, hat Gamze Kubasik sein Lachen verbreiten lassen. Ihr Rechtsanwalt Sebastian Scharmer hat zwei Fotos aus dem Familienalbum an die Prozessberichterstatter verschickt. Bisher kursierte ein grünstichiges Bild von Mehmet Kubasik mit strengem Blick. "So war er nicht", sagt Gamze. Sondern: warmherzig, liebevoll, lustig. Es ist ihr wichtig, dass die Welt das weiß. Und sie hofft, dass sie es dem Richter gut erklären kann, wenn sie heute in den Zeugenstand tritt. Die Bilder jedenfalls zeigen einen strahlenden Mann mit Lachfalten. Auf einem ist er mit seinen Kindern zu sehen, der Vater hat die Arme um sie gebreitet, die beiden kleinen Jungs albern, die große Tochter Gamze lächelt gelöst in die Kamera. Da ist sie 21 Jahre alt und ein Vaterkind.

Am 4. April 2006 wird sie ein Kind ohne Vater. Am Morgen hatte er sie noch geweckt, die Mutter Elif mit ihm im Laden gefrühstückt. Als Gamze dann nach der Schule aus dem Bus in der Mallinckrodtstraße aussteigt, hat die Polizei den Kiosk weiträumig abgesperrt. Sie nähert sich dem Menschenauflauf. Gamze Kubasik erinnert sich, dass ein Polizist auf sie zugekommen ist und gefragt hat, ob sie wüsste wer das getan haben könnte. "Es war wie ein schlimmer Traum, ich habe die Leute gehört, aber ich konnte nicht antworten", sagt Gamze heute. Sie erinnert sich nur noch vage an diese Minuten, doch was im Tatortprotokoll der Polizei notiert ist, wird ihr später als "verdächtiges Wissen" von den Ermittlern vorgehalten werden. Da steht, dass es irgendwann aus Gamze herausbricht, dass sie schreit: "Ihr seid alle Verbrecher!" Dann sei sie ohnmächtig geworden.

"Wohin soll ich denn gehen?"

"Warmherzig, liebevoll, lustig": Mehmet Kubasik, Gamzes Vater

Danach ist sie die Tochter eines Hehlers. Eines Drogendealers. Eines Mafiosi. Es wird fünfeinhalb Jahre dauern, bis die Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sich zu der Tat bekennen, genau zwei Jahre ist das nun her. "Die ganzen Gerüchte - ich bin irgendwann gar nicht mehr vor die Tür gegangen", sagt Gamze Kubasik heute. Sie macht ihren Schulabschluss im Juni 2006, bis dahin wird sie ein Dutzend Mal von der Polizei vernommen, muss DNA-Proben abgeben. Auch bei den beiden kleinen Brüdern werden Speichelproben genommen. Dass ihr Vater kurz vor seinem Tod dabei war, seinen Kiosk zu verkaufen, macht ihn für die Polizei verdächtig. Elif Kubasik befreit seinen Arzt von der Schweigepflicht um zu beweisen, dass es gesundheitliche Gründe hatte: Mehmet Kubasik, der als Alevit in der Türkei verfolgt worden war und deshalb in Deutschland Asyl bekommen hatte, hatte früh einen Schlaganfall erlitten. Er wollte den Laden abgeben, um mehr Zeit mit seiner Familie zu haben.

Gamze Kubasik erinnert sich an die Vernehmung am Tag nach dem Mord. Fünf oder sechs Stunden lang wurde sie getrennt von der Mutter befragt. "Mir war klar, dass es wichtig war", sagt sie. Trotzdem war es unerträglich. Ebenso wie die Drogenhunde, die im Schlafzimmer herumschnüffelten. Die Männer in den weißen Anzügen hatten die Trauernden, Familie und Freunde, herausgeschickt aus der Wohnung. Nur Gamze weigerte sich: "Wohin soll ich denn gehen?", fragte sie die Beamten. Sie wollte nicht, dass man die Sachen ihres Vaters anfasst. Als sie wiederkam, standen die Kleiderschränke offen, erinnert sie sich.

Fragen ohne Antworten

Spuren hatte die Polizei genug. Zeugen behaupteten, Mehmet Kubasik sei bedroht worden, habe mit gefälschten Zigaretten gehandelt, habe einem Bulgaren den Kopf eingeklemmt. Gamze Kubasik wird von den Ermittlern immer wieder mit einem angeblichen Streit am Sonntag vor der Tat konfrontiert. Dass sie zu dem Zeitpunkt allein im Kiosk war, sonntags half sie ihrem Vater immer aus, wollten die Polizisten ihr anscheinend nicht glauben. Auch einem Tippgeber, der sehr genau das Profil des NSU erkannte, schenkten sie kein Gehör: Die Spur 122 wurde zu den Akten gelegt. Und die Aussage der Zeugin D. wurde ignoriert. Sie wird heute ebenfalls im Gericht vernommen, sie hat die Täter am Tatort gesehen, zwei Fahrradfahrer, wie bei fast allen anderen Tatorten. Gamze und Elif Kubasik hatten Frau D. einige Zeit nach der Tat zufällig beim Einkaufen getroffen. Dabei erzählte sie, dass sie die mutmaßlichen Täter beobachtet hatte. Für Gamze und ihre Mutter: "Ein Schock." Die Polizisten hatten es offenbar nicht für nötig gehalten, die Witwe und die Tochter über die Zeugenaussage zu informieren.

Gamze Kubasik könnte die Polizisten danach fragen, auch die Ermittlungsführer werden in den kommenden Tagen im Zeugenstand sitzen. "Ich habe kein Bedürfnis danach", sagt sie. Sie hat jahrelang Fragen gestellt, ohne Antworten zu bekommen. "Heute will ich einfach zeigen, wie es ist, wenn einem die Menschlichkeit genommen wird."

"Er war so ein starker Mann"

Gamze Kubasik ist 28 Jahre alt. Sie studiert Wirtschaft, hat geheiratet. Noch immer ist sie für die beiden Brüder eine Art Vaterersatz. Für die Mutter Elif eine Stütze. Die 49-Jährige wird heute nach ihr vor Gericht vernommen. Gamze hat große Sorge, ob ihre Mutter es aushalten wird, direkt vor der Anklagebank zu sitzen.

Auch Gamze ist seit Wochen nervös, angespannt. Schon einmal stand ihre Aussage kurz bevor, im September war das. Sie hatte alle Kraft gesammelt, dann wurde die Vernehmung wieder verschoben. Sie fürchtet, Fragen nicht beantworten zu können, weil es schon so lange her ist. Und sie fühlt sich unwohl damit, vor den mutmaßlichen Tätern emotional zu werden. "Ich will nicht weinen vor denen", sagt Gamze Kubasik. Eigentlich will sie auch nicht, dass die Angeklagten die schrecklichen Bilder ihres toten Vaters sehen. Am liebsten wäre es ihr, dass allein das lachende Gesicht von Mehmet Kubaisk auf die Wände des Gerichtssaals projiziert würde. "Er war so ein starker Mann", sagt sie. Leblos und blutüberströmt sollen ihn nicht einmal seine Mörder in Erinnerung behalten.

Text: Lena Kampf

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Lena Kampf
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