Todesstrafe in China: Eltern in der Todeszelle

Weil ihre Eltern zur Todesstrafe verurteilt sind, werden 130 Kinder im "Sonnendorf" in China Mutter und Vater nie wieder sehen.

Zhang Shuqin ist wie die meisten Chinesen für die Todesstrafe. Aber sie kämpft, wie niemand außer ihr, gegen die Folgen für die Kinder der Straftäter. Ihr Waisenhaus ist eine Provokation für die chinesischen Behörden - weil sie die Probleme anpackt, vor denen der Staat die Augen verschließt.

Li Siyi war erst drei Jahre, als sie starb, doch Oma Zhang kann nicht alle Kinder retten. Die Polizei fand die Leiche des Mädchens in der westchinesischen Millionenstadt Chengdu; sie war in der Wohnung ihrer Mutter verhungert. Nachbarn hatten sich über den Verwesungsgeruch beschwert. An der Wohnungstür waren Kratzspuren. Li Siyis Mutter saß im Gefängnis, weil sie in einem Supermarkt Milch und Reis geklaut hatte. Nach ihrer Verhaftung hatte sie die Beamten immer wieder nach ihrer Tochter gefragt, doch die hörten ihr nicht zu. Li Siyi blieb allein zurück.

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Kinder von Straftätern werden in China in Sippenhaft genommen - ganz im Geiste Mao Zedongs, der einmal sagte: "Der Sohn eines Helden ist ein Held. Und der Sohn eines faulen Eis ist selbst ein faules Ei." Mao ist tot, das Stigma ist geblieben. Noch immer verschließt das Land die Augen, wenn die Kinder von Straftätern auf der Straße landen. Nur Oma Zhang hilft, so oft sie kann.

Eigentlich heißt sie Zhang Shuqin. Doch alle Kinder im Sonnendorf nennen sie Oma Zhang. Weil sie mit ihrem freundlichen Lachen wie eine Großmutter aussieht, tröstet und zuhört. "Mutter der Mörderkinder" nennt man die 60-Jährige in China. Mit dem Sonnendorf kratzt sie an einem Tabu. Zhang will allen zeigen, dass auch die Kinder von Verbrechern, von Mördern Menschen sind. Dass es nicht in Ordnung ist, wenn es keinen Platz für sie in der Schule gibt und keinen Job. Wenn Nachbarn und Verwandte die Tür vor ihnen versperren. Wenn sie auf der Straße leben.

130 Kinder wohnen im Sonnendorf, eine dreiviertel Autostunde nördlich von Peking, das jüngste ist gerade erst ein halbes Jahr alt, das älteste wird bald 18. Viele Kinder werden ihre Eltern nie mehr sehen, weil die den Rest ihres Lebens im Gefängnis verbringen müssen. Manche sitzen im Todestrakt.

Zhang sagt, dass die Kinder so gut wie nie über ihre Eltern sprechen, auch nicht über ihre Narben und die Stiche im Herz. Manchmal hört sie sie weinen, wenn sie in der Nacht noch einmal die Kinderhütten besucht. Zhang sagt auch, dass sie die Schmerzen der Kinder nicht lindern kann; sie kann nur die Tränen trocknen und den Hunger stillen. Einmal im Monat bestellt sie eine riesige Sahnetorte mit Rosen aus Marzipan. Dann versammeln sich alle im Speisesaal. Ganz still ist es, und Zhang fragt feierlich: "Wer hat in diesem Monat Geburtstag? Kommt nach vorn! Und wer ist neu zu uns gekommen? Kommt auch her!" Sie zündet die Kerzen an, die Geburtstagskinder bekommen die größten Kuchenstücke. Manche summen das Geburtstagslied noch den ganzen Tag.

Die Grundschule des Sonnendorfs liegt gleich neben dem Speisesaal. Die Kleinen sammeln sich am Tor, stellen sich der Größe nach auf und marschieren los wie kleine Kadetten. Die Mittelschule liegt etwas weiter entfernt, als sich die Älteren auf ihre Fahrräder geschwungen haben, wird es ruhig im Dorf. Oma Zhang geht in ihr Büro in dem flachen Kastenbau hinter den Kirschbäumen.

Sie ist groß, mit kurzen, leicht rötlich schimmernden Haaren und einer Stimme, die man, wenn es sein muss, im ganzen Dorf hören kann. Sie zündet sich eine Zigarette an und will gerade anfangen, ihre Geschichte zu erzählen, da klingelt das Telefon. Ein Pharmakonzern will etwas spenden. "Das ist toll, ich danke Ihnen im Namen aller Kinder. Aber bitte kein Spielzeug. Wir brauchen Kleidung, Essen, Strümpfe, Schulhefte. Schenken Sie etwas Nützliches", sagt sie und legt auf, doch es klingelt gleich wieder. Diesem Anrufer hört sie lange zu. Und als sie antwortet, kann sie ihre Wut kaum unterdrücken: "Hören Sie, ich war selbst Polizistin. Wenn wir den Kindern nicht helfen, müssen Sie sich selbst um sie kümmern. Sie sollten uns dankbar sein."

Sie bekommt immer noch solche Anrufe von Polizisten und Gefängnisdirektoren, die nicht verstehen, was sie macht. Bis heute bekommt sie keine finanzielle Unterstützung durch die Behörden. Vor 13 Jahren gründete Zhang Shuqin ihr erstes Kinderheim. Inzwischen gibt es sechs im ganzen Land, finanziert durch Spenden, die sie sammelt. Zhang hat hunderte Kinder gerettet. Es ist ein Grenzgang, sie braucht die Unterstützung der Regierung, um ihre Kinderheime betreiben zu können, und kritisiert damit zugleich indirekt das harte Justizsystem, indem sie die Opfer ans Licht holt. Kinder wie Li Siyi, die nach der Festnahme der Eltern einfach vergessen werden.

Zhang hat China ein wenig verändert, weil sie dafür einsteht, dass auch die Kinder von Straftätern Rechte haben und eine Würde. Ihre Geschichte beginnt im Dezember 1948 im kleinen Dorf Jianhe in den Bergen der zentralchinesischen Provinz Shaanxi. Ihr Vater war Verkäufer in dem winzigen Laden der Dorfkooperative. Es gab keinen Strom. Im Winter schlief sie mit ihren drei jüngeren Brüdern im Bett der Mutter. Sie war ein kräftiges Mädchen, wenn die Mutter Feuerholz brauchte, schickte sie ihre Tochter in die Berge. Mit 14 begann sie eine Ausbildung in Traditioneller Chinesischer Medizin. Dann begann die Kulturrevolution, auch Zhang ließ sich von der Euphorie anstecken und band sich die Armbinde der Roten Garden um. Sie demonstrierte für Mao, änderte damals sogar ihren Namen in Zhang Weihua - "China beschützen". Und schließlich brach sie sogar mit ihren Eltern. "Ich hielt meinen Vater für einen feindlichen Kapitalisten", sagt sie heute, "er arbeitete schließlich in einem Geschäft." Ihr Vater wäre damals vor Kummer fast gestorben, sie hat heute noch Schuldgefühle deswegen.

Mao starb 1976. Als China wieder zur Ruhe kam, fand Zhang einen Job als Barfußärztin bei einer Krankenstation in den Bergen. Sie mischte Kräutertees und brachte den Bauern die Grundregeln der Hygiene bei. Dann, drei Jahre später, führte die Regierung in Peking die Ein-Kind-Politik ein. Ärzte und Krankenschwestern im ganzen Land mussten auf staatliche Weisung hin Zwangsabtreibungen durchführen - auch Zhang. Sie nahm hunderte vor.

Ich habe so viele Babys umgebracht

Es ist seltsam, aber Zhang lacht. "Ich habe in der Vergangenheit so viele Babys umgebracht. Das könnte der Grund sein, warum ich mich heute so gern um Kinder kümmere", sagt sie. Sie lacht wieder. Vielleicht war das kein Witz. Zhang würde das selbst sicher nicht sagen. Doch man hört ihr an, dass ihre Vergangenheit Wunden hinterlassen hat.

Zhang war froh, als sie die Krankenstation verließ. Sie wurde Journalistin, schrieb irgendwann einen Artikel über die Hygienebedingungen in den Gefängnissen ihrer Heimatprovinz. Den Behörden gefiel die fundierte Recherche, man bot ihr einen Job bei der Gefängnisverwaltung von Shaanxi an. Sie nahm an, besuchte alle 20 Gefängnisse der Region und stellte fest, dass an allen Gefängnistoren Kinder standen und auf ihre Eltern warteten, manche standen da für Monate, manche für Jahre.

Die Kinder taten ihr leid. Und sie hörte die Geschichten der Gefängnisinsassen, die von ihren vergessenen Kindern erzählten. Als ehemalige Reporterin witterte sie zunächst vor allem eine interessante Geschichte. Und sie beschloss, dem Thema auf dem Grund zu gehen. 1989 schrieb sie einen Artikel für die Gefängniszeitung, den sie "Die Söhne und Töchter" nannte. Sie interviewte einen Gefangenen, der seine fünf Kinder seit Jahren nicht gesehen hatte. Auch die Mutter saß im Gefängnis. "Gib mir die Adresse", sagte Zhang, "ich suche nach deinen Kindern." Ein paar Wochen später fuhr sie tatsächlich in das Heimatdorf des Mannes. Die älteste Tochter war längst gestorben. Die anderen lebten mit ihrer Großmutter in einer Höhle. Sie schliefen auf einem Steinbett und deckten sich mit Zeitungen zu. Ein Sohn hatte sich den Arm gebrochen, doch weil die Großmutter kein Geld für den Arzt hatte, war er nicht richtig verheilt. Eines der Kinder trug einen grünen Schuh, den es im Müll gefunden hatte.

Zhang fuhr heim, zog am nächsten Morgen wieder ihre Uniform an, saß in Besprechungen und aß mittags mit den Kollegen. Doch in ihrem Kopf wirbelten die Gedanken, sie dachte an die vier traurigen Kinder und das tote Mädchen. Und zum ersten Mal fühlte sie in sich so etwas wie Wut: Es war ungerecht, die Kinder litten am meisten unter der Haft der Eltern.

Als der Artikel veröffentlicht wurde, bekam sie dutzende Briefe von anderen Gefangenen. Zhang sprach mit ihren Vorgesetzten und erkundigte sich auch bei anderen Gefängnissen. Und sie erfuhr, dass manche Häftlingskinder sogar in Jugendgefängnissen untergebracht wurden, weil sich niemand um sie kümmerte.

Es war die Zeit der Wirtschaftsreformen. Deng Xiaoping hatte das Land geöffnet und einen gewaltigen Aufschwung begonnen. In kleinen Portionen gab er den Chinesen ihre Freiheit zurück. China schwelgte im Konsum und wollte die Vergangenheit so schnell wie möglich vergessen. Soziale Probleme wurden totgeschwiegen. Für die Kinder der Strafgefangenen war kein Platz im neuen China. Zhang hoffte zunächst, dass die Regierung das Problem erkennen und den Kindern helfen würde.

Sie wartete bis 1996. Dann kündigte sie. Sie fing ganz klein an, unbemerkt von der Pekinger Regierung. Sie verkaufte sogar ihren eigenen Hausrat, um den Bau des ersten Sonnendorfes zu finanzieren. Doch ihre Idee war so einmalig und neu, dass sie sich schnell im ganzen Land herumsprach. Es dauerte nicht lange, bis ihr die Gefängnisdirektoren immer mehr Kinder schickten, dankbar, dass sie ihnen ein Problem abnahm. "Viele in der Polizei haben inzwischen verstanden, dass die Kinder auch zu Kriminellen werden, wenn sie auf der Straße leben und sich ihr Essen zusammenklauen müssen", sagt Zhang. Das hat selbst die Pekinger Regierung eingesehen.

Die Nacht war kurz. Es ist Samstagmorgen, 5 Uhr. Der Junge Ying Erqing hat Weckdienst, er schläft sowieso nie lange und ist schon früh voller Energie. Reihum öffnet er die Türen zu den Hütten der Kinder. Dann steckt er die Trillerpfeife in den Mund, er legt die flachen Hände an seine Ohren und pustet mit voller Kraft. "Schnell, schnell, aufstehen!", ruft er. Wortlos rollen die Kinder ihre Bettdecken zusammen und schleppen sich zum Frühstückssaal. Danach versammeln sie sich am Eingangstor, Zhang Shuqin wartet schon auf sie.

Jedes Wochenende ziehen die Bewohner auf die Felder. Das Kinderheim erzeugt den größten Teil seiner Lebensmittel selbst, jeder muss mithelfen. 50 000 Pfirsichbäume gehören zum Sonnendorf, sie bauen außerdem Kartoffeln, Zwiebeln und Rettich an. Es ist schwere Feldarbeit, doch Zhang hat keine Wahl. Das Dorf finanziert sich ausschließlich durch Spenden. Und manchmal ist das Geld so knapp, dass sie nicht einmal weiß, wie sie die nächste Stromrechnung bezahlen soll. "Wir können die Kinder nur ernähren, wenn jeder mit anfasst", sagt Zhang.

Sie arbeiten auf dem Feld, bis die Sonne hoch am Himmel steht. Unermüdlich schwingt Zhang Shuqin ihre Schaufel, so arbeitet sie sich voran und zieht einen Schweif schwitzender Kinder hinter sich her. Wenn sie am Abend endlich nach Hause geht, in ihr kleines Backsteinhaus am Dorfrand, dann pflegt sie ihre alte Mutter, die bei ihr wohnt. Auch ihre jüngere Tochter - sie hat zwei Töchter, 40 und 35 Jahre alt - lebt bei ihr. Zhang ist geschieden und hat die Kinder allein großgezogen. Sie schläft nur selten mehr als vier Stunden, am nächsten Morgen geht wieder der Weckdienst mit der Trillerpfeife durchs Dorf; kurz darauf sitzt sie schon wieder an ihrem Schreibtisch.

Noch vor wenigen Jahren hätte Zhang für ihre Arbeit selbst ins Gefängnis kommen können. Dass die Regierung das Sonnendorf toleriert, ist ein Zeichen für Chinas Veränderungen. Immer mehr Chinesen sehen ein, dass die Kinder nicht für Fehler ihrer Eltern bestraft werden dürfen. Die chinesischen Medien haben in den vergangenen Jahren oft über das Dorf und Oma Zhang berichtet. Sogar einige Popstars waren zu Besuch. Jedes Wochenende reisen Studenten aus Peking an und spielen mit den Kindern. Ein Rentner bietet Englisch-Kurse an. Ein Koch grillt mit den Kindern. Viele Pekinger wollen helfen.

Im Sonnendorf entsteht ein neues China. Aber immer mehr Menschen fragen auch im chinesischen Internet, warum Zhang Shuqin die Probleme lösen muss, vor denen der Staat die Augen verschließt. Dabei ist sie keine Oppositionelle, es geht ihr ausschließlich um das Wohl der Kinder. Sie ist auch nicht prinzipiell gegen die Todesstrafe. "Wir haben 1,3 Milliarden Menschen, wir brauchen eine strenge Erziehung und strenge Regeln", sagt sie. Die meisten Chinesen denken so.

Langsam begreifen auch die Justizbehörden, dass Häftlinge Menschen sind, die Toleranz wächst. Manchmal begleitet Zhang Shuqin ihre Kinder in den Todestrakt, um die Eltern ein letztes Mal zu besuchen. Oft weinen dann alle im Raum: die Gefangenen, die Kinder, die Wächter und Oma Zhang.

Info: Todesstrafe in China

2008 wurden laut Amnesty International in 25 Ländern weltweit mindestens 2.390 Menschen hingerichtet. Für über 70 Prozent dieser Tötungen ist die Volksrepublik China verantwortlich, 1.718 vollstreckte Todesurteile sind Amnesty bekannt. Da China sich jedoch seit Jahren weigert, Gründe und Häufigkeit der Exekutionen transparent zu machen, geht man von einer enormen Dunkelziffer von mehr als 6000 Fällen aus.

Mehr als 60 Delikte werden nach dem chinesischen Rechtssystem mit dem Tod bestraft; dazu gehören Körperverletzung und Mord ebenso wie Steuervergehen, Betrug, Sachbeschädigung und Diebstahl. Sogar Beleidigungen können in der Volksrepublik tödliche Konsequenzen haben.

Die Verurteilten sterben durch die Giftspritze oder werden, insbesondere in ländlichen Regionen, durch Genickschuss hingerichtet. Selbst Minderjährige wurden vom Obersten Volksgericht zum Tode verurteilt. Ein Großteil der chinesischen Bevölkerung befürwortet die Todesstrafe: Das Rechtssystem wird als Mittel des Staates verstanden, die wirtschaftlichen und sozialen Ansprüche der Gemeinschaft zu schützen - die Freiheitsrechte des Einzelnen sind diesem Ziel untergeordnet.

Text: Janis Vougioukas Fotos: Justin Jin Ein Artikel aus der BRIGITTE 15/09
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