"Es ist so einfach, einem Todeskandidaten eine Freude zu machen"

Bereichernd für beide Seiten: Die Organisation "Lifespark" vermittelt Brieffreundschaften mit zum Tode verurteilten Häftlingen in den USA.

Lifespark: Anna-Lena und Renaldo sind seit 5 Jahren Brieffreunde

Anna-Lena Gruenagel mit ihrem Brieffreund Renaldo, der mit 18 Jahren zum Tode verurteilt wurde

Obwohl in den USA die Todesstrafe zunehmend umstritten ist, können auch heute noch in 32 Bundesstaaten Menschen zum Tode verurteilt werden. Die Betroffenen sitzen im Durchschnitt 15 Jahre lang im Todestrakt, manche sogar doppelt so lang. Die meisten Häftlinge werden in Texas hingerichtet.

Was das bedeutet, davon weiß Anna-Lena Gruenagel zu berichten. Sie ist Vorstandsmitglied der Schweizer Organisation Lifespark, die Brieffreundschaften mit Todeskandidaten in den USA vermittelt. Die gemeinnützige Gesellschaft wurde 1993 von drei Frauen in Basel gegründet - und hat seitdem rund 1500 Brieffreundschaften initiiert.

BRIGITTE.de: Was bewegt Menschen dazu, eine Brieffreundschaft mit einem Todeskandidaten einzugehen?
Anna-Lena Gruenagel: Da ist vor allem der Gedanke, dass diese Menschen in Löchern sitzen und von der Gesellschaft vergessen werden. Und dass man ihnen mit einfachen Mitteln Freude bereiten und Abwechslung bringen kann – egal, was sie gemacht haben. Es ist wirklich erstaunlich, was Briefe bewirken können.

Wie sieht das Leben der Insassen aus?

Das kommt sehr auf den Bundesstaat an. Ich kann vor allem von sprechen, wo mein Brieffreund Renaldo im Todestrakt sitzt. Dort ist es ein oft tristes Dahinsiechen in Fünf-Quadratmeter-Zellen. Wer Glück hat, hat Gitterstäbe an der Tür, so dass er rausgucken kann. Die Gefangenen bekommen zwei Mal drei Stunden pro Woche Ausgang, dann können sie im Hof Sport treiben oder Karten spielen. Zwei Mal wöchentlich darf für fünf Minuten geduscht werden, jeder bekommt ein bis zwei Rollen Klopapier im Monat. Das alles hängt aber auch von der Willkür der Wärter ab.

Haben die Häftlinge sonst keine Beschäftigung?
In Florida dürfen die Gefangenen Fernseher, MP3-Player, drei Bücher und ein Zeitschriften-Abo haben, doch das müssen sie alles selbst kaufen. Und da sie nicht arbeiten dürfen und sich die meisten Familien von ihnen abwenden, haben viele gar nicht das Geld dafür.


Die Familien wenden sich ab?
In den ist es ein großes Stigma, jemandem im Todestrakt sitzen zu haben.


Profitieren beide Seiten von einer Brieffreundschaft?
Man darf nichts erwarten, man muss das als gute Tat sehen. Aber man bekommt eine unglaubliche Dankbarkeit zurück. Manche Insassen malen Bilder oder Karten, wenn sie das Talent und die Möglichkeit dazu haben. Renaldo schreibt mir immer wieder: „You make me a better person“. Das rührt mich sehr. Eine Brieffreundschaft mit einem zum Tode verurteilten Menschen ermöglicht es einem auch, zu sehen, was es auf der Welt alles gibt. Und da Woche für Woche ein Brief kommt, kann man nicht einfach wegschalten oder wegklicken wie bei den Nachrichten.


Erzählen Sie uns von Renaldo.
Renaldo ist 28 Jahre alt und sitzt seit zehn Jahren im Todestrakt. Er wurde mit 18 Jahren für den Mord an einer weißen Dame verurteilt. Er sagt, er sei unschuldig. Wir schreiben uns seit fünf Jahren.


Glauben Sie an seine Unschuld, oder ist das gar nicht wichtig?
Das ist eine schwierige Frage. Ich kenne mich juristisch zu wenig aus, um seinen Fall beurteilen zu können. Aber ich finde schon, dass es einige Unklarheiten gibt. Und er war bei seiner Verurteilung gerade mal 18 Jahre alt! Ich kann die Schuldfrage nicht mit Ja oder Nein beantworten, aber mittlerweile ist das auch nicht mehr wichtig für mich.


Wie finden die Brieffreunde zusammen?
Die Gefangenen bekommen keine Informationen vonseiten der Haftanstalt, sie erfahren nur durch Mundpropaganda von "Lifespark". Wenn sie Interesse an einer Brieffreundschaft haben, melden sie sich bei uns. Sie kommen dann auf eine Warteliste, die wir abarbeiten. Wer oben steht, kommt zuerst dran.

Man kann sich niemanden aussuchen?

Nein.


Gibt es auch nach der Vermittlung eine Betreuung durch "Lifespark"?
Unsere Mitglieder bekommen vorab viele Infos zur Vorbereitung. Und wir begleiten die Brieffreundschaft, sind da, wenn es Komplikationen gibt ...


Was könnte das sein?
Zum Beispiel, dass man von einem Gefangenen finanziell ausgenutzt wird. Oder wenn ein Brieffreund nicht mehr schreibt, versuchen wir herauszufinden, was passiert ist.


Wer sind die Menschen, die sich für eine Brieffreundschaft entscheiden?
Es sind mehr Frauen als Männer.


Wie erklären Sie sich das?
Ich glaube, dass Frauen sensibler und weltoffener sind. (lacht)


Bei einer schriftlichen Korrespondenz entsteht leicht ein trügerisches Gefühl von Nähe und Intimität. Sind auch schon Liebesbeziehungen entstanden?
Das ist schon vorgekommen. Es ist aber nicht unser Ziel.

Ist es üblich, dass Brieffreunde die Gefangenen besuchen?
Ja. Wenn ich die Zeit und das Geld habe, versuche ich, Renaldo einmal im Jahr zu besuchen.

Wie war Ihre erste Begegnung?
Sehr, sehr emotional! Vor allem, weil ich wusste, dass ich nachher diejenige bin, die rausgeht - und er bleiben muss. Alles andere während des sechsstündigen Besuchs war wunderschön, es war eine Bestätigung unserer damals eineinhalb Jahre währenden Freundschaft. Als ich im Gefängnis ankam, hatte ich Angst und war sehr aufgeregt, allein wegen der ungewohnten Umgebung. Doch Renaldo war unwahrscheinlich nett und hat mir sofort jede Angst genommen.


Diese Brieffreundschaften bringen komplett unterschiedliche Welten zusammen. Was macht das mit einem?
Sie öffnen einem die Augen für das eigene privilegierte Leben. Viele Häftlinge kommen aus zerrütteten Familien, oft spielten Drogen eine Rolle. Egal, was für einen schlechten Tag ich habe – wenn ich an Renaldo denke, habe ich immer noch einen super Tag!


Ist es nicht heikel, eine Freundschaft mit jemandem aufzubauen, der dem Tod ins Gesicht sieht?
Natürlich, aber ich denke, das ist es wert. Wenn es zur Hinrichtung kommt, sind wir auch für unsere Mitglieder da und bieten Unterstützung an. Zum Beispiel, indem wir zum Zeitpunkt der Hinrichtung mit der betroffenen Person telefonieren.


Wie sind Sie selbst zu "Lifespark" gekommen?
Ich wollte schon lange was Ehrenamtliches machen, und habe nach etwas gesucht, wo ich mir die Zeit selbst einteilen kann. Das gibt es natürlich nicht oft. Ich überlegte: Was kann ich gut? Ich erkannte, dass ich gut darin bin, Freundschaften zu halten, und ich mag auch die Idee des Briefeschreibens. Dann habe ich zufällig ein Interview über "Lifespark" gelesen. So hat sich alles wunderbar gefügt.

Info: Eine Mitgliedschaft bei "Lifespark" kostet 50 Euro pro Jahr. Kann ein Mitglied aus finanziellen Gründen nicht den gesamten Betrag aufbringen, kann er reduziert werden. Der Mitgliedsbeitrag wird an größere Organisationen, wie zum Beispiel die World Coalition Against the Death Penalty gespendet, und zur Veranstaltungsorganisation sowie zur Erstellung des Newsletters verwendet.

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