Amokläufe an Schulen: "Es gibt Warnzeichen"

Nach dem Schock über den Amoklauf in Newtown stellen sich viele Fragen. Was bringt junge Männer dazu, unschuldige Menschen zu erschießen? Wie können Amokläufe an Schulen verhindert werden? BRIGITTE.de sprach darüber mit dem Amok-Experten Peter Langman.

Die Trauernden in Newtown haben Kerzen und Kuscheltiere für die Opfer aufgestellt

Es ist ein Verbrechen, das fassungslos macht. Am 14. Dezember erschoss ein junger Mann in der amerikanischen Kleinstadt Newtown insgesamt 27 Menschen, die meisten davon waren kleine Kinder aus der Sandy-Hook-Grundschule. Vier Tage nach dem Verbrechen stehen die Bewohner der Stadt immer noch unter Schock. US-Präsident Barack Obama reiste nach Newtown und sprach, unter Tränen, den Angehörigen sein Mitgefühl aus. "Jetzt ist die Zeit zum Handeln gekommen", sagte Obama. Der Demokrat ist entschlossen, endlich die Waffengesetze in den USA zu verschärfen. Doch was kann darüber hinaus getan werden, um Amokläufe an Schulen künftig zu verhindern? Welche Gemeinsamkeiten haben die Täter vergangener Amokläufe und wie kann man sie erkennen? BRIGITTE.de-Redakteurin Michèle Rothenberg sprach darüber mit dem US-Psychologen Peter Langman, der seit 20 Jahren Amokläufe jugendlicher Täter erforscht.

Peter Langman ist Autor des Buches "Amok im Kopf. Warum Schüler töten" und leitet die psychologische Abteilung von KidsPeace, einer US-Hilfsorganisation für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche.

BRIGITTE.de: Jeder fragt sich nach einem Amoklauf, warum ein junger Mensch so etwas tut. Oft gelten Mobbing, Frust und Komplexe als mögliche Motive für das Verbrechen. Warum glauben Sie, dass diese Gründe nicht ausreichen für einen Massenmord?

Peter Langman: Erstens ist es ja so, dass fast alle Menschen in ihrer Jugend irgendeine Form von schlechter Behandlung erfahren. Manche Jugendlichen werden jahrelang gemobbt oder sogar missbraucht. Gleichzeitig gibt es nur sehr wenige, die zu Massenmördern werden. Das deutet darauf hin, dass noch mehr Faktoren eine Rolle spielen müssen als Spott und Unterdrückung. Zweitens gab es bei allen Amokläufern, deren Persönlichkeiten ich studiert habe, klare Anzeichen für psychologische Probleme. Zwar wurden manche von ihnen auch gehänselt, doch das allein machte sie nicht zu Mördern.

BRIGITTE.de: Sie teilen die Fälle, die Sie untersucht haben, in psychopathische, psychotische und traumatisierte Täter ein. Welche Gemeinsamkeiten haben die verschieden Tätergruppen?

Peter Langman: Es gibt ein paar Dinge, zu denen alle drei Typen tendieren. Zum einen waren alle Attentäter voller Wut - und diese Wut trieb sie zu den Morden an. Viele von ihnen hatten auch eine Neigung zu Depressionen, einige quälten sich so sehr, dass sie an Selbstmord dachten. Die Kombination aus mörderischer Wut und Todessehnsucht ist besonders gefährlich. Außerdem fehlte es fast allen Tätern an der Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Dieser Empathie-Mangel kann chronisch sein oder nur vorübergehend, je nach Täter-Typus.

BRIGITTE.de: Nun gab es ja schon immer psychisch kranke Kinder auf der Welt - Amokläufe an Schulen tauchen jedoch erst seit den 90er Jahren verstärkt auf. Wie erklären Sie sich das?

Peter Langman: Tatsächlich gab es in den USA auch schon viel früher gelegentlich Attentate an Schulen. Bemerkenswert an den 90er Jahren ist, dass in einer kurzen Zeitspanne plötzlich sehr viele Amokläufe auftraten. Warum das so ist, wissen wir nicht genau. Aber ein Faktor könnte die starke mediale Aufmerksamkeit sein. Die vielen Medienberichte könnten dazu geführt haben, dass gefährdete Jugendliche die Amokläufer nachahmten, und so kam es zu dieser Serie von Attentaten.

BRIGITTE.de: Ist es Ihrer Ansicht nach überhaupt möglich, potenzielle Amokläufer frühzeitig zu erkennen?

Peter Langman: Es gibt Warnzeichen: Wenn sich jemand Waffen besorgt; schießen übt; erzählt, dass er sich Bauanleitungen für Bomben beschafft; wenn er Freunde warnt, dass sie sich an einem bestimmten Tag von der Schule fern halten sollen; manche Amokläufer haben vor ihrer Tat im Internet Fotos oder Videos veröffentlicht, die sie mit Waffen zeigten - all das muss ernst genommen werden. Schüler und Lehrer müssen diese Zeichen erkennen können, und wir brauchen Anlaufstellen, an die sich die Menschen mit ihren Sorgen und Vermutungen wenden können. Die Schüler kriegen am ehesten mit, wenn sich ein solches Verbrechen anbahnt. In den USA wurden Amokläufe meistens deshalb verhindert, weil sich Mitschüler Erwachsenen anvertrauten.

BRIGITTE.de: Erzeugt man so nicht Angst und Misstrauen an den Schulen, wenn man dazu aufruft, das Verhalten der Mitschüler zu beobachten?

Peter Langman: Ich glaube eher, dass sich die Menschen dadurch sicherer fühlen. So ein Frühwarnsystem an Schulen soll ja nicht nur drohende Amokläufe aufdecken, sondern auch vor jeder anderen Form von Gewalt schützen - und das wird hoffentlich dazu führen, dass Schüler und Lehrer weniger Angst haben. Persönliche Motive sollten in der Aufklärung an der Schule gar keine Rolle spielen. Die Jugendlichen sollen ihre Mitschüler nicht psychologisch analysieren, sondern nur auf konkrete Anzeichen für die Vorbereitung eines Amoklaufs achten.

BRIGITTE.de: Sie sprechen sich ausdrücklich dagegen aus, verdächtige Jugendliche zu bestrafen, etwa wenn sie Waffen in die Schule mitbringen. Warum?

Peter Langman: Einen Jugendlichen von der Schule zu werfen, verhindert noch lange kein Verbrechen. Die Bestrafung kann vielmehr dazu führen, dass sich der Schüler noch isolierter und wütender fühlt. Es kam schon vor, dass Schüler nach einem Schulverweis mit Waffen zurückkehrten und Menschen erschossen. Abgesehen davon hat er durch den Verweis mehr Zeit, unbeaufsichtigt Pläne zu schmieden. Wir brauchen darum an den Schulen ausgebildetes Personal, das in der Lage ist, die Bedrohung einzuschätzen und den Jugendlichen entsprechend zu betreuen.

"Amok im Kopf. Warum Schüler töten", 334 S., 19,95 €, Beltz

BRIGITTE.de: Sie schreiben in Ihrem Buch "Amok im Kopf", die Amokläufer befanden sich alle in tiefen psychologischen Krisen, doch keiner habe ihnen geholfen.

Peter Langman: Die Täter verstanden es oft sehr gut, ihre Probleme zu verbergen. Einige hatten sogar Kontakt zu Psychologen, und trotzdem zeigten sie nicht das volle Ausmaß ihrer Wut, ihrer Depressionen und ihrer psychotischen Symptome. In anderen Fällen war den Eltern zwar bewusst, dass ihre Kinder litten, aber sie erkannten die Probleme nicht als Anzeichen für eine psychische Erkrankung. Eine bessere Aufklärung über psychische Störungen würde sicher dazu beitragen, dass die Betroffenen richtig behandelt werden - und zwar, bevor sie den Höhepunkt der Krise erreichen.

BRIGITTE.de: Ein Problem bei einer Therapie sind sicherlich die Eltern. Keine Mutter hört gern, dass ihr Kind ein potenzieller Massenmörder ist.

Peter Langman: Das ist in der Tat schwierig. Vergleiche mit früheren Amokläufen können helfen, um Eltern die Gefahr bewusst zu machen. Wichtig ist zudem, dass man die Sicherheit betont. Sicherheit für das Kind, für die Familie und die Menschen in der Umgebung. Ein Amoklauf endet in der Regel damit, dass der Täter stirbt oder lebenslang ins Gefängnis muss. Darum ist es im Interesse aller, jedes noch so kleine Anzeichen ernst zu nehmen und den Jugendlichen gut zu behandeln.

BRIGITTE.de: Warum sind es fast immer junge Männer, die Amokläufe begehen?

Peter Langman: Niemand weiß genau, ob das biologische oder kulturelle Ursachen hat - oder ob eine Kombination aus beidem dazu führt. Eine Theorie ist, dass Jungen über Filme, Fernsehen, Bücher oder Videospiele immer wieder mit Vorbildern konfrontiert werden, die ihren Status durch Gewalt aufwerten. Den Jungs wird also die Botschaft vermittelt, dass Gewalt mächtiger und männlicher macht. Wenn man sich hilflos und minderwertig fühlt, sind solche Figuren besonders reizvoll. Die beiden Attentäter von der Columbine High School waren zum Beispiel fasziniert von Adolf Hitler oder dem Massenmörder Charles Manson. Ein weiterer Grund könnte sein, dass Jungen in emotionalen Krisen seltener professionelle Hilfe suchen als Mädchen. Und wenn das Leid dann zu groß wird, suchen sie ihr Ventil eher in der Gewalt.

BRIGITTE.de: In Deutschland gab es vor einigen Jahren erstmals eine Schülerin, die einen Amoklauf an ihrer Schule plante. Ist das eine Ausnahme oder glauben Sie, dass Mädchen künftig öfter zu Tätern werden könnten?

Peter Langman: Das ist durchaus möglich, aber es gibt keine konkreten Belege dafür. Auch in den USA gab es von Mädchen geplante Attentate, die verhindert wurden, und ich habe selbst Mädchen therapiert, die potenzielle Amokläuferinnen waren. Aber das deutet nicht unbedingt auf einen neuen Trend hin. So gab es schon im Jahr 1979 einen Amoklauf in Kalifornien, bei dem ein Mädchens namens Brenda Spencer mehrere Menschen in ihrer Schule erschossen hat.

BRIGITTE.de: Einen Trend gibt es aber doch bezüglich der Opfer: Viele Amokläufer zielten in der Vergangenheit auffällig oft auf Mädchen. Welche Rolle spielt sexuelle Frustration bei den Motiven?

Peter Langman: Auch das kann man nicht verallgemeinern, aber bei einigen Amokläufen war sexuelle Frustration tatsächlich ein Motiv. Nehmen wir zum Beispiel Luke Woodham, der 1997 an seiner Schule zwei Menschen tötete: Sein erstes Opfer war seine Ex-Freundin, die ihn exakt ein Jahr zuvor verlassen hatte. Ein Amokläufer aus Kanada, Marc Lepine, schoss gezielt auf Frauen aus seinem College. Er gab an, dass er Feministinnen hasse und wütend sei auf all die Frauen, die ihm in seinem Leben Probleme bereitet hatten. In anderen Fällen zielten die Täter zwar nicht direkt auf Mädchen. Doch ein Grund für ihre Wut war ihre Unfähigkeit, ernsthafte Beziehungen zu Mädchen aufzubauen.

Hinweis: Das Interview mit Peter Langman wurde bereits 2009 geführt. Da es jedoch - leider - nichts an Aktualität eingebüßt hat, haben wir es zu Ihrer Information erneut veröffentlicht.

Amok-Verdacht: Ein Warnsystem für deutsche Schulen

Die Frage, wie sich Amokläufe verhindern lassen, beschäftigt auch deutsche Wissenschaftler. 2010 startete an der FU Berlin das bundesweit einmalige Projekt "Network Against School Shootings". Ziel der Forscher ist es, Lehrer in die Früherkennung einzubeziehen. Denn diese beobachteten oft verdächtiges Verhalten bei den Schülern, behielten das aber für sich. An zunächst 120 Schulen in Deutschland sollen Lehrer darum lernen, diese Signale richtig zu deuten und darauf zu reagieren. An jeder Schule soll es zudem einen Beauftragten geben, der die Infos zu den Schülern sammelt und sich mit Hilfe von Psychologen ein Bild machen kann, wie groß die Gefahr wirklich ist. Seit 2011 gibt es in Berlin auch eine Hotline, über die Lehrer ihre Beobachtungen mitteilen können und sich beraten lassen können (Tel: (030) 61 00 62). In den USA haben Schulen bereits gute Erfahrungen mit solchen Netzwerken gemacht: In vielen Fällen konnte die Gewalt gesenkt werden.

Foto: iStockphoto.com

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