VG-Wort Pixel

Trans-Sein Ist das nur ein Hype?

Trans-Sein: Regenbogenflagge
© Safi / Adobe Stock
Immer mehr Kinder und Jugendliche lehnen ihr Geburtsgeschlecht ab. Woran das liegt und wie man damit umgeht, wird gerade heftig diskutiert. Zwei Expertinnen über ihre täglichen Erfahrungen.

Dass sich etwas grundlegend verändert hat im Umgang mit dem Thema Geschlechtsidentität, merkt die Psychologin Saskia Fahrenkrug bei fast jeder Beratung. Seit zwölf Jahren leitet sie die Spezialambulanz für Geschlechtsdysphorie an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf, zu ihr kommen also Kinder und Jugendliche, die das Geschlecht, mit dem sie geboren sind, ablehnen. Deren Eltern, erzählt Saskia Fahrenkrug, hätten früher meist tief erschüttert und traurig gewirkt, heute könne ihnen die Veränderung oft nicht schnell genug gehen. "Als müsste man etwa bei biologischen Mädchen sofort und maximal alles Weibliche eliminieren."

Immer mehr entschlossene Jugendliche

Ob das Thema Transgeschlechtlichkeit ein Hype ist oder tatsächlich ein für viele Menschen lebensentscheidendes, dazu gibt es viele Meinungen. Der Trend aber ist eindeutig. Saskia Fahrenkrug erlebt immer wieder, dass die Entschlossenheit, mit der Jugendliche ihr Geschlecht hinterfragen und zügig eine Anpassung wollen, zunimmt. "Oft sind sie mit einer ganz klaren Vorstellung hier, möchten diese und jene Maßnahme und denken, dann sei alles besser", erzählt sie.

Sie bietet ihnen dann erst mal an innezuhalten: "Es ist immens wichtig, gemeinsam herauszufinden, ob sich die Sicht auf sich selbst vielleicht auch jenseits von Hormonen und chirurgischen Eingriffen erweitern oder differenzieren lässt." Manchmal führt das zu einem Umdenken und das ist einer der Gründe dafür, dass, obwohl immer mehr in die Hamburger Ambulanz kommen, nur 20 Prozent diese – teilweise irreversiblen – körpermedizinischen Maßnahmen erhalten. Früher lag der Anteil doppelt so hoch.

Ein Nachahmeffekt?

Der Münchner Kinder- und Jugendpsychiater Alexander Korte spricht tatsächlich von einem "Transhype" und macht dafür die Medien verantwortlich. Sowohl in den sozialen als auch den klassischen sei das Thema dauerpräsent, ein Nachahmeffekt wahrscheinlich. Aber auch linke politische Strömungen nähmen Einfluss, so Korte im "Tagesspiegel", weil sie das biologische Geschlecht als Frage von Haltung und Entscheidung betrachteten. Alice Schwarzer, die mit der "Emma"-Journalistin Chantal Louis die Streitschrift "Transsexualität. Was ist eine Frau? Was ist ein Mann?" veröffentlicht hat, spricht sogar von einem Massenphänomen, einer regelrechten Mode, als würden Jugendliche leichtfertig ihr Geschlecht wechseln, weil ihnen nach einem neuen Look ist oder die Freundin das gerade auch macht.

Saskia Fahrenkrug findet diese Sichtweise platt:

Begriffe wie Hype oder Mode werden dem Phänomen nicht gerecht. Natürlich gibt es mehr Sichtbarkeit. Die macht es handhabbarer und baut Ängste ab, aber sie erklärt nicht die identifikatorischen Vorgänge der Jugendlichen.

Im Fokus der Diskussion stehen vor allem Mädchen, denn ihr Anteil ist höher – in Hamburg sind es 60 Prozent. Vermutlich weil für sie der Beginn der Pubertät insgesamt problematischer ist. "Die Verunsicherung ist groß, die Periode etwa löst bei vielen Aversionen aus", sagt Fahrenkrug. Aber auch sie sieht bei den sozialen Medien eine Mitverantwortung. "Sie verschärfen den Druck. Es gibt weibliche Jugendliche, die scheinbar gar nicht erst versuchen, eine eigene Vorstellung von Weiblichkeit zu entwickeln."

Sabine Maur, Mainzer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin mit Schwerpunkt Geschlechtsdysphorie, nennt noch einen Grund: "Transmädchen, also Zuweisungsgeschlecht männlich, die sich als Mädchen fühlen, werden viel weniger toleriert. Sie erfahren deutlich mehr Ablehnung, vor allem von Gleichaltrigen, aber auch in Familien, wenn diese sehr konservativ oder patriarchal geprägt sind."

Neue Trans-Entwicklungen

Neu ist, dass sich immer mehr Jugendliche im nonbinären oder queeren Bereich verorten, also zum Beispiel ihr biologisches Geschlecht nur teilweise ablehnen und als sogenannte Demiboys leben. Ein weiterer Grund für den gesunkenen Anteil derjenigen, die Hormone oder später angleichende Operationen bekommen.

Dass nicht mehr nur die "klassischen Trans-Entwicklungen" kämen, mache ihre Arbeit komplizierter, sagt Saskia Fahrenkrug, "aber alles sind Entwicklungen mit ganz viel Leidensdruck und über mehrere Jahre hinweg, selbst wenn es für das Umfeld manchmal so wirkt, als käme das Outing von einem Tag auf den anderen." Auch deshalb sei ein differenzierendes, behutsames Vorgehen, besonders wenn es um medizinische Maßnahmen geht, wichtig. "Unsere Aufgabe ist es, weder zu blockieren noch zu fördern. Ich sitze hier nicht mit der Lupe und versuche zu beweisen, dass jemand nicht trans ist."

Gibt es einen Weg zurück?

Und was ist mit Jugendlichen, die später erkennen, dass die Anpassung doch nicht richtig war, und von denen man immer öfter in den Medien liest? In Hamburg zeichnet sich das Phänomen derzeit nicht ab. Zwar geht Saskia Fahrenkrug von einer Dunkelziffer aus, aber bekannt sind dort bei gut 1550 Fällen bis jetzt nur zwei sogenannte Detransitionen: Eine betraf eine junge Frau, die die männlichen Hormone wieder absetzte, die andere einen biologisch männlichen Teenager, der sich zusätzlich zur Hormonbehandlung mit Erreichen der Volljährigkeit auch hat operieren lassen, aber inzwischen wieder als Mann lebt. Fahrenkrug, die so etwas natürlich nach Möglichkeit verhindern möchte, hält es für realistisch, dass es in Zukunft mehr Rückwechsler geben wird. Denn nicht alle Jugendlichen lassen sich auf das differenzierende, behutsame Vorgehen ein.

"Sie besorgen sich die Hormone dann im Internet", sagt Sabine Maur. "Das können wir leider nicht verhindern. Umso wichtiger ist es, die Gesundheitsversorgung zu verbessern, sodass sich die Wartezeiten auf einen Therapieplatz verkürzen und es mehr Beratungsstellen gibt."

Hürden sollen minimiert werden

Bisher müssen Menschen, um den amtlichen Eintrag "Frau" oder "Mann" zu ändern, ein zermürbendes und langwieriges Gutachterverfahren durchlaufen. Die Ampelkoalition möchte dies vereinfachen, doch daran gibt es auch Kritik, vor allem wenn es um Minderjährige geht. "Dabei haben wir die Personenstandsänderung durch Selbsterklärung längst in zehn europäischen Ländern – und zwar ohne Probleme“, sagt Sabine Maur. Schreckensszenarien, dass sich bald 15-Jährige ohne Zustimmung der Eltern operieren lassen, hält sie für Quatsch und eine Scheindebatte, um das geplante Selbstbestimmungsgesetz zu verhindern: "Schon heute gäbe es über das Familiengericht die Möglichkeit, eine Behandlung auch gegen der Willen der Eltern erlauben zu lassen. Aber in der Realität wird in Deutschland so gut wie nie vor der Volljährigkeit operiert. Davor liegen viele andere Schritte, die Jahre brauchen, und natürlich wird jede Behandlerin darauf hinwirken, die Eltern mit ins Boot zu holen."

Gesellschaft braucht Vielfalt

Beide Expertinnen wünschen sich mehr Gelassenheit im Umgang mit dem Thema. Dass die Eltern inzwischen so viel Druck ausüben, wirkt auf Saskia Fahrenkrug manchmal wie der Versuch einer Wiedergutmachung, "weil sie sich Vorwürfe machen, die Entwicklung ihres Kindes zu lange übersehen zu haben. Wir haben jede Woche dramatische Anrufe von Eltern, deren Kind drei Tage vorher die Vermutung geäußert hat, trans zu sein, und die Druck machen, es müsste nächste Woche sofort etwas passieren." Sie rät, sich lieber in Ruhe zusammenzusetzen und, indem man darüber redet, "erst mal einen Prozess entstehen zu lassen. Denn natürlich dürfen Eltern noch selbst denken oder Dinge hinterfragen."

Aber auch die öffentliche Debatte brauche mehr Besonnenheit. "Oft ist sie nicht faktenbasiert und wird mit ideologischen Dingen vermischt", so Sabine Maur. "Für Transmenschen und ihre Familien ist das unglaublich belastend. Eigentlich sind wir in der Realität doch schon viel weiter: Wir haben mehr Unterstützung, zum Beispiel in den Schulen, es gibt mehr Hilfsangebote und insgesamt mehr Akzeptanz."

Brigitte

Mehr zum Thema