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Tschetschenien: Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa ermordet


Erneut ist eine russische Menschenrechtlerin ermordet worden. Wie ihre Freundin Anna Politkowskaja, die 2006 erschossen wurde, hatte sie regelmäßig die pro-russische Regierung in Tschetschenien kritisiert.

Offiziell läuft in Tschetschenien alles super. Im April hob Russland den Anti-Terror-Status für die Teilrepublik auf. Nach 15 Jahren Krieg sei nun endlich der Frieden im Land eingezogen, verkündete der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow. Die tschetschenischen Rebellen-Gruppen seien unter Kontrolle, die russischen Truppen würden bald abziehen.

Doch diese Woche zeigte sich wieder einmal, dass es im Kaukasus lange nicht so friedlich zugeht, wie von der pro-russischen Regierung gern behauptet wird. Am Mittwoch wurde die Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa ermordet aufgefunden. Sie war am Mittwochmorgen vor ihrem Haus in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny entführt worden. Wenig später fand man ihre Leiche mit Kopf- und Brustschüssen in einem Straßengraben in Inguschetien, einer Nachbarrepubik Tschetscheniens.

Ein politischer Mord?

Alles deutet darauf hin. Die 50-jährige Journalistin arbeitete seit vielen Jahren für die russische Menschenrechtsorganisation Memorial in Tschetschenien. Sie schrieb regelmäßig für die regierungskritische Zeitung "Nowaja Gaseta" und hatte eng mit der Reporterin Anna Politkowskaja und dem Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow zusammengearbeitet. Beide Aktivisten mussten für ihr Engagement sterben: Anna Politkowskaja war 2006 in Moskau erschossen worden, Markelow wurde Anfang des Jahres zusammen mit einer jungen Journalistin auf offener Straße hingerichtet. Bis heute sind ihre Mörder auf freiem Fuß.

Wie ihre Freundin Politkowskaja hatte auch Estemirowa immer wieder die desolate Menschenrechtslage in Tschetschenien angeprangert. Die Tochter russisch-tschetschenischer Eltern reiste regelmäßig nach Moskau, um über Entführungen von Zivilisten durch tschetschenische oder russische Soldaten aufzuklären und Bilder zu Zerstörungen und Morden zu veröffentlichen. Für ihre Arbeit erhielt sie mehrere Preise, darunter den ersten Anna-Politkowskaja-Preis im Jahr 2007.

Auch die zunehmende Diskriminierung von Frauen in Tschetschenien lag ihr am Herzen. Immer wieder werden in der Kaukasus-Republik Ehefrauen gelyncht, weil sie sich angeblich "unmoralisch" und "unsittsam" verhalten hätten. Verurteilt werden die Mörder in den seltensten Fällen. Und Kritik ist nicht erwünscht: Nachdem sich Estemirowa im Fernsehen gegen den Kopftuchzwang ausgesprochen hatte, warf sie der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow aus dem Gesellschaftlichen Rat für die Menschen- und Freiheitsrechte.

Zuletzt hatte Estemirowa die Ermordung eines Zivilsten in einem tschetschenischen Dorf publik gemacht - Sicherheitskräfte hatten ihn für einen Rebellen gehalten. Ihre Kollegen von Memorial vermuten, dass diese unbequemen Nachforschungen der Grund für ihre Tod sein könnten. Schon öfter hatte Estemirowa Drohungen erhalten, auch von Staatsorganen. Die Memorial-Mitarbeiter fürchten nun ebenfalls um ihr Leben. "Natascha ist ihrer gesellschaftlichen Tätigkeit sehr sichtbar nachgegangen. Wenn ihr etwas passieren kann, dann kann uns allen etwas passieren", so Alexander Tscherkassow von Memorial.

Der russische Präsident Medwedew, der sich heute in München mit Bundeskanzlerin Angela Merkel trifft, sei laut Kreml empört über die Ermordung und habe sofort eine Untersuchung angeordnet. Auch die EU verurteilte die "brutale Tat" und kritisierte zugleich das Verhalten Russlands: "Wie viele getötete Natalja Estemirowas und Anna Politkowskajas sind noch nötig, bevor die russischen Behörden endlich diejenigen beschützen, die für Menschenrechte kämpfen", sagte der Generalsekretär des Europarats, Terry Davis.

Hoffen wir, dass Angela Merkel in ihren Gesprächen mit Medwedew ähnlich deutliche Worte findet.

Text: Michèle Rothenberg

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