TV-Duell: Konnten Merkel und Steinmeier überzeugen?

Inszeniert wurde es als Höhepunkt eines bislang spannungsarmen Wahlkampfs. Wie gut schlugen sich Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier in ihrem einzigen TV-Duell? Fünf Meinungen aus der BRIGITTE-Redaktion.

"So kriegt Ihr meine Stimme nicht"

Ich weiß immer noch nicht, wen ich wählen soll. Frau Merkel, Herr Steinmeier, überrascht mich doch einfach mal! Schon vorab die erste Hochrechnung in der ARD: 64 % der Befragten glauben, dass Angela Merkel das Duell gewinnt, verkündet Jörg Schönenborn und liefert den Versprecher des Abends: "Die Favoritenrolle ist klar verteilt!" Aha ...

20.30 Uhr: Auftritt der Duellanten. Die Themen werden abgespult: Atomkraft, Arbeit, Soziales, Mindestlohn, Opel. Die Journalisten fragen, die Politiker antworten nicht. Wie üblich - gähn. Dann doch was Überraschendes: Bild- und Tonausfall in der ARD. Nur kurz, dann geht's weiter, mit Merkels Abendessen für Deutsche-Bank-Chef Ackermann.

21.30 Uhr: Gesundheit und Ulla Schmidts Dienstwagenaffäre.

21.40 Uhr: Afghanistan. Ich schaue auf die Uhr.

21.50 Uhr: Doch noch eine Überraschung, mein Mann sagt "Ich glaub' ich wähl den Westerwelle. Der ist wenigstens ehrlich schwul."

Fazit: Von Duell keine Rede, nee, Steinmerkel, so kriegt Ihr meine Stimme nicht.

Susanne Gerlach, Redakteurin Ressort Gesundheit, Diät, Fitness

"Wo bleibt das Feuer?"

Riesig sind meine Erwartungen nicht. Aber durch das ganze Countdown-Gedöns der Sender bin ich schließlich doch etwas gespannt. Drehen Merkel und Steinmeier endlich ein bisschen auf? Wird Merkel ihrer Favoritenrolle gerecht? Dann geht's los, und was machen die beiden: Klopfen sich erstmal auf die Schulter. Oje. Das denken sich auch die Moderatoren, die nun anfangen zu sticheln. Hier die erste Überraschung: Merkel lässt sich reizen. Statt wie sonst mit Charme die Angriffe zu parieren, wird sie pampig ("Nun lassen Sie mich doch auch mal ausreden"). Steinmeier gelingt der Dialog mit den Moderatoren besser, er ist auch mal selbstironisch, und bringt ruhig seine Argumente vor. Überhaupt kommt er verständlicher rüber als die Kanzlerin. Die Wortwahl ist griffiger ("Krümmel, das Aus- und Abschaltmonster"), die Sätze sind kurz und einprägsam ("Mit Schwarz-Gelb wäre Opel mausetot") und vor allem: Er spielt stärker die emotionale Saite: Er ist "besorgt", er ist "froh", er will "neue Werte". Merkel wirkt über weite Strecken sehr distanziert. Der Mensch bleibt hinter der Sachlichkeit verborgen. Erst in der zweiten Hälfte wird sie sicherer. Es geht um Wirtschaft, das kann sie. Sie schafft es auch noch, im Schlussplädoyer das wichtige Stichwort "Familie" einzubringen - ein Thema, das leider vollkommen ausgespart wurde in der Diskussion. Steinmeier hingegen wackelt, als die Moderatoren auf Umfragewerten und Ulla Schmidt herumhacken. Ob der SPD-Mann seine Schäfchen wirklich so gut im Griff hat wie Merkel? Hier büßt er an Sympathiepunkten ein, bleibt aber für mich trotzdem der Überzeugendere. Und dann ist die Sendung vorbei, ich atme erstmal durch und denke: Na, die sind sicher froh, dass das nun hinter ihnen liegt. Und bin es insgeheim selbst. Im Grunde ist das das traurigste Fazit des Abends: Politik als Pflichtveranstaltung. Ich bin kein Fan des amerikanischen Show-Wahlkampfs, aber etwas mehr Feuer wünsche ich mir schon. Immerhin bin ich ein Wähler, meine Stimme zählt, das Land versinkt in Depressionen - wo bleibt die Aufbruchstimmung? Reißt mich mit! Das fehlte mir von beiden Seiten. Was hängen blieb, war kein "Yes we can". Sondern mehr ein: Muss ja irgendwie. Mal sehen, wie viele Menschen sich davon am 27. September mobilisieren lassen.

Michèle Rothenberg, Online-Redakteurin Ressort Zeitgeschehen

"Ich langweilte mich keine Minute"

Silke Baumgarten

Ein Sonntag ohne "Tatort" ist für mich so dröge wie eine Fete ohne Musik. Entsprechend gelaunt hockte ich mich vor die Glotze. Was kann schon dabei raus kommen, wenn sich zwei, die eine passable Politik-Ehe führen, plötzlich 90 Minuten lang streiten sollen?

Strickzeug, Bügelwäsche und Nagelfeile lagen bereit - nichts kam zum Einsatz, ich langweilte mich keine Minute. Erstaunlich, wie beide, ohne die Erfolge der großen Koalition herunter zu spielen, Unterschiede markieren konnten. Steinmeier punktete frisch, locker, und angriffslustig. Woher nimmt er dieses Selbstbewusstsein? Stark. Merkel in der ersten Halbzeit defensiv bis leicht zickig, das Mehrfache "Lassen Sie mich den Satz doch zu Ende führen" kam nicht gut. Aber dann holte sie auf, wurde lockerer und zückte ihren größter Trumpf: das Schreckgespenst einer Rot-Roten Zusammenarbeit für Berlin und ihr geschicktes Ausspielen Rot-Gelber-Fantasien.

Am Ende aber blieb der Eindruck: Eigentlich lieben sie sich doch. Und würden nicht sonderlich leiden, wenn sie weiterhin ein Team bilden müssten. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist gestiegen.

Silke Baumgarten, Redakteurin Ressort Zeitgeschehen

"Mehr Gefühle, bitte"

Inga Leister

Jedes Spiel hat seine Regeln. Im Tatort gibt es in den ersten fünf Minuten einen Toten, der Ball ist rund, Politiker tragen gedeckte Farben und benutzen gedeckte Worte.

Angela Merkel sagt "Wachstum schafft Arbeit" - ich habe Angst, meinen Job zu verlieren. Ich fürchte, dass ich in vierzig Jahren ohne Rente auskommen muss, Frank-Walter Steinmeier spricht vom "Neustart der sozialen Marktwirtschaft". Würde mein Kind einen Kita-Platz bekommen, wenn ich eins kriege? "Wachstumskräfte", "Steuerproblem", "Schuldenbremse".

Wer hat eigentlich Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier verboten zu sagen: Davor habe ich Angst? Oder: Das wünsche ich mir von ganzem Herzen? Ich würde viel lieber solchen Sätzen glauben als Phrasen und Prognosen. Gefühle können Gedanken nicht ersetzen, aber ohne sie fehlt Leben.

Spielregeln lassen sich nicht so einfach ändern, sie haben ihren Sinn. Aber gute Spielregeln lassen Ausnahmen zu: Wenn beim Fußball das Siegtor in der 92 Minute fällt oder im Tatort der Mörder nicht in den Knast kommt. Ich hätte mir für das TV- Duell solche Momente gewünscht, in dem die Regeln für einen Augenblick außer Kraft gesetzt sind und ein bisschen mehr Leben durchscheint.

Inga Leister, Online-Redakteurin Ressort Zeitgeschehen

"Plasberg ist der wahre Gewinner"

In weniger als zwei Wochen muss ich meine Stimme abgeben. Meine Stimme für eine Partei, von der ich in den kommenden vier Jahren regiert werden will. Bislang war ich unentschlossen. Jetzt weiß ich, ich würde Frank wählen. Frank Plasberg. Tatsächlich spielte sich das Duell zwischen den Politikern auf der einen, und den Moderatoren auf der anderen Seite ab. Wobei Illner, Klöppel und auch Limbourg zeitweise zu Statisten degradiert wurden. Der "hart aber fair"-Moderator Plasberg ging wie gewohnt nach vorne, unterbrach und verlangte Antworten auf seine Fragen. Auch wenn Frau Merkel diese partout nicht beantworten wollte: "Ich beantworte Fragen so, wie ich es mir vorgenommen habe." Klasse, das versuche ich beim nächsten Gespräch mit dem Chef auch.

Catharina Swantje Muuß, Mitarbeiterin Ressort Zeitgeschehen

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Foto: RTL
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