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Überraschend? Diese Eigenschaft ist bei Frauen deutlich besser ausgeprägt als bei Männern

Eine Frau hält eine Brille mit Herzen in den Vordergrund
© Polonio Video / Adobe Stock
Sich in andere einzufühlen und das Erlebte quasi an eigener Haut zu spüren, ist eine Fähigkeit, die sich der ein oder andere Mensch vielleicht wünscht. Empathie oder auch Einfühlungsvermögen ist laut einer neuen Studie vor allem Frauen vorbehalten – was für eine Überraschung.

Frauen können sich besser in andere Menschen einfühlen als Männer, die schon lange verbreitete Annahme bestätigte jetzt eine Studie, die im Fachblatt PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences) erschien. Die Studie sei die größte ihrer Art. Die Forscher:innen der University of Cambridge befassten sich mit einer bestimmten Form der Empathie – wissenschaftlich wird es etwa als "Theory of Mind" bezeichnet oder als "kognitive Empathie".

Empathie ist die Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen

Die heutige Bedeutung des Wortes Empathie hat mit dem spätgriechischen Ursprung "empátheia" – was so viel wie "Leidenschaft" bedeutet – nicht mehr viel gemein. Der Begriff im heutigen Sinn wurde durch zwei Psychologen geprägt: dem deutschen Theodor Lipps und seinem britischen Kollegen Edward Bradford Titchener. Lipps Untersuchungen zum Einfühlungsvermögen ergaben "ein inneres Mitmachen, eine imaginierte Nachahmung des Erlebens des Anderen", so "Psychologie Heute". Titchener übersetzte Einfühlung später mit "empathy". Empathiefähigkeit ist demnach gleichbedeutend mit Einfühlungsvermögen.

Bei der Studie im Fachblatt PNAS wurde der Fokus auf die kognitive Empathie gelegt. Grundlegend unterteilt die Wissenschaft Empathie in drei Bereiche: die emotionale, die soziale und die kognitive Empathie. Die emotionale – oder auch affektive – Empathie entspricht dem klassischen Bild des Einfühlungsvermögens. Es handelt sich um die Fähigkeit, die Emotionen anderer Menschen nachzufühlen. Menschen reproduzieren Gefühle so weit, dass sie sie selbst verstehen. Beispielsweise kommen einem die Tränen, wenn man eine Mutter um ihr Kind trauern sieht.

Kognitive Empathie ist die Fähigkeit, sich verstandesmäßig in andere einzufühlen

Kognitive Empathie bedeutet, dass sich Menschen verstandesmäßig in eine andere Person einfühlen. Sie wissen, was diese Person fühlt, ohne die Gefühle selbst zu teilen. Beispielsweise steht eine Pastorin einem Gemeindemitglied bei, deren Angehörige verstorben ist, dafür muss sie aber nicht selbst mittrauern. Sie muss aber verstehen, wie es den Hinterbliebenen geht, so "Psychologie Heute". Anstatt die Emotionen zu fühlen, wird eine Situation rational betrachtet. Es ist quasi ein gedanklicher Perspektivwechsel. Die "Theory of Mind" ist also das Vermögen zu erkennen, was sich im Kopf eines anderen Lebewesens abspielt.

Die soziale Empathie ist nicht im klassischen Sinne eine dritte Spielart neben der emotionalen und kognitiven. Der von Elisabeth Segal, Professorin an der Arizona State University, geprägte Begriff, beschreibt vielmehr die Fähigkeit, die Belange und Interessen von Gruppen zu verstehen. Das können andere soziale Schichten sein oder fremde Kulturen. Emotionale und kognitive Empathie sind die Basis sozialer Empathie.

Frauen verfügen deutlich häufiger über kognitive Empathie

In der Studie der Forschenden von Cambridge stand also die kognitive Empathie im Fokus. Gemessen wurde sie mit dem "Reading the Mind in the Eyes Test". Er soll die Fähigkeit einer Person messen, den mentalen Zustand oder die Emotionen einer anderen Person zu erkennen. Dieser Test ist nicht neu. Er wird häufig verwendet, um festzustellen, ob jemand geistige oder kognitive Probleme hat. Den Proband:innen werden Bilder von Augenpartien gezeigt oder etwa Menschen, die einen bestimmten Gesichtsausdruck zeigen. Die Proband:innen müssen dann erklären, was sie sehen. Um kulturelle Unterschiede auszuschließen, wurden Daten aus der ganzen Welt gesammelt.

Insgesamt konnten die Forschenden Ergebnisse von fast 306.000 Menschen in 57 Ländern auswerten. In 36 Ländern schnitten Frauen im Durchschnitt signifikant besser ab als Männer. In 21 Ländern waren die Punktzahlen der Frauen und Männer ähnlich. Die Studie konnte jedoch nur erklären, dass es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Warum diese bestehen, bleibt offen. Studien an Tieren und Säuglingen zeigten jedoch ebenfalls einen geschlechtsspezifischen Unterschied, was eventuell auf eine genetische Grundlage hindeuten könnte. Die Ergebnisse sind ein erster Schritt in die Richtung zu verstehen, warum bestimmte psychische Gesundheitsprobleme mehr Männer als Frauen betreffen.

Verwendete Quellen: edition.cnn.com, pnas.org, psychologie-heute.de

Brigitte

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