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Ukraine-Krieg Was kann ich gegen dieses Gefühl von Ohnmacht tun?

Ukraine-Krieg: Augen einer Frau blicken durch die gelb-blaue Flagge der Ukraine
© tanitost / Shutterstock
Jeden Tag werden wir mit schlimmen Nachrichten aus der Ukraine konfrontiert. Ein Gefühlsmix aus Wut, Trauer und Ohnmacht entsteht. Wie können wir damit umgehen?
Am 24. Februar schockten die Nachrichten aus Osteuropa die Welt: Russland greift die Ukraine an, marschiert mit dem Militär ins Nachbarland ein, Krieg bricht aus - gefühlt vor unserer eigenen Haustür. „Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht“, sagte Außenministerin Annalena Baerbock am Tag des russischen Einmarschs. Seitdem vergeht kein Tag, an dem wir in den Nachrichten und sozialen Netzwerken nicht mit den Geschehnissen aus der Ukraine konfrontiert werden. Und während anderswo Menschen ihre Heimat verlieren, um ihr eigenes Leben und das ihrer Liebsten fürchten müssen und ohne Hab und Gut auf die Flucht getrieben werden, belastet der Krieg auch in Deutschland viele. Es bleibt ein Gefühl von Machtlosigkeit und Weltschmerz und die Frage: Wie gehen wir damit um?
Viele Menschen packt der Aktionismus: Sie solidarisieren sich mit den Ukrainerinnen und Ukrainern, sammeln Spenden, nehmen Geflüchtete in ihrem eigenen Zuhause auf, treffen sich zu großen Protestmärschen und Friedensdemos. Dennoch: Bei dem Gedanken an Krieg in Europa stößt unser Gehirn schnell an seine Kapazitätsgrenze. Alexandra Marold-Sattler, klinische Psychologin mit Spezialisierung in Neuropsychologie, erklärt gegenüber „Standard“: „Was aktuell passiert, ist im wahrsten Sinne des Wortes unvorstellbar“. Unser Gehirn könne die Information, dass jetzt Krieg ist, zwar erfassen, aber nicht emotional verarbeiten.
„Wir Menschen haben gerne die Kontrolle und mögen es, Situationen beeinflussen zu können. Wenn uns das genommen wird, kostet das massiv emotionale Ressourcen“, erklärt die Psychologin das Gefühl von Ohnmacht, das viele Menschen auch hierzulande ergreift.

Und wie geht man damit um?

Zunächst sollten wir darauf achten, den Strom von negativen Schlagzeilen zu reduzieren. Verfolgt man das Geschehen in der Ukraine, wird man stündlich mit neuen Wasserstandsmeldungen konfrontiert. „All die negativen Nachrichten kosten uns sehr viel Kraft. Man fokussiert von einer negativen Schlagzeile zur nächsten und kommt zu keiner Erholung mehr“, sagt Marold-Satter. Wichtig sei demnach, Informationen in Zeiten wie diesen besonders achtsam zu konsumieren und dem eigenen Gehirn Erholungsphasen zur emotionalen Verarbeitung zu gestatten.
Psychologe Dr. Leon Winterscheid erklärt im ZDF: „Gib deinem Kopf Zeit, um morgens überhaupt erst mal wach zu werden, anzukommen und vielleicht auch all das, was da aufgewühlt ist, sacken zu lassen“. Der Tag solle mit dem Smartphone in der Hand weder unmittelbar begonnen, noch beendet werden, rät er. Das Gefühl, jederzeit up-to-date sein zu müsse, koste nämlich nicht nur Kraft, sondern auch Zuversicht, dass sich die Zeiten wieder bessern werden.   
Zuversicht ist ein entscheidender Punkt. Denn so banal es klingt: Wie so oft im Leben hilft in Krisenzeiten eine positive Grundeinstellung. Diese allein reiche allerdings nicht aus, erklärt Psychologin Marold-Sattler dem Standard: „Jetzt jemandem zu sagen, dass man nur positiv denken müsse, damit es einem besser geht, ist wie jemandem mit Depressionen zu sagen, dass alles schon wieder gut werden wird. Es ist zu unkonkret“. Vielmehr braucht es – zusätzlich zu einer grundsätzlichen Portion Zuversicht - das richtige Werkzeug. Das bedeutet, den Informationsfluss so groß wie nötig und so klein wie möglich zu halten. „Man darf sich trotz all dieser Schwierigkeiten, die das Weltgeschehen mit sich bringt, erlauben, sich auch mal auf sich selbst zu konzentrieren.

Das eigene Leid nicht mit dem der anderen vergleichen

Am Ende des Tages sind wir Individuen, die mit Nachrichten unterschiedlich umgehen und eigene Bewältigungsstrategien entwickeln sollten. Manche Menschen suchen nach Antworten und schnellen Lösungen, andere brauchen Zeit. Im Gespräch mit Partner:innen, Freund:innen oder Verwandten die Gefühle und Gedanken verbalisieren, auf friedliche Demonstrationen gehen, den generellen Nachrichten-Input reduzieren: Es gibt viele Möglichkeiten, dem Gefühl von Ohnmacht entgegenzuwirken. Das Individuum steht dabei im Vordergrund, richtig oder falsch gibt es nicht. „Es ist im Moment aber auch ganz besonders schwierig, positiv zu bleiben“, weiß Neuropsychologin Marold-Sattler. „Schließlich hätten alle Gefühle Berechtigung. Auch wenn es vielleicht nur ein Gefühl der Akzeptanz ist. Akzeptanz, dass es gerade nicht gelingt, positiv zu bleiben.“ Entscheidend sei auch, dass wir uns selbst keine Vorwürfe machen. Ablenkung ist okay und auch unsere eigenen Alltagsprobleme sind durch Ereignisse anderswo nicht aus der Welt. Dr. Leon Winterscheid sagt im ZDF dazu: „Leid ist individuell. Und das, woran ich leide, muss ich nicht messen an einem anderen Leid“.

Quelle: Standard, ZDF 
Brigitte


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