Essen mit gutem Gewissen? Verdammt kompliziert heutzutage! đŸ˜±

Viele Lebensmittel schÀdigen bei der Produktion die Umwelt oder sind gar nicht so gesund sind, wie wir denken. Wie gehen wir damit um?

Tomaten aus Spanien? Eier aus konventioneller Haltung? Besser nicht. Viel ĂŒber Lebensmittel zu wissen, bedeutet, jeden Bissen zu hinterfragen – aber ist das gut? Lange Zeit dachte ich, ich hĂ€tte die ErnĂ€hrungsfrage abschließend fĂŒr mich gelöst. Ich esse seit 25 Jahren vegetarisch, mein letztes Fleisch waren Dosenravioli auf einem Campingkocher in DĂ€nemark, der letzte Fisch ein Rollmops nach einer Party. Ich wusste damals nicht, dass es fĂŒr immer sein wĂŒrde, aber meine Skrupel, etwas zu essen, was mal ein Körper gewesen war, gingen einfach nicht mehr weg.

Keime im Inkubator

FĂŒr mich war es leicht zu verzichten, der Fleischekel ist biografisch bedingt. Ich komme vom Land, in meiner Familie wurden jedes Jahr zwei Ferkel angeschafft, denen ich Namen gab und Tricks beibrachte, und irgendwann hingen sie in HĂ€lften geteilt hinterm Stall und alles roch nach warmem Blut. Heute wĂ€re das öko, zwei Schweine, Hausschlachtung. Damals jedoch war es eine tiefe ErschĂŒtterung. Wer einmal gehört hat, wie Schweine im Todeskampf schreien, wird nie wieder unbefangen ein Schnitzel essen.

Wir haben eine echte Verantwortung

Als Vegetarierin fĂŒhrte ich ein Leben als unschuldige Esserin. Wegen mir mussten keine Felder zur Futtererzeugung vergeudet, keine Meere leergefischt oder RingelschwĂ€nze abgehackt werden.

Aber trotzdem frage ich mich in letzter Zeit, ob das eigentlich reicht. Denn nur, weil ich kein Fleisch esse, liegt auf meinem Nutellabrot trotzdem ein glĂ€nzender Palmölschimmer, Öl, das in Indonesien Bauern in den Ruin treibt. Meine SojawĂŒrste unterstĂŒtzen womöglich die Gensaat-Mafia, man weiß ja nie ganz genau, wo das Soja herkommt. Und eigentlich ist es nicht okay, französisches Tafelwasser zu trinken, wenn es doch gute, regionale Quellen gibt. Eigentlich ist gar nichts mehr okay.

Mit jedem "Vegan"-Magazin, das ich mir im Ökoladen mitnehme und das mich daran erinnert, dass Milchprodukte zu essen den Klimawandel verschĂ€rft; mit jedem KantinengesprĂ€ch, in dem es um die Schummeleien der Lebensmittelindustrie geht, um mit Gelatine geklĂ€rte ApfelsĂ€fte und gefĂ€lschte Bioprodukte, fĂŒhle ich mich mehr unter Druck, kritischer zu sein, noch mehr darauf zu achten, dass, was ich esse, der Erde keinen Schaden zufĂŒgt. Man könnte es abtun als Erste-Welt-Sorgen einer Frau aus urban-liberalem Milieu, die in Ermangelung ernsthafter Probleme ĂŒber Tomaten nachdenkt. Aber genau das ist es nicht: Die Erste Welt hat hier tatsĂ€chlich eine echte Verantwortung.

Normalesser gibt es kaum mehr  - Essen ist eine Ersatzreligion geworden.

Beim aktuellen Hype ums Essen muss man die Lifestyle- von der Nachhaltigkeitsfrage trennen. Da sind einerseits die verwirrend vielen Food-Fakten; was ist wirklich gut und gesund? Ich kenne Leute, die so fein ausgeklĂŒgelte ErnĂ€hrungsziele verfolgen, dass sie zu einer Essenseinladung mit einer ganzen Tupperbatterie anreisen. Und wer je ein Wochenende mit Freunden verbracht hat, die gerade Low Carb machen, weiß, wie der Verzicht auf Kohlenhydrate jedes andere Thema ĂŒberlagern kann.

Eine Freundin erzĂ€hlte mir, ihre Tochter habe beschlossen, niemals wieder "etwas mit Zucker" zu trinken. Das MĂ€dchen trinkt Wasser und grĂŒnen Tee, ganzjĂ€hrig. Sie ist elf. Ich glaube, es stimmt: Essen ist wirklich eine Art Ersatzreligion geworden, Kontrolle, Leistungswille und Selbstoptimierung haben ihren Anteil. FĂŒr viele Menschen ist entscheidend, was sie nicht essen, manchmal denke ich, Normalesser gibt es kaum mehr.

800 Millionen Menschen hungern 

Neulich saß ich im Flugzeug neben einer jungen Frau, das Bordessen kam, sie stellte keine einzige Frage zu Emulgatoren oder Histaminen, sondern aß einfach die kleinen BehĂ€lter leer. Ich war verblĂŒfft; es war lange her, dass ich jemandem zusah, der einfach aß, ohne genau zu wissen, was drin ist.

Aber die ErnĂ€hrungsfrage geht tiefer. Denn an dem, was wir uns auf den Teller fĂŒllen, hĂ€ngt nicht nur unsere Gesundheit, sondern hĂ€ngen die großen, humanitĂ€ren und geopolitischen Fragen, die Klima und Wasser, den Boden und damit die gesamte Menschheit beeinflussen.

Alles ist mit allem verbunden: Das Industrieschwein wird mit Getreide gefĂŒttert, wĂ€hrend 800 Millionen Menschen hungern; das Ei kommt aus industrieller Landwirtschaft, die der zweitschlimmste Klimakiller ist und zu weltweiten DĂŒrren und Fluten fĂŒhrt: Moderne Landmaschinen verdichten den Boden so, dass Wasser nicht mehr einsickern kann, was die KlimaerwĂ€rmung fördert und damit die Existenz der Bauern in den trockenen Regionen gefĂ€hrdet. Und die Gurke stammt womöglich aus einem Betrieb, der, staatlich subventioniert, in Afrika die lokalen Gurkenpreise verdirbt.

FĂŒr unser Essen wird im großen Stil Wald abgeholzt 

Die Faktenlage ist eindeutig. Unsere ErnÀhrung verursacht 30 Prozent der globalen Treibgasemissionen und verbraucht 70 Prozent des weltweit genutzten OberflÀchen- und Grundwassers.

Durch Erosion gehen jedes Jahr mehr als 24 Milliarden Tonnen fruchtbaren Bodens verloren – mit ausgelöst durch die Abholzung der WĂ€lder fĂŒr Weiden und Felder zum Futteranbau. Unser Essverhalten richtet etwas an in der Welt, und wir sind darin verwickelt. Deshalb wollen viele Menschen sanft konsumieren, Ressourcen schonen, die Macht der Lebensmittelindustrie aushebeln.

Das ist an sich eine schöne Entwicklung. Aber sie hat einen Riesenhaken: das stĂ€ndige schlechte Gewissen. Nicht wie frĂŒher, wenn nach dem "Tatort" die ChipstĂŒte leer war. So etwas quĂ€lt einen zwar auch heute noch, aber es ist nichts im Vergleich zu den Gedanken, die man sich um die Erzeugungsbedingungen einer einzelnen Avocado machen kann. Viel ĂŒber die Herkunft der Lebensmittel und die komplexen ZusammenhĂ€nge ihres Anbaus zu wissen bedeutet auch, jeden Bissen zu hinterfragen. Und das Dilemma ist unlösbar. Es gibt nicht die eine Checkliste, nach der moralisch einwandfreies Essen möglich ist, dazu ist unsere Welt zu durchglobalisiert. Es gibt nur Optionen.

Fördert GrĂŒnkohl den Rassismus?

Zum einen könnten wir ganz und gar auf Erzeugnisse setzen, die in der unmittelbaren Umgebung angebaut werden. Der Trend geht dahin, und ökologisch ist das allemal sinnvoll. Aber zugleich ist es auch irgendwie protektionistisch, und nationale Abgrenzungen halte ich in Brexit- und Trump-Zeiten fĂŒr das falsche Signal. Ich sage nicht, dass GrĂŒnkohl den Rassismus fördert – aber ist es nicht ein befremdliches GefĂŒhl, auf dem Teller eine fast protestantische Heimathinwendung zu zelebrieren, in einer Zeit, in der mit Ă€hnlichen GefĂŒhlen populistische Politik gemacht wird? Nein, ich möchte weiterhin Papaya essen, und ich möchte niemandem das Importbier missgönnen.

Ein anderer Weg wĂ€re, sich zu ĂŒberlegen, welche Anliegen einem wirklich am Herzen liegen. Bei mir ist es das Tierwohl, bei anderen der Verzicht auf Industrieessen oder der Spaß daran, selbst zu gĂ€rtnern. Ich glaube, wir mĂŒssen uns davon freimachen zu glauben, dass wir als Einzelne jedes Problem der Menschheit persönlich lösen mĂŒssen.

Essen ist auch deshalb kompliziert geworden, weil es sich als Instrument der SelbstermĂ€chtigung anbietet; wĂ€hrend wir ĂŒberall die Kontrolle verlieren, glauben wir, da, wo wir unser Leben unmittelbar beeinflussen können, ĂŒberregulieren zu mĂŒssen, sei es durch Superfood und Weißmehlverzicht oder durch den politischökologisch korrekten Lebensmitteleinkauf.

Ein entspannter Umgang mit Essen ist trotzdem wichtig

Nur: Wir können nicht qua Schöpfkelle die Bauern in Afrika stĂ€rken und so die GrĂŒnde der Menschen, von dort zu fliehen, minimieren. Das kann nur eine koordinierte Handelspolitik. Aber wir können etwas ausrichten, wenn wir zum Beispiel nur so viel einkaufen, wie wir auch verbrauchen. Wir können mĂŒhelos weniger Fleisch essen, ohne einen Mangel zu erleiden. Und wir können fĂŒr eine andere Landwirtschaft streiten, es gibt gute Konzepte, die unsere Agrarindustrie so umkrempeln, dass es den Tieren gut geht, den Böden, dem Grundwasser und sogar den Landwirten.

Und dann dĂŒrfen wir auf das, was wir damit bewirken, stolz sein. Sonst gerĂ€t etwas in Gefahr, was wir dringend brauchen: ein entspannter Umgang mit dem Essen, das unsere Sinne anspricht und uns zusammenbringt.

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Wer hier schreibt:

Meike Dinklage
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