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Ungewollte Schwangerschaft Betroffene müssen kämpfen

Ungewollte Schwangerschaft: Frau mit Schwangerschaftstest
© Diego Cervo / Shutterstock
Spießrutenlauf vor den Praxen, lückenhafte Informationen, Ärztemangel – für ungewollt Schwangere wird es immer komplizierter, Hilfe zu bekommen. Und Corona macht es noch schlimmer. 

Polen ist vermutlich das erste Land, an das man denkt, wenn es um Frauen geht, denen der Zugang zu einem Schwangerschaftsabbruch erschwert wird. Dort gibt es eines der restriktivsten Abtreibungsgesetze Europas; als es im Herbst noch mal verschärft werden sollte, kam es zu massiven Protesten. Für Frauen aus Polen ist Deutschland oft die Rettung. Die Organisation „Ciocia Basia“ etwa kümmert sich um Schwangerschaftsabbrüche in Berlin.

Dabei sind auch bei uns die Hürden hoch – und werden eher höher. „Wir müssen wirklich aufmerksam sein, das zu halten, was wir erreicht haben“, sagt Dr. Jutta Pliefke, Ärztin bei pro familia in Berlin. Das Problem beginnt beim Thema Information. Und das nicht nur wegen selbsternannter Lebensschützer*innen, deren Internetseiten bewusst verunsichern wollen.

Nach der Neuregelung des Paragrafen 219a dürfen Ärztinnen und Ärzte außer dem Hinweis, dass sie Abbrüche vornehmen, weiterhin keine detaillierten Informationen auf ihrer Homepage geben. Dafür wurde ein bundesweites Adressregister mit Praxen und Kliniken erstellt (bundesaerztekammer.de, erstes Schlagwort unter „Patienten“). „Aber das ist schwierig im Netz zu finden und es steht kaum etwas drauf“, so Monika Börding, Geschäfts- führerin von pro familia in Bremen. Aktuell sind es knapp 350 Praxen und Kliniken.

Ungewollt schwanger im Dschungel der Nicht-Information

Auch Kristina Hänel, die schon wegen Verstoßes gegen §219a verurteilt wurde, ist nicht dabei. Sie kritisiert, die Liste enthalte nicht das, was Frauen wirklich wissen müssen: Details zum chirurgischen Abbruch und zum Zeitrahmen der verschiedenen Methoden. „Viele Kolleginnen und Kollegen haben auch einfach Angst“, so Jutta Pliefke. Die Liste berge die Gefahr, Abtreibungsgegner*innen ihre Proteste noch leichter zu machen. Für Frauen wird der Besuch einer Praxis durch die Mahnwachen davor oft zum Spießrutenlauf. „Der Dschungel an Nicht-Information ist durchaus gewollt und führt leider dazu, dass viele Frauen relativ spät kommen“, sagt Monika Börding. Da der medikamentöse Abbruch nur bis zur neunten Woche möglich ist, kann die Methode dann oft nicht mehr frei gewählt werden.

Auch die reale Versorgung ist lückenhaft. 2003 nahmen noch 2050 Kliniken und Praxen Abbrüche vor, heute sind es 1120. „Es gibt schon jetzt Regionen, die völlig unterversorgt sind“, sagt Jutta Pliefke. Auch Ärzt*innen müssen immer öfter weit fahren: „Derzeit kompensieren wir mit einem Arzt aus Holland, den wir eigentlich schon in Rente geschickt hatten, und einem aus Belgien“, berichtet Monika Börding aus Bremen. Der Mangel wird sich verschärfen. Viele der niedergelassenen Medizi­- ner*innen – bei ihnen erfolgen 80 Prozent der Abbrüche – sind älter, jüngere kommen kaum nach. Einer der häufigsten gynäkologischen Eingriffe gehört nicht zur ärztlichen Weiterbildung, auch eine medizinische Leitlinie gibt es bis heute nicht. „Solange der Abbruch eine Straftat ist, die lediglich unter be­stimmten Bedingungen straffrei bleibt, ist es natürlich schwer, ihn verpflichtend zu verankern“, sagt Jutta Pliefke. Sie engagiert sich bei „Doctors for Choice“, die aus den „Medical Students for Choice“ entstanden sind und Fortbildungen an­bieten. „Doch ob und wann sich dadurch wirklich die Versorgung verbessert, ist schwer zu sagen.“

Corona erschwert Schwangerschaftsabbrüche

Zudem verschlimmert die Pandemie die Lage. Zwar sind die verpflichtenden Beratungstermine nun meist auch per Telefon oder Video möglich und die Kostenübernahme durch die Krankenkasse, die Frauen mit wenig Einkommen zusteht, kann online beantragt werden. „Aber mit geringen Deutschkenntnissen und ohne die technischen Voraussetzungen ist das eine echte Herausforderung“, so Jutta Pliefke. Und Monika Börding berichtet: „Wir hören in der Beratung von Frauen, dass sie in der Klinik keinen Termin bekommen, weil dort der Abbruch zu den sogenannten elektiven, also verschiebbaren Maßnahmen gezählt wird.“ Auch bei pro familia in Bremen ist die Versorgung eingeschränkt: „Wegen der Abstands- und Hygieneregeln können wir nur etwa 15 Termine pro Tag vergeben statt 18. Im ersten Lockdown waren es zehn. Wir mussten also Frauen unversorgt entlassen.“ Ob diese tatsächlich wie empfohlen nach Hamburg gegangen sind, weiß Monika Börding nicht. Genauso wenig kennt sie die Gründe, warum im Lockdown deutlich mehr Frauen nicht zu ihrem Abbruchtermin erschienen.

Angesichts von Corona fordert „Doctors for Choice“, den Abbruch mit Medikamenten zu Hause durchführen zu können. Momentan müssen die Mittel in der Praxis genommen werden. Auch wenn sich viele Frauen die Methode wünschen, wird sie bei uns kaum angeboten. Dafür wenden sich immer mehr an „Women on Web“. Die Organisation hilft in Ländern wie Polen beim Abbruch in Eigenregie mit Pillen per Post, verschickt aber auch hierzulande etwa 20 Pakete monatlich, seit April 2019 nahmen 1200 Frauen an der Online-Beratung teil. Laut einer Studie wünschen sich viele von ihnen Selbstbestimmung und Privatsphäre, knapp die Hälfte gab Zwänge wie ein kontrollierendes Umfeld oder finanzielle Not an. „Du lebst in einem Land, in dem der Zugang zu einer sicheren Abtreibung gegeben ist“, erscheint als Hinweis bei „Women on Web“, wenn man angibt, woher man kommt. Es klingt fast ein bisschen zynisch.

Immer weniger Fälle Gut 100000 Schwangerschaftsabbrüche gibt es bei uns jährlich, über 96 Prozent nach der Beratungsregelung bis zur 12. Woche, nur knapp vier nach medizinischer Indikation. Die Gesamtzahl ist in den letzten 15 Jahren um ca. 30000 gesunken. Der Rückgang zeigt sich vor allem bei 18- bis 25-Jährigen, aber auch bei Minderjährigen. Auf diese entfielen 2019 gut 2700 Abbrüche; auf Frauen über 40 dreimal so viele.

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